Nr. 35/2007 vom 30.08.2007

Ein ganz legaler Wachmacher

Der Andenstaat will mit dem Kokastrauch einen neuen Industriezweig aufbauen. Denn die alte Kulturpflanze hilft gegen fast alles und schmeckt als Bioguezli ausgesprochen fein.

Von Toni Keppeler, La Paz

Der Flughafen von La Paz liegt gut 4100 Meter über dem Meeresspiegel. Das ist mehr als 600 Meter höher als die Bergstation der Jungfraubahn, und schon dort kippen FlachländerInnen wegen des knappen Sauerstoffs um. Ganz so schlimm war es bei der Ankunft in Bolivien nicht: Schwindelgefühle vor dem Schalter der Einreisebehörde, beim anschliessenden Geldwechseln bohrt sich ein Schmerz ins Gehirn. Das Hotel ist auf solche Kalamitäten vorbereitet. Dezent liegen dort, gleich neben dem Wasserkocher, zwei Teebeutelchen mit fein geschnittenen Kokablättern. Aufgebrüht schmeckt das Zeug so langweilig wie früher die Kräutertees in der Jugendherberge. Aber es hilft. Nach kurzer Zeit lassen Kopfschmerzen und Schwindelgefühle nach.

Die Indios im Hochland von Bolivien wissen seit Jahrtausenden, dass Koka gegen die Höhenkrankheit hilft, und Evo Morales weiss es auch. Er ist nämlich nicht nur Präsident des Landes, sondern gleichzeitig Vorsitzender der Vereinigten Gewerkschaften der KokabäuerInnen. Und er fühlt sich seinen KollegInnen verpflichtet. Er fördert den Kokaanbau; nur den legalen, versteht sich. Damit das auch klar ist, heisst das Motto der entsprechenden Regierungskampagne «Coca no es cocaína» - «Koka ist kein Kokain».

Tatsächlich enthält das Kokablatt höchstens ein Prozent der stimulierenden Substanz und zudem grosse Anteile von Kohlehydraten, Kalzium, Proteinen, Eisen und den Vitaminen A und B2. Ein gesundes Pflänzchen also. In bolivianischen Buchhandlungen kann man Heilkundefibeln finden, die Kokarezepturen gegen allerhand Zipperlein enthalten. Ob Gebärmutter- oder Lungenentzündung, Blutungen, Brüche oder Bronchitis - nahezu alles kann mit Koka geheilt werden. Und weil es heilend wirkt, gilt das Blatt dem Volk der Aymara seit Jahrtausenden als heilig.

Karriere eines Blattes

Lange wurde Koka nur zeremoniell oder in der Medizin verwendet. Oder auf Reisen, weil das Kauen von Kokablättern wach hält und den Hunger unterdrückt. Erst in der Kolonialzeit wurde Koka massenhaft eingesetzt. Die Spanier beuteten die Silbervorkommen der Andenregion aus. Damit die Einheimischen in den bis zu 5000 Meter hoch gelegenen Minen ohne viel zu essen lange schuften konnten, gab man ihnen Koka zum Kauen. Das Blatt war für den Andenkapitalismus so wichtig, dass es die Regierung in einem Dekret 1940 zum Grundnahrungsmittel erklärte. Minenarbeiter bekommen noch heute beim Einfahren in den Stollen eine im Tarifvertrag festgeschriebene Menge des Krautes ausgehändigt.

In den siebziger Jahren wurden die bis dahin staatlichen Minen privatisiert - mit Massenentlassungen als üblicher Folge. Doch für die arbeitslosen Arbeiter gab es eine lukrative Alternative: Statt Koka nur zu kauen, bauten sie es an. In den USA stieg Kokain in diesen Jahren zur Modedroge auf, die Nachfrage war gross. Die Anbaufläche erhöhte sich von zirka 10 000 Hektar auf über 50 000 Hektar. Kolumbianische Drogenkartelle konnten in den achtziger Jahren Kokapaste auf offener Strasse kaufen.

Illegal und legal

Anders als die Regierungen in Peru und Kolumbien gingen die bolivianischen Behörden nie sonderlich repressiv gegen den Kokaanbau vor. «Die Regierung muss eine Allianz mit den Kokabauern eingehen und darf nicht ihre wirtschaftliche Basis zerstören», sagt der ehemalige Staatssekretär Hanibal Aguilar, der in den achtziger Jahren den sanften bolivianischen Weg entworfen hat, welcher im Prinzip bis heute gilt. «Durch eine Schocktherapie werden sie nur in die Arme der Drogenhändler und der Guerillas getrieben.»

