Nr. 47/2007 vom 22.11.2007

Eine Tablette zu viel

«Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan.» Mit diesem Werbespruch veränderte die Firma Grünenthal das Leben von zehntausend Familien - auch das von Margit Hudelmaier.

Von Marco Lauer

Margit Hudelmaier bittet an den Esstisch und bringt Kaffee aus der Küche. Mit der Tasse zwischen den Fingern beugt sie ihren Oberkörper zur Seite, biegt ihn vielmehr, bis hinunter zur Tischplatte. Geht in die Küche. Dasselbe mit dem Zucker. Küche. Löffel. Immer tief hinunter. Margit Hudelmaier ist eines von fast 10 000 Contergan-Kindern, die zwischen 1958 und 1962 auf die Welt kamen. Mit schweren Missbildungen. So schwer, dass fast die Hälfte dieser Kinder kurz nach der Geburt starb.

Allmendingen ist ein kleiner Ort nahe Stuttgart. Hier wohnt Margit Hudelmaier mit Mann und Sohn in einem Haus am Waldrand. Ein paar hundert Meter von hier wurde sie auch geboren, im Haus ihrer Eltern, 1960, als die Katastrophe ins dritte Jahr ging. Hudelmaier ist Vorsitzende des deutschen Verbandes für Contergan-Geschädigte. Ein Verein wider das Vergessen. Sie kämpft bei Behörden um die Rechte ihrer Mitglieder, hält in ganz Deutschland Vorträge über das Thema, das ohne ihr Zutun Thema ihres Lebens wurde. Ein Name fällt darin immer wieder: Grünenthal. Der Name jenes Pharmaunternehmens, das am 1. Oktober 1957 ein neuartiges Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid auf den Markt brachte.

Ein rezeptfreies Medikament

Beim Kaffee beginnt sie über ihr Leben mit den Folgen von Contergan zu erzählen. Ihre Mutter war im zweiten Monat schwanger, als sich ihre Wege ein einziges Mal mit Contergan kreuzten. Es gibt noch dieses Bild einer Werbeanzeige, die Grünenthal damals schaltete. Gestaltet wie ein Kalenderblatt. Oben die Zeichnung einer Idylle, die untertitelt war mit «Stille vor der dalmatinischen Küste bei Dubrovnik». Und daran anschliessend einige Zeilen Text: «Ein Augenblick voll natürlicher Harmonie lässt uns wünschen, dass die Sekunde sich dehne. Doch die Unruhe beherrscht uns und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. Ein gefahrloses Medikament mit hoher Verträglichkeit - das ist Contergan von Grünenthal.»

Die Mutter kaufte, erschöpft und schlaflos während der ersten Wochen der Schwangerschaft, schliesslich das rezeptfreie Medikament. Eine Schachtel für DM 3.90, darin ein Röhrchen mit zwölf Tabletten. «Die aufgerissene Packung hab ich noch», sagt Margit Hudelmaier und blickt zum Wohnzimmerschrank. «Es fehlt nur eine Tablette.» Der Riss liess sich nicht mehr schliessen. Nach der Geburt sagte die Hebamme ihrer Mutter: «Sie haben ein kerngesundes Kind, es hat nur keine Arme.» Schnell machte dies die Runde in Allmendingen, und die Reaktionen im Ort schwankten zwischen Neugier und Abscheu. Wobei Letztere überwog, denn so etwas passte nicht recht ins Bild. Es war die Zeit des deutschen Wirtschaftswunders, in der alles aufwärtsging. Und dann das. Überall im Land. Tausende Kinder ohne Arme. Bei vielen fehlten auch die Beine. So viele Behinderte. Oder wie man damals sagte: Krüppel.

Die Tasse vor Margit Hudelmaier ist nicht einen Handgriff entfernt, sondern eine anstrengende, komplizierte Bewegung. 47 Jahre lang hat sie die Gelenke überdehnt, vor allem die Füsse immer weit in der Luft, damit sie die Arbeit der Hände übernehmen können. Nun sind ihre Gelenke langsam verschlissen. Das geht den meisten so, die durch Contergan geschädigt sind: Sie kommen früher in die Jahre.

Gibt sie jemandem die Schuld? Dafür, dass ihre Jugend so verlaufen ist, weil ihre Mutter Contergan geschluckt hat? Margit Hudelmaier schüttelt den Kopf. Sie habe ihrer Mutter nie die Schuld dafür gegeben. «Ich gehe davon aus, dass sie das Mittel nicht genommen hätte, wenn sie die Folgen gekannt hätte.» Und trotzdem gebe es viele, die ihre Mütter schuldig sprachen. «Aber», sagt sie, «Behinderung ist das eine. Persönlichkeit das andere.» Manche könnten damit besser umgehen und andere gar nicht.

Und was ist mit Grünenthal? Sie sagt: «Ich lebe mein Leben zu gerne, um jeden Tag an Grünenthal zu denken.» Bevor das Gespräch weitergeht, macht sie eine Pause, die etwas zu lang ist. Nicht jeden Tag, aber doch vielleicht öfter, als ihr lieb ist.

