Nr. 37/2007 vom 13.09.2007

SklavInnen für 15 Euro

Sizilien ist einer der Gemüsegärten Europas. Hier arbeiten MigrantInnen zu tiefen Löhnen und miserablen Bedingungen. Eine Reportage aus den mit Folien bedeckten Feldern.

Von Angela Huemer

Nach stundenlanger Fahrt durch gebirgiges, kahles, gelbbraunes Land, verbrannt von der Sonne, erreichen wir die Stadt Vittoria im Süden Siziliens. Auf der Piazza erwartet uns Gaetano Malannino, Landwirt aus Leidenschaft und Aktivist von Altra Agricoltura. Die «andere Landwirtschaft» ist ein loser, italienweiter Bund von Bäuerinnen und Agrarunternehmern, der sich nach dem G8-Gipfel in Genua 2001 gebildet hat. Vor drei Jahren hat Malannino ein kleines Bauerngut erworben. Mit dem Betrieb hat er auch drei Rumänen «erworben»: Vasile, dessen Frau Agata und Vasiles Bruder Livio. Malaninno hat ihren Aufenthaltsstatus legalisiert.

Tags darauf lernen wir Vasile bei der Traubenlese kennen. Entgegen den Erwartungen sind die Arbeitsbedingungen erträglich, die Plastikplanen über den Rebstöcken kühlen. Ein befreundeter Händler hat hundert Kisten, rund 800 Kilo Trauben, bestellt. Rote Esstrauben, die köstlich schmecken, aber nur 55 Cent pro Kilo einbringen. Gegen Mittag begleiten wir Vasile in die nagelneue Lagerhalle im nahen Ort Mazzarone. Hier ist es grün, hügelig, es gibt Wein- und Gemüsefelder. Viele sind mit Plastikplanen bedeckt - das sind die «serre», die Treibhäuser.

Drei von Vasiles vier Geschwistern leben in Vittoria, ausser Livio sind es noch zwei Schwestern, sie arbeiten als Haushaltshilfen. Nur ein Bruder ist zu Hause in Rumänien geblieben. Vasile verdient rund tausend Euro im Monat und wohnt gratis. Später sagt Malaninno, dass er ihn tageweise bezahle, dazu zehn Euro Sozialabgaben pro Tag. Keine Festeinstellung. Ohne eigenes Auto sind die meisten von Vasiles Landsleuten ziemlich isoliert und den «Padroni» ausgeliefert, die Frauen noch mehr. Sexueller Missbrauch ist weit verbreitet.

Reichtümer aus Europa

An diesem Morgen macht Malaninno 440 Euro Umsatz. Seine Kosten kann er damit kaum decken, 63 Euro bezahlt er allein für die Transportkisten. Beim Mittagessen erzählt er vom Hungerstreik, den er mit vier anderen Bauern im Februar einige Tage lang durchgehalten hat, um auf die Situation der kleinen Agrarunternehmer aufmerksam zu machen. Es war seine Idee, er ist stolz darauf, und das Medienecho war gross. Im Moment bereitet er eine Unterschriftensammlung für ein Gesetz vor, das die Landwirtschaft als Kulturgut schützen und sicherstellen soll, dass Bauern und Bäuerinnen von dem leben können, was sie produzieren. Sizilien war einst die Kornkammer des Römischen Reichs, heute ist es einer der Gemüsegärten Europas: Kartoffeln, Tomaten, Zucchini, Auberginen, Paprika, Pistazien, Mandeln, Feigen, Orangen, Zitronen, Weintrauben, Oliven, Melonen. Besonders intensiv wird in der Gegend von Vittoria Landwirtschaft betrieben. Achtzig Prozent der Bevölkerung leben davon. Das Land war nie gerecht aufgeteilt, es herrschte Feudalwirtschaft. Es gab Grossgrundbesitzer, Tagelöhnerinnen, später Pächterinnen und Halbpächter. TouristInnen verirren sich kaum nach Vittoria. Ausser der schmucken Piazza mit Kirche und Theater gibt es wenig zu sehen.

Fünfzig Meter von der Piazza entfernt ist ein Phonecenter, in den Kabinen hängen nur arabische Hinweistafeln, in der Bar daneben prangt eine grosse tunesische Flagge. Wir treffen Giuseppe «Peppe» Scifo, unseren Gastgeber in Vittoria und Verantwortlicher der Landarbeitergewerkschaft. Peppe ist hier geboren. Er erzählt uns von der Geschichte seiner Stadt. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es einen Aufstand der Tagelöhner, eine der Devisen lautete: «La terra si acquista non si conquista» (Land wird erworben, nicht erobert). Dank der neuen Treibhaustechnik konnten auch kleine GrundbesitzerInnen von ihrem Land leben. Die Bemühungen, Genossenschaften zu bilden, schlugen fehl, weshalb das Land heutzutage stark zerstückelt ist.

Peppe erklärt uns, wie sich graue Arbeit, Schwarzarbeit und Sklavenarbeit unterscheiden. Graue Arbeit bedeutet, dass einer keinen ganzjährigen Arbeitsvertrag erhält. Die existierenden Tarifverträge für Saisonarbeiter werden kaum eingehalten. MigrantInnen hingegen erledigen Schwarzarbeit. Paradoxe Situationen entstehen. Da die Aufenthaltserlaubnis an den Arbeitsvertrag gebunden ist, kommt es oft vor, dass ein Immigrant bei einem Landwirtschaftsbetrieb schwarzarbeitet und bei einem anderen offiziell angemeldet ist. Sklavenarbeit schliesslich leisten diejenigen, die keine Papiere haben und sich deshalb nicht wehren können. Die Folge: schlechtere Bezahlung und Arbeitsbedingungen für alle.