Für den traditionellen Gebrauch wurden Ende der achtziger Jahre 12 000 Hektar Kokapflanzungen in Bolivien legalisiert, jede Familien darf ein Cato - vierzig mal vierzig Meter - behalten. Für amtlich vernichtete Kokaplantagen gibt es Entschädigungen. In den achtziger und neunziger Jahren sank die Anbaufläche von über 50 000 Hektar auf rund 15 000 Hektar im Jahr 2000, die Einkünfte aus dem Drogenhandel gingen in dieser Zeitspanne von rund 800 Millionen Dollar im Jahr auf knapp 300 Millionen zurück.

Heute umfassen die Anbauflächen wieder rund 30 000 Hektar. Präsident Morales hat seinen GewerkschaftsgenossInnen versprochen, den legalen Anteil dieser Plantagen von 12 000 auf 20 000 Hektar zu erhöhen. Natürlich nicht für die Kokainkartelle. Nein, in Bolivien soll eine Kokaindustrie entstehen, die die positiven Eigenschaften des Blattes nutzt. In bescheidenem Umfang gibt es sie schon. Gleich neben dem Platz vor der San-Francisco-Kirche von La Paz, wo Kunsthandwerk für TouristInnen angeboten wird, hat eine Aymarafrau ihren Stand. Neben Kokablättern und Kokatee hat sie verschiedene Naturheilmittel, Shampoos, Gesichtscrèmes, Lutschbonbons und Kaugummis auf Kokabasis im Angebot. Selbst Kokawein verkauft sie. Er schmeckt ein bisschen wie Hustensaft und hat - in mässigen Mengen genossen - die Wirkung üblicher alkoholischer Getränke. Auf der Flasche steht, man solle sich nicht mehr als drei Gläser pro Tag gönnen.

Ernte mit Insektengift

Senator Lino Vilca konsumiert Koka ganz traditionell: Er kaut es. Bevor er in den Senat gewählt wurde, war er Vorsitzender der KokabäuerInnengewerkschaft im traditionellen Anbaugebiet von Los Yungas. Beim Jahreskongress seines Syndikats in Irupana, 120 Kilometer nordöstlich von La Paz, wird er als Ehrengast erwartet. Die Strasse windet sich zunächst auf knapp 5000 Meter hinauf. Dann wird sie zur einspurigen Schlammpiste und schlängelt sich, an garstige Abgründe geklebt, durch Bachbetten und unter Wasserfällen hindurch auf 1400 Meter herunter. Nach sechs Stunden Fahrt erreicht man Irupana, ein 6000-EinwohnerInnen-Städtchen aus Kolonialhäuschen und heruntergekommenen Betonbauten. Gut tausend Kokabäuerinnen und -bauern warten in einer grossen Halle.

Das Präsidium sitzt auf dem Podium hinter einem Tisch. Ein Kleinbauer schüttet einen Sack Kokablätter darauf aus. Im Lauf des Tages muss er das mehrfach tun. Kokablätter haben mit Erdnüssen gemein, dass man anfängt zu knabbern und nicht mehr aufhören kann. Am Abend haben die Gewerkschaftsführer geweitete Pupillen. Sie sind guter Dinge.

«Das Koka hier hat mittlere Qualität», sagt Luis Poma, ein Kokabauer. Beste Qualität, das wären zarte, tiefgrüne, kaum geäderte Blättchen, die im Mund fast zergehen und beim Kauen so gut wie keinen Rest hinterlassen. Mindere Qualitäten wachsen im Tiefland. Sie sind grossadrig und fast ledern, enthalten aber mehr Kokain. Pomas Pflanzung ist in schmalen Terrassen an den Hang gebaut. In ein paar Reihen stehen Setzlinge. Andere Sträucher sind schon zwei Jahre alt und kniehoch, und wieder andere erreichen einen Meter. «In manchen Gegenden werden sie höher», sagt Poma. «Aber hier ist der Boden schon erschöpft.» Auf den Hügeln rund um Irupana steht fast nichts als Koka, und es gibt Schädlinge - der Fluch der Monokultur. Würmer gehen den Sträuchern an die Wurzeln, Blattschneiderameisen «können ein halbes Cato in einer Nacht wegräumen.» Poma spritzt deshalb Gift.

Alle drei Monate erntet er sechs bis sieben 25-Kilo-Säcke. Die Blätter werden einfach von den Zweigen gerissen, dann auf grossen Netzen getrocknet und schliesslich in Säcke gepresst. Das Gift bleibt dran. Auf dem Kokagrossmarkt in La Paz gibt es für diese Qualität rund neunzig Dollar pro Sack. Siebzig Prozent der Einkünfte von Irupana hängen am Koka, sagt Bürgermeister Clemente Mamani. Alles natürlich legal. «Dass es hier Drogenhandel gibt, habe ich als Kind einmal gehört», sagt er. «Aktuell ist das kein Problem.» Wer das wohl glauben mag? Der Preis für Koka ist nur deshalb viel höher als der anderer Grundnahrungsmittel, weil es gleichzeitig eine Nachfrage vom Schwarzmarkt gibt. René Sanabria, Chef der bolivianischen Antidrogenpolizei, schätzt, dass mehr als fünfzig Prozent der Produktion des Landes in den internationalen Drogenhandel gehen.

