Nr. 43/2007 vom 25.10.2007

Ein Jakobiner in der Südsee

230 Jahre nach der Erstveröffentlichung erscheint Georg Forsters klassischer Reisebericht als Bildband. Die Neuauflage zeigt: Der Begleiter von James Cook war nicht nur Naturkundler und Illustrator, sondern auch ein genauer Beobachter sozialer Verhältnisse.

Von Martina Süess

Schon vor drei Jahren hat der Eichborn-Verlag einen wahren Schatz gehoben: Drei Bände von Alexander von Humboldt wurden in aufwendiger Ausstattung wieder zugänglich gemacht, darunter sein berühmter «Kosmos». Der Vater von Eichborns «Anderer Bibliothek» ist Hans Magnus Enzensberger - seine Faszination für Naturwissenschaften hat er auch in viele seiner Gedichte einfliessen lassen. Nun hat Enzensberger das Heft der «Anderen Bibliothek» Michael Naumann und Klaus Harpprecht übergeben, und die beginnen ihre Herausgeberschaft gewissermassen mit einer Hommage an Enzensbergers Husarenstück: Auch Georg Forsters «Reise um die Welt» ist ein verkannter Klassiker der wissenschaftlichen Literatur. Und, ganz wie Humboldt, ein überaus lesenswerter dazu.

Entdecker, Reporter, Illustrator

Als Forster 1777 seine «Reise um die Welt» veröffentlichte, setzte er neue Massstäbe für die Gattung des Reiseberichts. Über drei Jahre war der aus Preussisch-Polen stammende Deutsche auf James Cooks zweiter Entdeckungsfahrt als Naturkundler und Illustrator durch die Südsee gesegelt, hatte unzählige neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt, unbekannte Inseln kartografiert und Rituale, Bräuche und Sprachen der eingeborenen Kulturen studiert.

Gerade mal zwanzig Jahre war er alt, als er mit dem Schiff «Resolution» 1775 wieder nach Europa zurückkehrte und sich an die Arbeit machte, aus Notizen, Skizzen und Erinnerungen ein Werk zu verfassen, das Literaten wie Wissenschaftler beeindrucken sollte.

Aus heutiger Sicht verblüfft die eigentümliche Mischung aus wissenschaftlichem Bericht, epischer Erzählung, philosophischer Reflexion und poetischen Stimmungsbildern, reichlich gewürzt mit Zitaten aus der Weltliteratur und Querverweisen auf historische Quellen. Forster beobachtet und beschreibt alles, was um ihn herum geschieht. Eine Schwalbe, die das Schiff begleitet, Seegras, das auf dem offenen Meer treibt, Erdbeben und Vulkane, Krankheiten an Bord, alles kann rational erklärt und erforscht werden, jede Untersuchung kann Vorurteile widerlegen und so der Wissenschaft dienen. In diesem Bestreben, allen Phänomenen auf den Grund zu gehen, spiegelt sich das Weltbild einer Epoche, die sich der Aufklärung und dem Fortschritt verpflichtet fühlt.

Gegen europäische Vorurteile

Forsters Hauptinteresse gilt jedoch dem Menschen. Seine genauen Beobachtungen der Eingeborenen dienen der philosophischen Frage nach dem Wesen des Menschen an sich und nach der Ausbildung sozialer und politischer Strukturen. Europa befindet sich in einer Umbruchszeit, die gut zehn Jahre später in der Französischen Revolution gipfeln wird. Kritik an der Feudalgesellschaft und der Dekadenz des Adels, die Forderung nach Gerechtigkeit und Demokratie bestimmen den Blick auf fremde Kulturen.

Das Bild des edlen Wilden geistert durch die philosophischen Diskurse der Zeit. Die Naturvölker, unverdorben von der Zivilisation, stellen das Gegenbild zum korrumpierten Europa dar. Forsters Bild ist differenzierter als das vieler ZeitgenossInnen, unvoreingenommen analysiert er die unterschiedlichen Gesellschaften und hinterfragt auch die europäischen Vorurteile.

Doch unverkennbar schwingt bereits der Ton der Revolutionsparolen mit, wenn er die Ungerechtigkeiten der eigenen und der fremden Welt anklagt. Der Ekel und die Enttäuschung sind nicht zu überhören, wenn zum Beispiel die Begegnung mit einem «Thaitischen Fresser» schildert, der sich nichtsnutzig und fett vor seinem Haus mästen lässt: «Wir hatten uns bis dahin mit der angenehmen Hoffnung geschmeichelt, dass wir doch endlich einen kleinen Winkel der Erde ausfündig gemacht, wo eine ganze Nation einen Grad von Civilisation zu erreichen und dabey doch eine gewisse frugale Gleichheit unter sich zu halten gewusst habe, dergestalt, dass alle Stände mehr oder minder, gleiche Kost, gleiche Vergnügungen, gleiche Arbeit und Ruhe miteinander gemein hätten. Aber wie verschwand diese schöne Einbildung beym Anblick dieses trägen Wollüstlings, der sein Leben in der üppigsten Unthätigkeit ohne allen Nutzen für die menschliche Gesellschaft, eben so schlecht hinbrachte, als jene privilegierten Schmarotzer in gesitteten Ländern, die sich mit dem Fette und Überflüsse des Landes mästen, indess der fleissigere Bürger desselben im Schweiss seines Angesichts darben muss.»

Aus solchen Bemerkungen ist nicht nur der Ethnologe, sondern bereits der spätere Revolutionär mit den Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herauszuhören. Forster wird bis zu seinem frühen Lebensende als bekennender Sympathisant der Jakobiner im französischen Exil leben, während ihm in Deutschland der Kerker droht. Es mag mit dieser aus deutscher Sicht abtrünnigen Gesinnung zu tun haben, dass Forster es nie in den Kanon der grossen Klassiker geschafft hat und in den folgenden zwei Jahrhunderten weitgehend vergessen wurde.

Ozeanische Odyssee

Da Georg Forster sich verpflichtet fühlt, die Reise wahrheitsgetreu aufzuzeichnen, folgt sein Bericht der chronologischen Folge der Ereignisse. Die dreijährige Fahrt war aber kein von Autorenhand skizziertes dramaturgisches Meisterstück, sondern eine langwierige und verworrene Reise auf den südlichen Meeren, wobei mehrmals dieselben Inseln angesteuert wurden. Dadurch fehlt der Erzählung der grosse Spannungsbogen, sie gerät mitunter zu einer Aneinanderreihung von Episoden, die sich zudem immer wieder ähneln. Für die LeserInnen von damals mag die Tatsache, dass eine völlig unbekannte, nie gesehene Welt zum ersten Mal beschrieben wurde, diesen Mangel kompensiert haben. Ob aber historische Relevanz und sprachliche Gewandtheit ausreichen, das heutige Publikum zufrieden zu stellen?

Die Neuauflage ist dennoch mit Fug und Recht eine «Sensation» (Eichborn) zu nennen. Zum ersten Mal erscheint der Reisebericht als illustriertes Werk. Über 500 Zeichnungen und Aquarelle hatte Forster von der Reise angefertigt. Doch als er sein Werk publizieren wollte, fehlte das Geld für die teuren Stiche und Drucke. Viele seiner Bilder verkaufte er, sie verschwanden in Archiven und werden nun, 230 Jahre nach der Erstveröffentlichung der «Reise um die Welt», endlich zugänglich.

Wie beim Bericht, so legte Forster auch hier grossen Wert auf eine naturgetreue Darstellung und verzichtete auf jede Stilisierung. Land- und Seetiere, exotische Pflanzen, vor allem aber alle Arten von Vögeln sind in Skizzen, Zeichnungen und Farbgemälden kunstreich und präzise dokumentiert und zeugen vom Bestreben des Biologen, die Natur exakt festzuhalten, um sie zu katalogisieren.

Das Buch ist eine gelungene Kombination von Bildband und Prosawerk, Kunst und wissenschaftlicher Dokumentation. Schlicht und stilvoll gestaltet, ergänzen sich Text und Illustrationen zu einem Panorama zweier vergangener Welten. Nicht nur die untergegangenen Kulturen der Südsee und zahlreiche ausgestorbene Tiere und Pflanzen sind hier aufgehoben, sondern auch das europäische Weltbild einer entdeckungsfiebrigen und wissenschaftsgläubigen Epoche, das nach wie vor fasziniert und nachdenklich stimmt.

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