Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Kommunismus und Grabreden

Drei Bücher von Alonso Cueto, André Müller senior und Ulises Estrada, die mit der jüngsten Geschichte zu tun haben, mit der Geschichte der Herrschenden und mit jener der Linken. Erich Hackl über die Frage, was sie uns angehen.

Von Erich Hackl

Der neue Roman des Peruaners Alonso Cueto wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel die nach dem Zweck allen Schreibens, das sowohl der Konvention als auch der Aufklärung geschuldet ist. Ob die eine die andere nicht aushebelt, ihrer Bedeutung beraubt. Wie sinnvoll es ist, eine Fabel zu konstruieren, die sich an der vorgestellten Wahrscheinlichkeit orientiert. Zu welchem Gewinn wir uns mit dem Leben eines Menschen beschäftigen sollen, der keine Geldsorgen kennt. Warum wir doch nicht aufhören können, seine Geschichte zu erfahren, und wieso wir sie, zu Ende gelesen, gleich wieder vergessen, sodass wir auf den Klappentext angewiesen sind:

«Adrián Ormache hat alles, was man sich wünscht: Frau und Kinder, eine erfolgreiche Anwaltskanzlei, ein Haus in einem der besten Viertel von Lima. Doch dann stirbt seine Mutter. Auf der Beerdigung erfährt er, dass sein Vater in den achtziger Jahren, als der Leuchtende Pfad seinen Guerillakrieg gegen den Staat führte, eine Militärkaserne leitete - brutal und erbarmungslos. In eine seiner Gefangenen verliebte er sich und lebte mit ihr, statt sie, wie üblich, an seine Soldaten 'weiterzureichen'. Bis ihr eines Tages die Flucht gelang. Adrián begibt sich nun auf die Suche nach der Unbekannten und verstrickt sich dabei immer tiefer in die Geschichte seines Vaters.»

Rührstück der Oberschicht

Der Roman hat, wie man so sagt, Drive, sein Autor verfügt über handwerkliche Fertigkeiten, versteht es, die LeserInnen zu fesseln, an der Suche des Icherzählers teilhaben zu lassen, bei Bedarf auch in die Irre zu führen, aus der sie ihm willig auf vertrautes Terrain folgen, bis sich allmählich das Familiengeheimnis enthüllt. Worin es besteht, sollte eigentlich nicht verraten werden, einem Rezensenten obliegt es nicht, den Inhalt eines Buches zu referieren. Wohl aber, darüber nachzudenken, weshalb es ihm widerstrebt, es mit einem Satz wie diesem zu empfehlen: Alonso Cueto unterhält aufs Beste mit einem Roman, der keine Längen kennt. Vielleicht, weil ihm scheint, dass der Verfasser aus Not, Elend, Verzweiflung Zehntausender Opfer des schmutzigen Krieges zwischen Sendero Luminoso und Armee, und von beiden zusammen gegen die indianische Zivilbevölkerung, das Rührstück eines Angehörigen der Oberschicht zimmert und damit die Ausplünderung der Machtlosen mit anderen Mitteln, künstlerischen nämlich, fortsetzt. Statt ihnen wenigstens für die Länge eines Buches das Recht einzuräumen, Subjekt der Geschichte zu sein, integriert er sie in das Krisenbewältigungsprogramm seines Protagonisten, der - siehe oben - alles hat, was er sich gewünscht hat, und jetzt bekommt er zu dem allem auch noch eine exotische Stiefmutter namens Miriam geliefert, eine arme, aber fleissige und attraktive Frau, die seinen Vater, der sie missbraucht und eingesperrt hat, letztlich geliebt hat, wie sie ihm zuflüstert, und nun ihn liebt, ehe sie jung stirbt und ihm ihren halbwüchsigen Sohn hinterlässt, um den er sich beflissen, will sagen unter Massgabe seines Bankguthabens, kümmern wird, auf dass selbiger die besseren Kreise heimsuchen kann, zu deren und zum eigenen Frommen.

Cueto hat seinen Roman als Märchen mit umgekehrten Vorzeichen definiert: Er folge dem Weg eines Mannes vom Licht in den Schatten bis zu dem Augenblick, in dem sich Dunkelheit um ihn lege. Das Ende der «Blauen Stunde» widerspricht dieser Deutung. Adrián ist der erfolgreiche Anwalt geblieben, über dessen Arbeit man nie was Genaues erfährt (er unterzeichnet immer nur Verträge, die ihm seine tüchtige Sekretärin vorlegt, und kippt den einen und anderen Schnaps mit seinen liebenswert verschrobenen Klienten), hat sich mit seiner bald dümmlichen, bald verständnisvollen Frau ausgesöhnt und erfreut sich an zwei braven Töchtern, von denen die eine in seine juristischen Fussstapfen treten, die andere die peruanische Kunstszene aufmischen wird. Das Schlusswort überlässt der Autor Miriams Sohn. «Ich wollte Ihnen danken», sagt der zu Adrián. «Ihnen danken. Weiter nichts», und da Cueto dies ganz im Ernst, ohne Ironie und ohne Sarkasmus, hinschreibt, ist man beinahe versucht, für die grausame Wut der Terroristen vom Leuchtenden Pfad Verständnis aufzubringen.