Ein Rezept für Kokaguezli

Auf den Strassen, die aus den Anbaugebieten führen, gibt es Kontrollstellen, und im Kokagrossmarkt von La Paz müssen alle ProduzentInnen beim Wareneingang und alle HändlerInnen, die die Säcke hinauskarren, ihre Papiere abstempeln lassen. Ein Cato produziert etwa sechs Säcke Koka alle drei Monate, erklärt die Beamtin des Landwirtschaftsministeriums, die den Umtrieb im Kokakontor überwacht. Die Hälfte dieser Menge dürfen BäuerInnen auf dem Grossmarkt verkaufen, die andere sei für den lokalen Markt vor Ort. Neuerdings aber gibt es Ausnahmeregelungen, nach denen gewisse ProduzentInnen bis zur dreifachen Menge Koka auf den Grossmarkt bringen dürfen. «Es gibt einen richtigen Ansturm auf diese Genehmigungen», sagt die Beamtin.

Ein paar Häuserblocks vom Grossmarkt entfernt stehen die Produktionshallen des Unternehmers Javier Hurtado. Früher war er Trotzkist, weshalb er Anfang der achtziger Jahre ins Exil ging, in Berlin in einem besetzten Haus wohnte und dort die Anfänge der Ökobewegung kennenlernte. Er stammt aus Irupana, und so heisst heute seine Naturkostladenkette, in der er neben biologischem Kaffee, Amarant und Quinoa der bolivianischen Mittelschicht allerlei feine Kokaprodukte verkauft: Heilessenzen, Lutschbonbons, Kekse, Mehl. Seinen Rohstoff kauft er nicht bei den Kleinbauern von Irupana; er produziert ihn selbst, rein biologisch. Er ist weltweit der einzige amtlich zertifizierte Biokokabauer. Man schmeckt es. Seine Kokaprodukte habe eine andere Qualität als die eher rustikalen der Aymarafrau bei der Kirche von San Francisco.

Natürlich freut sich Hurtado, dass sein Präsident die Vermarktung von Koka fördert. Aber das Motto sei schwachsinnig. Von wegen, dass Koka kein Kokain sei. «Ohne Kokain wäre Koka völlig langweilig», sagt er. «Kokain stimuliert. Es nimmt dir die Depressionen. Du bleibst wach, ohne nervös zu sein.» Für lange Autofahrten, aber auch etwa für Studenten im Examensstress sei das «fantastisch». Und warum nicht einen Kokakeks nach einem reichhaltigen Essen? «Das fördert die Verdauung.»

Dass Hurtado getrocknete Blätter zu Mehl mahlen und in Süssigkeiten mischen lässt, sei nur ein erster Schritt. Er träumt von Kokakaugummis, die anders sein müssten als diejenigen, die heute schon auf der Strasse verkauft werden und denen einfach fein geschnittene Blätter beigemischt wurden: «Da bleibt immer ein ekliger Rest im Mund.» Man müsse das Zeug konzentrieren und mit einer organischen Kaumasse mischen. «Aber da ist man dann nahe an einer richtigen Droge und kann schnell mit dem Gesetz in Konflikt kommen.» Ein Kollege von ihm stellt Lutschbonbons aus Kokakonzentrat her, und die haben tatsächlich eine frappierende Wirkung. Wie das weisse Pulver betäuben die Pastillen die Schleimhäute. Aber im Kopf ist man hellwach, und im Mund bleibt kein ekliger Rest zurück.

Hurtado verkauft diese Drops; an die Produktion wagt er sich selbst noch nicht. Sein Renner sind Kekse in der Form eines Kokablatts. Zur Herstellung von 200 dieser Guezli nehme man 800 Gramm Butter, 800 Gramm Zucker, 8 Eier, 5 Gramm Salz, 25 Gramm Milchpulver, 5 Milliliter Vanilleessenz, 1900 Gramm weisses Mehl, 60 Gramm Kokamehl und 25 Gramm Backpulver. Das alles wird zwei Minuten in der Maschine oder zehn Minuten von Hand geschlagen, bis ein schlammig aussehender grüner Teig entsteht. Der wird ausgewellt, dann werden die Kekse mit einer Form ausgestochen. 10 bis 15 Minuten bei 180 bis 200 Grad backen. Lecker. Schade, dass Migros die Kekse nicht im Angebot hat.

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