Nr. 03/2010 vom 21.01.2010

Alles andere als ein Tanz

Während Fuss- und Handball von Manipulationsskandalen erschüttert werden, erlebt mit dem Wrestling eine Sportart einen Wiederaufschwung, bei der Manipulation dazugehört.

Von René Martens

Es gibt Sportarten, die unter ihrem Image leiden. Die Formel 1 etwa, deren Rennen ökologisch schlicht nicht vertretbar sind. Oder das Profiboxen: Es gilt immer noch als schmuddelig, wenn sich erwachsene Männer vor laufender Kamera ins Gesicht schlagen. Dass Weltmeister Witali Klitschko den Berner Stadtpräsidenten Alexander Tschäppät zu seinen Freunden zählt, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Verglichen mit dem Wrestling stehen diese Sportarten allerdings gut da. Denn den Showringern wird oft genug abgesprochen, überhaupt Sportler zu sein.

Ist Wrestling gar kein Sport?

Wer sich einen Wrestlingkampf anschaut, muss sich von diesem Vorurteil schnell verabschieden: Vor allem die «Aerial Techniques» – mit Salti und Drehungen angereicherte Sprünge aus erhöhten Positionen, etwa von den Seilen in den Ring – stehen für anspruchsvolle Athletik und präzise Technik. Und trotz der martialischen Namen einiger Varianten («Flying Neckbreaker», «Guillotine Leg Drop») kommt es dabei nicht bloss auf rohe Kraft an.

Dass die Kämpfe abgesprochen sind, stimmt zwar im Kern, aber nicht im Detail: «Ich habe in den USA bis zu 350 Tage im Jahr gekämpft, teilweise siebenmal am Tag. Man kann die Kämpfe nicht alle einstudieren wie eine Tanzaufführung», erzählt der ehemalige Profiwrestler Alex Wright, der vor zwei Jahren im süddeutschen Nürnberg die Pro Wrestling School eröffnet hat. Abgesprochen ist nur der Ausgang, nicht aber der Ablauf. Das gilt auch für Storylines bei den Fernsehinszenierungen, in denen nicht im Detail ausgearbeitet wird, wie sich die Rivalität zwischen den Kämpfern entwickelt. «Der Reiz besteht für mich gerade darin, dass klar ist, dass manipuliert wird», sagt ein deutscher Fan namens «Indikator», ein Mitarbeiter der Webseite genickbruch.com, der im «richtigen Leben» ein Jurastudium absolviert. In anderen Sportarten, so der Wrestlingenthusiast, würden publik gemachte Manipulationen sofort wieder unter den Teppich gekehrt, wie aktuell in Fussball und Handball zu beobachten sei.

«Das Ringen ist in den letzten Jahrzehnten stark in Misskredit geraten. Man sagt, der Grund sei der, dass nicht ‹reell› gekämpft wurde, sondern fast immer nach vorheriger Vereinbarung», schrieb der Journalist Adolf Stein bereits 1927. Die Klage, dass früher alles besser gewesen sei, scheint also auch im Ringkampf beliebt zu sein. Die Zeiten, auf die sich Stein bezieht, waren von Wettbetrug bestimmt: Als die Ringer damals über die Jahrmärkte tingelten, konnte sich der Betrieb gar nicht durch Zuschauereinnahmen finanzieren. Die Hallen, wenn überhaupt vorhanden, waren klein, an Merchandising und Fernsehrechte war noch nicht zu denken. Also wurde vorher abgesprochen, wer gewinnt, und der Wettgewinn aufgeteilt. Die Manipulation beim Wrestling ist also, historisch gesehen, systemimmanent.

Heute ist Wrestling ein Riesengeschäft. Die World Wrestling Entertainment (WWE) als weltweit dominierende Wrestlingorganisation, ist in den USA an der Börse notiert. Sie veranstaltet drei Shows pro Woche, in einer weiteren Sendung («Saturday Night’s Main Event») treten Akteure aus den drei Hauptshows gemeinsam auf. Dazu kommen monatliche Grossveranstaltungen, die FernsehzuschauerInnen ausschliesslich per Pay-per-View angeboten werden. Die so generierten Umsätze spielen eine massgebliche Rolle im Geschäft, allein im dritten Quartal 2009 flossen so 14,5 Millionen Dollar in die Kassen des Unternehmens.