Verkaufsrenner Contergan

Die Geschichte von Contergan beginnt im Jahre 1954. Im März, noch bevor Deutschland in der Schweiz Fussballweltmeister wird, entdeckt der wissenschaftliche Direktor von Grünenthal, Heinrich Mückter, den Wirkstoff Thalidomid. Nach einigen gelungenen Tests meldet Grünenthal Thalidomid bei der Gesundheitsabteilung des Landes Nordrhein-Westfalen an. Die genehmigt das Medikament anstandslos, auch dessen Deklarierung als «ungiftig und ohne erkennbare Nebenwirkungen». Was damals für ein Schlaf- und Beruhigungsmittel eine Sensation war und somit vor allem Schwangeren die Möglichkeit bot, es ohne Risiko einzunehmen. Bei allen anderen handelte es sich um Barbiturate, hochgradig abhängig machende und mit vielen Nebenwirkungen belastete Präparate. Am 1. Oktober 1957 dann bringt Grünenthal die Substanz unter dem Markennamen Contergan auf den Markt. In kürzester Zeit entwickelt es sich zu einem Verkaufsrenner, macht schon 1959 fast die Hälfte des Grünenthal-Umsatzes aus. Im selben Jahr treten etwa hundert Fälle von Missbildungen an Armen und Beinen Neugeborener auf. Zu Grünenthal als Verursacher führt da aber noch keine Spur. Auch in der Firma selbst weiss noch keiner von den verheerenden Auswirkungen des Medikaments. Vorwürfe gegen sie wurden von einigen im Nachhinein nur erhoben, weil Heinrich Mückter, der Entdecker und Entwickler von Contergan, im dritten Reich in Polen Stabsarzt des Heeres war. Und einen Impfstoff gegen Fleckfieber an polnischen KZ-Häftlingen testete, an dessen Folgen viele starben. Einem solchen Mann sei einiges zuzutrauen.

1960/61 werden die Missbildungen epidemisch, gehen in die Tausende. Ärzte schlagen Alarm. Man glaubt zunächst, die Ursache sei radioaktiver Niederschlag als Folge der zahlreichen Atombombenversuche, die in dieser Zeit von Russen und Amerikanern durchgeführt werden. Dann aber stellt man fest, dass in der DDR keinerlei Missbildungen auftreten. Gleichzeitig gehen bei Grünenthal Warnungen ein von Kinderärzten, man solle Thalidomid nochmals testen. Es sei auffällig, dass Fälle von Missbildungen bei Müttern aufträten, die Contergan genommen hätten. Von den staatlichen Behörden ist nichts zu hören.

Ein Kinderarzt schlägt Alarm

Die entscheidende Rolle bei der Entdeckung der wahren Ursache spielt der Kinderarzt Widukind Lenz aus Münster, der vor zwölf Jahren verstorben ist. Er geht seinem Verdacht konsequenter nach als seine KollegInnen. Er fragt nach bei betroffenen Familien, ihren Hausapotheken, ihren ÄrztInnen. Und kommt zum Schluss, dass Contergan für die massenhaften Behinderungen verantwortlich ist.

Am 15. November 1961 informiert er die Grünenthal-Geschäftsführung über seinen Verdacht, verbunden mit der Bitte, das Produkt unverzüglich vom Markt zu nehmen. Doch es vergehen nochmals zwölf Tage, bevor man dort den endgültigen Schritt tut. Nämlich erst, nachdem am 26. November die «Welt am Sonntag» einen grossen Artikel über Lenz’ Verdacht veröffentlicht hat. Dieses Warten ist wohl das grösste Vergehen, das man Grünenthal nachweisen kann. Denn auch dieser kurzen Zeit entstammen missgebildete Kinder. Und, wie Margit Hudelmaier sagt: «Jede Nase, die behindert rumläuft, ist eine zu viel.»

Zu Besuch bei Grünenthal

Die Firmenzentrale von Grünenthal ist ein alter, backsteingemauerter Gutshof mitten im Stadtzentrum von Stolberg mit gestutzten Blumenrabatten und schmiedeeisernem Tor. Die 58000-EinwohnerInnen-Stadt westlich von Köln ist beschaulich, sorgte in ihrer Geschichte eigentlich nur einmal für überregionale Schlagzeilen - wegen Contergan.

Das Unternehmen hat sich wirtschaftlich schon lange von dem Skandal erholt und steht kerngesund da. Die Eigentümerfamilie Wirtz findet sich in der Liste der dreissig reichsten Deutschen. Aber die Geschichte lässt die Firma nicht los. Vor allem ein dokumentarischer Spielfilm, der Anfang November im deutschen Fernsehen unter dem schlichten Titel «Contergan» ausgestrahlt wurde, erhitzt die Gemüter. Laut Grünenthal strotzt er vor faktischen Fehlern und dient nur der Sensations- und Quotengier der ARD. Der Rechtsstreit darüber geht bald in die höchste deutsche Instanz. Grünenthal klagt gegen «eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten».

Trotzdem empfängt man hier noch Journalisten. Genauer: Annette Fusenich tut es, Pressesprecherin von Grünenthal, eine verbindliche Frau Ende dreissig, studierte Historikerin. Sebastian Wirtz, ihr Chef, nimmt am Kopf des grossen Konferenztisches Platz. Nichts im Raum erinnert an Contergan. Sebastian Wirtz sagt ein wenig hölzern: «Die Contergan-Tragödie ist und bleibt Teil unserer Firmengeschichte. Grünenthal und die Familie Wirtz bedauern die Folgen der Contergan-Tragödie sehr.» Der studierte Bauingenieur führt das Unternehmen in der dritten Generation, ist 1970 geboren. Zu dieser Zeit sassen sein Grossvater und viele andere verantwortliche Manager von Grünenthal gerade auf der Anklagebank des Düsseldorfer Landgerichts. Am Ende wurde das gewaltige Verfahren eingestellt. Freispruch wegen zu «geringer Schuld». Sein Grossvater, vermutet Wirtz, habe wegen des Prozesses einen Magendurchbruch erlitten. Vor allem wegen der Sorge, wie es mit dem Unternehmen nun weitergehen sollte. All die vielen MitarbeiterInnen, die man hätte entlassen müssen und die nichts dafür konnten.

Immer wieder entstehen Pausen im Gespräch, in denen Wirtz ein wenig unsicher schaut und nicht richtig weiss, was er denn nun noch sagen soll. Deswegen fragt ihn Frau Fusenich: «Herr Wirtz, wollen Sie vielleicht noch erzählen, was wir alles gemacht haben?» Wenn die Rede auf Grünenthal kommt, spricht sie in der ersten Person Plural. «Wir haben», sagt Wirtz, «nach der bedauernswerten Tragödie 100 Millionen Mark in eine Stiftung eingezahlt. Freiwillig. Wir wurden nicht dazu verurteilt.» Der Staat gab damals die gleiche Summe hinzu, und man gründete die «Stiftung für behinderte Kinder», die vor ein paar Jahren in «Stiftung für behinderte Menschen» umbenannt wurde. 1997 war das Geld von Grünenthal aufgebraucht. Der Staat zahlt seitdem alleine weiter an die Contergan-Geschädigten: eine kleine Rente von 500 Euro im Monat.

Du musst das schaffen

Auch an Margit Hudelmaier. «Leben kann man damit aber nicht», sagt sie. Aber sie habe ja Glück gehabt mit ihrem Mann, der Polizeibeamter ist, und ihrem Job in der Verwaltung, den sie gerne macht und gesundheitlich auch noch machen kann. Dazu dieses Haus mit dem grossen Garten. «Das ist doch was», sagt sie, «mit so einer Behinderung.»

In Allmendingen wuchs sie auf. Ging in den Kindergarten. Und nebenbei in ein Rehazentrum. «Man wollte uns Contis Selbstständigkeit beibringen.» Wie man sich richtig zu bewegen hat ohne Arme. «Wir waren wie Gummibälle. Im Liegen mit dem rechten Fuss zur Schulter - das war für uns ein Leichtes.»

Nach der Pubertät lernte sie ihren Mann kennen. Er war zugleich ihr erster Freund. «Ich glaube, in der Jugend erlebt man das schon viel stärker, wenn man nicht reinpasst ins Schema.» Vielleicht auch deshalb, weil sie unbedingt auf eine «normale» Schule gehen und nicht behütet unter ihresgleichen aufwachsen wollte.

Es sei nicht leicht gewesen für sie, Vertrauen zu ihrem Mann zu fassen. Er war ja ein «Langarmer». Und sie als «Kurzflügler» - sie hatte Zweifel, ob das funktionieren kann, wollte es erst mal probieren. Weil das Leben einer Behinderten ein streng organisiertes ist. Doch er zweifelte nicht. Obwohl es in seiner Verwandtschaft Stimmen gegeben habe, die ihn warnten. Eine Tante fragte ihn, ob er sich das nicht noch mal überlegen wolle. «So eine könnte schliesslich nicht mal Fenster putzen.»

Heirat, Hausbau, Eheglück und Ehestreit - ein ganz normales Leben. Dann die Geburt ihres Sohnes. Im Ort sagte man: «Die braucht doch selbst Hilfe. Jetzt setzt sie auch noch ein Kind in die Welt.» Julian, der Sohn, erkrankt zwei Jahre später an Epilepsie. Margit Hudelmaier gerät in eine schwere Krise. Zum ersten Mal funktionierte für längere Zeit nicht, was die Eltern ihr einbläuten: «Sei stark. Gib nicht nach. Du musst das schaffen.» Da war ihre Angst, zu weit gegangen zu sein mit einem Kind. Bei ihrer Vorgeschichte.

Der Junge ist heute zehn Jahre alt und fast gesund. Er schluckt einige Medikamente zur Vorsorge. Sie sind nicht von Grünenthal.

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