Neu hinzugekommen sind in den letzten Jahren die Lagerhallen, in denen sortiert und verpackt wird. Dort arbeiten fast nur Frauen, vielfach solche, die vorher nie oder im eigenen Betrieb gearbeitet haben. Die Arbeitsbedingungen sind schwierig, es ist monotone, fliessbandartige Arbeit, die Frauen kommen oft von weit her. Ihr Arbeitstag beginnt frühmorgens um 4.30 Uhr und endet erst um 8 Uhr abends.

Schlafen auf dem Feld

Zwischen den verschiedenen Einwanderergruppen gibt es zunehmende Rivalitäten, vor allem zwischen den Tunesiern, die am längsten hier sind, und den Rumänen. Davon erzählt auch Rabia, den wir mit seinem Freund Mohamed treffen. Rabia ist seit 2004 in Italien. Mit dem Flugzeug reiste er in die Türkei, dann über Bulgarien, wo die Polizei ihn geschlagen habe, nach Griechenland, von dort mit falschen Papieren per Flugzeug nach Brüssel. Über Frankreich kam er nach Italien. Rabia hat etwas Trauriges an sich, seine Augen leuchten nur, wenn er von Tunesien erzählt.

Rabia stammt aus der Gegend von Monastir, er war Lastwagenfahrer. Warum ist er denn weggegangen? Seine grosse Liebe sei schuld, meint er. Ihr Vater wollte sie ihm nicht zur Frau geben, weil er keine «Reichtümer» aus Europa aufweisen konnte, also verkaufte er alles und machte sich auf den Weg. Er bereut es, hergekommen zu sein. Aber ohne Papiere gibt es kein Zurück. Weil er illegal im Land weilte, sass er einen Monat im Gefängnis. «Warum, ich hab doch nichts gemacht?», fragte er den Carabiniere. Er kam frei mit der Anordnung, das Land zu verlassen. Rabias grosse Liebe hat mittlerweile einen in Italien lebenden Tunesier geheiratet, er will sie nie wieder sehen.

Mohamed hatte im Gegensatz zu Rabia schon einmal Papiere. Er kam 2003 nach Schwäbisch-Hall, um Deutsch zu lernen, aber das Geld reichte nicht. In Frankreich, wo er bei Verwandten untergebracht war, half er bei der Apfelernte und verdiente dabei siebzig Euro pro Tag. Nach einer Kontrolle zog er weiter zur Tomatenernte nach Italien. Am besten erging es ihm in Viterbo nahe Rom: Er erhielt sechs Euro pro Stunde und freie Unterkunft. Im Moment wartet er wieder einmal auf Papiere - diese laufen immer aus, sobald die Arbeit zu Ende ist.

Rabia und Mohamed haben kaum Kontakt zu den Italienern, noch weniger zu den Rumäninnen oder Polen. Im Gegenteil, beide sind sich einig, diese drückten die Löhne noch mehr. Sie geben sich mit 15 bis 20 Euro pro Tag zufrieden, vorher wurden 35 bis 40 Euro gezahlt. Das Café, in dem sie sitzen, könnte auch in Tunesien sein, so abgeschlossen und weit weg erscheint es von der nahe gelegenen Piazza. Was hat Mohamed über die Rumänen gesagt? «Sie sind hier, um hier zu leben.» Die Tunesier, ergänze ich für mich, sind hier, um besser und erfolgreicher wieder zurückzugehen.

Letzte Station. Cassibile bei Syrakus, ein kleiner nichtssagender Ort neben einem alten, verlassenen Borgo. Fährt man ein wenig abseits der Hauptstrasse, gelangt man über die Felder zum herrschaftlichen Haus des alten Marchese, des Herrn des ehemaligen Feudums. Hier beginnt das Erntejahr mit den Kartoffeln. Die Erntearbeit wird fast ausschliesslich von MigrantInnen verrichtet. In Cassibile leben rund 300 MarokkanerInner, es gibt sogar eine Moschee. Einige von ihnen fungieren als Caporali, als VorarbeiterInnen. Für die Rekrutierung der meist schwarzarbeitenden ErntehelferInnen hier streichen sie fünfzehn der hier üblichen fünfzig Euro Tageslohn ein. Ein brutales System, in dem die Armen die noch Ärmeren ausbeuten.

Die meisten SaisonarbeiterInnen haben keine Unterkunft, aber wenn sie auf den Feldern Cassibiles nächtigen, werden sie von den Bauern angezeigt. Ein weiterer Teufelskreis. Als wegen des Mangels an Unterkünften im vergangenen Jahr der Notstand ausgerufen wurde, öffneten die örtlichen PolitikerInnen ein Aufnahmezentrum für rund 150 Personen. Allerdings durften nur diejenigen mit regulärem Aufenthaltsstatus darin übernachten. Alle anderen wurden von Médecins sans frontières und der örtlichen Pfarrei betreut. Von Cassibile ziehen die SaisonarbeiterInnen weiter zu den Tomaten Pachinos, von dort nach Kalabrien und Apulien, um dann wieder zu Jahresanfang zurückzukommen. Es ist eine endlose Wanderschaft im Teufelskreis von Armut, Illegalität und Ausbeutung.

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