Es ist die Sprache, die erweist, was echt und was vorgetäuscht ist. Der Autor steht hinter seinem Erzähler, dessen Plattitüden er nicht als Ausdruck falschen Bewusstseins deutlich macht - sie sind auf seinem, Cuetos Mist gewachsen.

Beschreibungen wie diese: «Sie trug eine himmelblaue Hose und einen längeren Rock, dem ihre Stelzenbeine nur mühsam standhielten. Ihr ganzes Gesicht war durch ein Trommelfeuer von Akne verheert. In den Augen, die wie zugeschwollen wirkten, schimmerte ein eisiges Bedauern.»

Schiefe und schwülstige Bilder: «Miriams Erscheinen hatte die Türen des Palasts der Gleichgültigkeit aufgestossen, in dessen Räumen ich es mir bislang bequem gemacht hatte.» Ein Brief ist mehr, nämlich «der Fahrschein einer endlosen Reise in die verwunschene Region des Bösen», diese Region wiederum «ein weiter Raum voller Geräusche», vor dessen Gefahren den Erzähler «mein besorgter Egoismus, die Barbarei meiner Eleganz» geschützt hat.

Die Übersetzerin Elke Wehr hat sich ihrer Aufgabe halb lustlos, halb boshaft entledigt, also ohne Rücksicht auf die Peinlichkeiten des Originals runterübersetzt, unbekümmert um das Ergebnis. Tugendhafter wäre es gewesen, den Auftrag gar nicht erst anzunehmen.

Wie es auch geht

Gegen Müllers Roman «Anne Willing. Die Wende vor der Wende» lässt sich einiges vorbringen. Zum Beispiel, dass er einen Ton anschlägt, der an hausbackene Unterhaltungsromane aus der DDR erinnert. Der Tragik wird die Spitze genommen, bitterernste Vorfälle werden scherzend zerredet. Der Icherzähler hier heisst Dieter Kaufmann, ist «Hispanologe» und Übersetzer, Sohn eines Spanienkämpfers, einigermassen verdrossenes Mitglied der DKP-Ortsgruppe Köln, die ihm zu wenig geschichtsbewusst ist.

Der Roman handelt von seiner turbulenten Liebesbeziehung zur Titelheldin, die in Ostberlin Filmszenarien bastelt, die dann in irgendwelchen Schubläden landen, und nebenbei oder hauptsächlich mit ihrem erotischen wie materiellen Fortkommen befasst ist. Aber gleichzeitig geht es auch um die Verstrickung der ProtagonistInnen in die politischen Machenschaften und kulturpolitischen Intrigen in beiden deutschen Staaten vor und nach Ulbrichts Entmachtung 1971, mit der in der DDR das Neue Ökonomische System zugrunde gerichtet wurde, das durch Einbeziehung von Fachleuten um eine grössere Effektivität der nationalen Wirtschaft bemüht war.

Müllers These, dass mit dem von Breschnew angeordneten und von Honecker vollzogenen Kurswechsel der unaufhaltsame Niedergang der DDR eingesetzt hat, hat einiges für sich, schwerer fällt es schon, eine Haltung sympathisch zu finden, die das Verlangen nach Respektierung der individuellen und sozialen Grundrechte im Sozialismus als «moralisch, nicht marxistisch» oder «moralisch, nicht ökonomisch» abtut und für Dissidenten nur Verachtung und Spott aufbringt. Sie ist ärgerlich, aber diskussionswürdig, Müllers Roman jedenfalls ist nicht von jener routinierten Sentimentalität getränkt, mit der Alonso Cueto die Verhältnisse, kaum dass sie zu tanzen beginnen, im ewigen Einerlei der herrschenden Klasse erstickt.

«Anne Willing» ist ersichtlich mit autobiografischen Elementen durchsetzt und für Kenner der Verhältnisse als Schlüsselroman vermutlich doppelt amüsant (oder genierlich, wenn sie sich lesend auf die eigenen Schliche kommen). Auf jeden Fall lernt man einiges dazu: über Macht und List in den Stücken Lope de Vegas, Schwächen romantischer Kunstauffassung, Winkelzüge karrieresüchtiger Parteifunktionäre, fatale Wirkungen des «individuellen Terrors» der RAF, spanische Geschichte seit dem Mittelalter, Peter Hacks und Heiner Müller und warum der eine, trotz seines doktrinären, sogar zynischen Denkens, dem andern, dem Geschichtskatastrophenmüller, bei weitem vorzuziehen ist. Die Dialoge haben Witz, die Pointen sprühen in diesem Hohelied der Freundschaft. Dass der Hispanist und Spanienexperte Kaufmann - und mit ihm der Autor - jedes zweite spanische Wort verhunzt und das Land seiner Sehnsucht so schildert, als habe er es, auf der Reise an die Costa Brava, nur bis vor die Fototapete in der nächsten Kneipe geschafft, nimmt man da fast gönnerhaft hin.

André Müller sen. hat mit seinem kurzweiligen Roman über «Die Wende vor der Wende» ein gültiges Buch auch über die andere, die endgültige Wende geschrieben.

Eine Wende, die in Kuba bis dato nicht stattgefunden hat. Ulises Estrada, Revolutionär der ersten Stunde, Offizier der Staatssicherheit und verdienter Diplomat in Ruhestand, könnte als unbedingter Gefolgsmann Fidel Castros mit Kaufmanns Wohlwollen rechnen. Ob dessen Schöpfer über die ideologischen Gemeinsamkeiten hinaus von Estrada begeistert wäre, ist fraglich. Der Biografie über «Tania la guerrillera» (dabei handelt es sich um Tamara Bunke) eignet nämlich ein gehöriges Mass an Pedanterie und Humorlosigkeit.

Bunke, 1937 als Kind kommunistischer Exilierter in Buenos Aires geboren, übersiedelte Anfang der fünfziger Jahre mit ihrer Familie in die DDR, arbeitete nach dem Sieg der kubanischen Revolution als Dolmetscherin in Havanna und liess sich zur antiimperialistischen Kundschafterin ausbilden, bevor sie zur logistischen Unterstützung von Che Guevaras Guerilla nach La Paz beordert wurde.

Nach ihrer Enttarnung floh sie zur kämpfenden Truppe und wurde am 31. August 1967, fünf Wochen vor Guevaras Ermordung, von bolivianischen Soldaten aus dem Hinterhalt erschossen. In der DDR galt sie, in Kuba gilt sie als Nationalheldin. Dagegen hat es anderswo nicht an Bemühungen gefehlt, ihr sexuelle Triebhaftigkeit, eine Schwangerschaft, Gebärmutterkrebs sowie leichtfertiges, an Verrat grenzendes Verhalten anzudichten, sie als Agentin, gar Doppelagentin des MfS und des KGB hinzustellen.

Ein besonders windiges Buch über «die Frau, die Che Guevara liebte», von José Friedl Zapata, musste der Aufbau-Verlag vor neun Jahren gleich nach Erscheinen zurückziehen, weil Tamaras Mutter in vierzehn Punkten wegen Verleumdung geklagt und vor Gericht recht behalten hatte. Aber der schlechte Ruf ist an der Toten hängen geblieben, und deshalb hat Ulises Estrada, gestützt auf bisher unter Verschluss gehaltene Dokumente und auf eigene wie fremde Erinnerungen an seine Geliebte (er hatte sie 1963/64 auf ihren operativen Einsatz vorbereitet), dieses Buch geschrieben: «Tania. Undercover mit Che Guevara in Bolivien», das in seiner sachlichen Darstellung durchaus überzeugt.

Pathos und Rapport

Nur entsteht kein lebendiges Bild der jungen Frau, die für die Revolution bereit war, eine andere Identität anzunehmen, sich Zugang zu Repressoren und anderen Menschenschindern zu verschaffen und dabei ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Denn Estrada kann einfach nicht schreiben - wie er was benennt, ist dem Jargon der bürokratisierten Revolution geschuldet. Er weiss alles besser, überzieht jede Vorgangsbeschreibung, jedes Werturteil und jede Gefühlsregung mit Begriffen wie «unversöhnlich», «wachsam» und «beeindruckend», fällt vom leeren Pathos übergangslos in den militärischen Rapport, und wenn er von der Liebe zwischen Tania und sich berichtet, fröstelt einen in der Kälte seiner selbstgerechten Verlautbarungsprosa. «Kommunismus ist, wenn man Grabreden ertragen kann», heisst es bei André Müller sen. anlässlich der schlampigen Trauerstunde für einen mit Kaufmann eng befreundeten Kölner Genossen. Ulises Estrada beweist, was nicht zu beweisen war: dass es noch weit ist bis dorthin.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch