Nr. 44/2007 vom 01.11.2007

Verschlusssachen und statistische Ausreisser

Eine französische Organisation versucht, der Schönwetterrhetorik der Gentech-Industrie etwas entgegenzusetzen. Dies nicht mit Parolen, sondern mit wissenschaftlichen Argumenten.

Von Roland Fischer, Paris

Man würde, geladen zum Gespräch mit einer der umtriebigsten gentechnikkritischen Organisationen in Europa, ein billiges Hinterhofbüro erwarten. Ein improvisiertes Durcheinander, wo Gentech-Gegnerinnen Flugblätter verfassen, Juristen mit Rossschwanz windige Gesetzesvorlagen durchleuchten und dissidente ForscherInnen diskutieren, wie man gegen das von der Agrarindustrie gekaufte Laborestablishment ankommt. Stattdessen landet man im achten Arrondissement, der Sitz von Criigen – dem Comité de Recherche et d'Information Indépendantes sur le génie genétique – liegt mitten im feinsten Pariser Advokatenviertel.

Die Direktorin Corinne Lepage war vor zehn Jahren Umweltministerin in der Regierung von Alain Juppé. Sie ist eine versierte Rednerin, gewohnt, ihre Argumente rasch und prägnant vorzutragen.

Die skeptische Ministerin

Seit dem Ausscheiden aus der Regierung arbeitet Lepage wieder als Anwältin, mit Vorliebe vertritt sie die Anliegen von UmweltschützerInnen, so, wie sie das schon vor ihrer Amtszeit getan hatte, seit den späten Siebzigern. Eine gute halbe Stunde nimmt sie sich Zeit, um die Geschichte und die Ziele von Criigen zu erläutern. «Als ich in der Regierung war, wurde gerade der erste Gen-Mais von Monsanto durch die Instanzen geschickt. Man sagte, gesundheitliche Probleme seien ausgeschlossen.»

Kurz darauf steckte man in Europa mitten im Skandal um den Rinderwahnsinn, die Ministerin war alarmiert: «Auch da hatten alle Experten noch kurz zuvor gemeint, so etwas sei unmöglich.» Das lehrte sie, nicht einfach der sogenannten Lehrmeinung zu vertrauen, auch in Bezug auf die nach wie vor als völlig unbedenklich geltenden gentechnisch veränderten Organismen (GVOs). Sie bestellte sich haufenweise Dossiers ins Büro, studierte Pro und Kontra und hatte bald das Gefühl, dass «die Expertise lückenhaft war».

Sie beschloss, dass etwas getan werden musste, und begann, WissenschaftlerInnen zu suchen, die bereit waren, Forschung in ihrem Sinne zu betreiben: Unabhängige, nicht von der Industrie finanzierte Forschung nämlich, die gar nicht erst in Verdacht käme, wirtschaftlicher Sachzwänge oder anderweitiger Verstrickungen wegen tendenziöse Resultate zu liefern. Für Lepage ist klar: «Wir [PolitikerInnen] kommen ohne unabhängige Experten nicht aus.»

Für Bauern, China, Carrefour

Seither hat Criigen einige unangenehme Resultate publiziert. Die Industrie hat ihr zynisches PR-Arsenal entsprechend erweitert: Zu ihrer Verteidigung wirft sie nun umgekehrt Criigen mangelnde Unabhängigkeit vor, weil sich die Organisation ihre Studien auch schon mal von Greenpeace finanzieren lässt. Auf diese Kritik angesprochen, zuckt Gilles Eric Séralini, der wissenschaftliche Leiter der Organisation, nur noch mit den Schultern: «Man ist nie ganz unabhängig. Wir haben auch für das Chinesische Biosicherheitskomitee, für die Italienische Umweltbehörde und für Bauernverbände gearbeitet. Greenpeace hat uns nur bei einer kleinen Studie geholfen.»

Criigen muss ganz ohne staatliche Unterstützung auskommen, deshalb nimmt sie Aufträge von jeder Seite an – wichtig ist einzig, dass sie die volle Kontrolle über das Design und die Auswertung der Studien behält. Zu den AuftraggeberInnen gehören zum Beispiel auch die französischen Detailhandelsriesen Auchan und Carrefour, die nicht länger einfach den Daten und Beteuerungen ihrer Lieferanten trauen wollten.

Eric Séralini lehrt und forscht an der Universität Caen. Unterwegs zu einem Konferenzmarathon nach Kanada findet er am Pariser Flughafen rasch Zeit, um die wissenschaftliche Arbeit der Organisation zu erläutern. Wie Lepage ist auch Séralini kein Eiferer, er wirkt geradezu lethargisch, nur hin und wieder wird seine Rede lebhaft. So kann er nicht verstehen, wie eine wissenschaftliche Auseinandersetzung einfach abgeklemmt wird. «Es gibt eine echte Kontroverse!», insistiert er, er befinde sich keineswegs auf einer Privatmission.

Die «Kontroverse» dreht sich gar nicht eigentlich um die Gefährlichkeit von GVOs. Für eine solche Einschätzung ist es schlicht noch zu früh, ist Séralini überzeugt. Was ihn aufbringt, sind die Standards der Testverfahren. Die Industrie behauptet, die Reglementierung sei mehr als ausreichend, und sie wird von der Politik gedeckt, mit der zusammen sie die Verfahren in den späten neunziger Jahren ausgearbeitet hat. «Von offizieller Seite wird niemand widersprechen, sonst fällt das ganze Kartenhaus zusammen.»

Drei Monate müssen GVOs an Versuchstiere verfüttert werden. Zeigen sich so lange keine negativen Folgen für deren Gesundheit, gelten die Pflanzen als vollkommen ungefährlich.

«Das reicht doch nicht», sagt Séralini. Man habe es also nicht mehr nur mit Nahrungsmitteln, sondern mit potenziell auch für Tiere und Menschen schädlichen chemischen Substanzen zu tun. Viele GVOs sollen Pestizide besser speichern, oder sie stellen sie gleich selber her. Pestizide und Medikamente werden routinemässig nicht bloss drei Monate, sondern zwei Jahre getestet. Das verlangen Gentech-SkeptikerInnen auch für die GVOs.

Für die Industrie ist das jedoch ausgeschlossen. Nicht nur würde das die GVOs in ein zweifelhaftes, sprichwörtlich wenig bekömmliches Licht stellen, ein solcher Aufwand bei der Einführung jeder einzelnen neuen Pflanze würde die ganze Technik unrentabel machen.

Noch etwas stösst Séralini und anderen Experten sauer auf: Die Industrie wird zwar dazu verpflichtet, Tests zu machen, doch um Ausführung und Auswertung kümmert sie sich selbst. Die (durchwegs positiven) Resultate werden zwar publiziert, die vollständigen Versuchsunterlagen bleiben hingegen unter Verschluss. Wenn es Ungereimtheiten gibt, wird man als KonsumentInnen davon also kaum etwas erfahren.

Jonglage mit Stolpersteinen

Zu Ohren gekommen war ein solcher Stolperstein im Bewilligungsprozedere hingegen den Verantwortlichen von Criigen. Der Monsanto-Mais Mon810 war nicht einfach durchgewinkt worden, bei einigen Tieren hatte es offenbar Auffälligkeiten gegeben. Monsanto konnte die europäische Aufsichtsbehörde EFSA allerdings davon überzeugen, dass aus den Daten letztlich nicht auf eine ernsthafte Gefahr wegen der Verfütterung des Maises geschlossen werden konnte. Die Criigen-Leute waren nicht überzeugt, sie wollten die Daten nochmals durchsehen.

Doch das war nicht einfach: Monsanto sperrte sich dagegen, ihre Ergebnisse herauszugeben, man machte geltend, dass es sich dabei um Betriebsgeheimnisse handle, zu denen die Konkurrenz keinen Zugang erhalten dürfe. Nach einem längeren juristischen Hickhack gelang es schliesslich Greenpeace Deutschland, das Dossier in die Hände zu bekommen – kurz darauf stand es auch Criigen zu Verfügung.

Ein paar Monate später veröffentlichte Séralini einen Artikel in einer Fachzeitschrift, in der er seine eigenen Schlussfolgerungen aus den Studienergebnissen von Monsanto präsentierte. Anders als der Agrarkonzern war er der Auffassung, dass die Resultate durchaus Grund zur Besorgnis seien. Einige der Ratten, die während dreier Monate den Gen-Mais gefressen hatten, wiesen Vergiftungserscheinungen auf. Besonders stutzig machte Séralini, dass sich bei den Tieren Veränderungen an Leber und Nieren zeigten, was seiner Meinung nach den Verdacht zusätzlich auf eine toxische Wirkung lenkte.

Nun war es nicht so, dass Gilles-Eric Séralini neue Fakten zutage gefördert hatte. Die ungesunden Ratten hatte schon Monsanto rapportiert, bloss machte der Agrarkonzern geltend, dass es sich dabei um statistische Ausreisser gehandelt habe, Opfer nicht einer giftigen Maispflanze, sondern einer üblen Laune des Zufalls.

Es geht also letztlich um Statistik. Séralini behauptete, dass seine Analyse weitreichender und deshalb aufschlussreicher sei als diejenige von Monsanto. Der Konzern beharrte auf seinem Standpunkt, und auch die Zulassungsbehörden mochten auf ihren Entscheid nicht zurückkommen. Das wundert Séralini nicht: «Würden die Behörden nun anordnen, die Tests zu wiederholen, würden sie ja zugeben, dass die Experten ihre vormalige Entscheidung entweder inkompetent oder unaufrichtig getroffen hatten.»

Die Criigen-Leute finden, allein der Verdacht, dass ein Produkt toxisch ist, müsste automatisch weitere Testreihen nach sich ziehen. Einen solchen Verdacht mit nichts als statistischer Zahlenjonglage aus der Welt schaffen zu wollen, widerspricht tatsächlich einem strengen Vorsorgeprinzip. Dieses würde eigentlich verlangen, dass zunächst mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln der Nachweis der Ungefährlichkeit zu führen ist, bevor eine neue Technologie den Segen der Behörden bekommt. Das fanden auch eine ganze Reihe europäischer ParlamentarierInnen. Die Affäre Mon810 erregte einiges Aufsehen, und beinahe hätten die Forderungen der Criigen-Leute Gehör gefunden: Zwölf EU-Staaten sprachen sich dafür aus, auf den Entscheid der EFSA zurückzukommen – eine einzige Stimme fehlte zur Mehrheit. Es deutet also einiges daraufhin, dass der Wind auf Behördenseite langsam dreht und der Industrie immer stärker ins Gesicht bläst.

Doch noch ist es ein Kampf Davids gegen Goliath. Zumindest die Europäische Kommission ergreift eindeutig Partei für GVOs, ist Lepage überzeugt. Und auch was die Art und Weise angeht, wie Wirtschaftsinteressen durchgesetzt werden, findet die Exministerin deutliche Worte: «Die Industrie verfolgt eine Verschleierungstaktik. Es gibt eine bewusste und gut organisierte Desinformation.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch