Nr. 48/2007 vom 29.11.2007

Der fiktive Sport

Der Show-Sport lebt vom Medienspektakel und Geschichten im Hintergrund. Dabei explodiert auch mal ein Auto.

Von Tom Combo

Zwei Körper, Kraft, Schweiss und die eine oder andere Finte - mehr brauchte es nicht, um ein vorwiegend männliches Publikum über Jahrhunderte hinweg für das Ringen zu begeistern. Doch dies hätte nicht genügt, aus dem Ringen - oder Wrestling, wie es im englischsprachigen Raum heisst - eine moderne Mediensportart zu machen.

Für das Publikum des zwanzigsten Jahrhunderts erwies sich das Ringen als zu wenig spektakulär. Tatsächlich liegen beim klassischen Ringen die Kämpfer oft ineinander verknotet auf dem Boden und rühren sich nicht von der Stelle. Schon in den zwanziger Jahren kam man deshalb in den USA auf die Idee, Ringkämpfe abzusprechen und mit Akrobatik anzureichern. Neue Griffe und Würfe mit klingenden Namen wie Neckbreaker oder Piledriver wurden erfunden.

Und noch etwas kam hinzu: das Element des Streites zwischen Gut und Böse. Wrestler sind seither entweder fair oder unfair, demütig oder überheblich, klassenbewusst oder versnobt. Sie verkörpern in stereotyper Weise Geistesgestörte, hochnäsige Intellektuelle, edle Wilde, Handwerker, Einwanderer und natürlich erfolgreiche US-amerikanische Recken mit langen, blonden Haaren.

Eiserne Klaue

Die Verbindung zwischen Wrestling als Sporttheater und dem Fernsehen war seit dem Aufkommen des Mediums symbiotisch. In den späten vierziger Jahren wurde in den USA hauptsächlich in Bars ferngesehen. Wrestling zog aufgrund seiner Publikumswirksamkeit die Blicke der Barbesucher weit mehr auf den Bildschirm als andere Sportarten. Später begünstigte der Sport dadurch, dass im Ring hohe US-amerikanische Werte und Moralvorstellungen verteidigt wurden, die Etablierung des Fernsehens als Familienmedium. Wrestler verkörpern seit jener Zeit die Feindbilder der USA. So trat etwa kurz nach dem Zweiten Weltkrieg der Wrestler Fritz von Erich in den Ring, ein Bösewicht, der seine Gegner mit der sogenannten Iron Claw besiegte. Später waren es sowjetische, asiatische und arabische Bösewichte, die den US-Helden das Leben schwer machten.

Während früher die Dramaturgie im Wrestling auf eine einzelne Veranstaltung begrenzt war, gehen heute Auseinandersetzungen zwischen Wrestlern oft über mehrere Wochen hinweg. Bei der grössten Wrestling-Liga, der WWE (World Wrestling Entertainment), sind stets mehrere solcher Wrestling-Storys am Laufen. Die eigentlichen Kämpfe sind lediglich die Kumulationspunkte einer Art Soapopera, die in Magazinen am Fernsehen und im Internet weitergesponnen wird.

Intersexual Champion

Bei anderen Sportarten werden Machenschaften im Hintergrund gerne verdeckt gehalten, bis sie zum Skandal führen. Im Pro-Wrestling sind diese jedoch fester Bestandteil der Show. Betrügereien, unfaire Verträge, alles findet letztlich seinen Weg in den Ring. Natürlich ebenso wie die Kämpfe selbst meist abgekartete Sache sind. So ist der Besitzer der WWE, Vince McMahon, regelmässig neben und im Ring anzutreffen. Im letzten Jahr lieferte sich der Multimillionär unter anderem einen Kampf mit Donald Trump und überlebte einen Anschlag auf seine Limousine, die vor der Halle explodierte.

An und für sich böte Wrestling mit seiner Vermischung von Fiktion und Realität - nicht nur die blauen Flecken sind real, sondern manchmal auch die Skandale - eine gute Plattform für originellere Dramaturgien. Da weder Ligen noch Publikum dafür zu haben sind, finden jedoch selten wirklich aussergewöhnliche Dinge statt. Eine Ausnahme bildet hier vielleicht der Wrestling-Ausflug des Entertainers und Performancekünstlers Andy Kaufman. Dieser pflegte in Memphis Frauen aus dem Publikum in den Ring zu bitten. Da ihn keine von ihnen besiegte, nannte er sich Intersexual Wrestling Champion. Nebenbei beleidigte er noch die Südstaatler und gehörte damit zu den meistverhassten Wrestlern überhaupt.

Kaufmans Karriere endete damit, dass ihn der Wrestler Jerry Lawler bezwang. Nach dem Kampf blieb er bewusstlos im Ring liegen und musste ins Spital gebracht werden. Wie sich erst Jahre später herausstellen sollte, war - willkommen in der Wrestling-Welt - nicht nur die Verletzung, sondern auch der darauf folgende öffentliche Streit zwischen Lawler und Kaufman inszeniert.

Hypothekarzinsen

Wenn nun im Zürcher Hallenstadion internationale Wrestler gegeneinander antreten, wird von einem intelligenten Plot wahrscheinlich wenig zu spüren sein. Schade auch, dass einheimische Wrestler nicht in den Abend einbezogen werden, denn diese hätten einiges an Originalität zu bieten. Entsprechend dem Bild, das offensichtlich in der internationalen Wrestling-Szene von der Schweiz herrscht, steht dieses Land vor allem für eines: Geld. Da überraschen Pseudonyme von Schweizer Wrestlern wie Are$ und auch Teamnamen wie Swiss Money Holding nicht. Ein Match, in dem Are$ für die Schweizer Banken das US-Hypothekarzinsengeschäft regelt, wäre mehr als überfällig, heisst doch eine seiner persönlichen Kampftechniken Credit Clutch.

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