«Absolute Fan-Nähe»

Abseits der grossen Fernsehproduktionen, wo neben der WWE nur noch ein paar wenige Ligen, insbesondere in Japan und Mexiko, mitmischen, bestimmen jedoch kleine Independent-Ligen den Wrestlingalltag. Europäische Ligen finanzieren sich durch Zuschauereinnahmen, Merchandising und den DVD-Verkauf via Internet. «Wrestling mit einer ganz besonderen Facette» bekämen die Fans hier geboten, so die im nordrhein-westfälischen Essen angesiedelte Liga «Westside Xtreme Wrestling» (WXW). «Die grossspurige, aus dem Fernsehen bekannte Hollywoodproduktion» könne man bei diesen Shows nicht erleben, heisst es, «dafür aber die absolute Fan-Nähe». In relativ kleinen Diskotheken in Nordrhein-Westfalen stehen bis zu 400 ZuschauerInnen direkt am Ring.

Das klingt weniger nach globaler Unterhaltungsindustrie und Millionengeschäft als nach Fans, die sich vom Millionengeschäft abgewandt haben und nun eine Intimität und Authentizität anpreisen, wie man sie auch beim Amateurfussball findet. Die meisten Wrestlingveranstaltungen in Deutschland und der Schweiz fallen in diese Kategorie. In Deutschland finden pro Jahr rund hundert Anlässe statt, in der Schweiz, wo die Swiss Championship Wrestling (SCW) aktiv ist, gab es im letzten Jahr deren dreizehn zu sehen.

Zu den letztjährigen Höhepunkten im deutschsprachigen Raum gehörte eine zweitägige Veranstaltung in Oberhausen, welche die WXW gemeinsam mit der japanischen Dragon Gate Liga präsentierte. Für einige besonders eingefleischte WrestlingenthusiastInnen waren das wahre Festtage, denn die japanische Variante des Showringens ist «sportlicher als das, was man aus dem Fernsehen kennt», sagt Alex Wright. Für die Japaner wiederum sind solche Events eine Chance, den DVD-Verkauf ausserhalb der eigenen Landesgrenzen anzukurbeln. Während in Oberhausen sogar japanische JournalistInnen vor Ort waren, interessierten sich die örtlichen Medien nicht sonderlich dafür. Beide Kampftage wurden von jeweils unter 500 ZuschauerInnen verfolgt.

Solche Zahlen machen es bereits deutlich: Wer im deutschsprachigen Raum als Wrestler aktiv ist, kann das nur nebenbei machen. Schulleiter Wright hat kürzlich eine eigene Liga gegründet, die New European Championship Wrestling (NEW). Darin sollen seine Schützlinge Kampfpraxis sammeln können. Er mache seine Arbeit aus Liebe zum Sport, sagt Alex Wright. «Schon mein Vater und mein Onkel waren Wrestler.» Geld verdienen müsse er mit seiner Ausbildungseinrichtung nicht: «Ich habe zehn Jahre lang gekämpft, dabei gut verdient und einiges auf die hohe Kante gelegt.»

Trotzdem hofft Wright, dass sich der Sport für seine Kämpfer zu einem attraktiven Nebenjob entwickelt. Er spürt einen Aufschwung. «Die Präsenz im Fernsehen» sei wieder grösser geworden, nachdem es Phasen gegeben hatte, in denen die Sportart im frei empfangbaren TV gar nicht zu sehen war. So etwa zwischen 2001 und 2003. Im Sportkanal DSF ist derzeit samstags «Smackdown» zu sehen, eine der drei grossen WWE-Sendungen. Seit Februar sendet Eurosport ausserdem montags einen Überblick über sämtliche aktuellen WWE-Shows («Die Woche in der WWE») sowie eine recht wirre Zusammenstellung mit Kämpfen aus den goldenen Zeiten des Wrestlings («Vintage Collection»). Im deutschsprachigen Raum lockt Eurosport damit wöchentlich im Schnitt 184 000 Zuschauer vor die Bildschirme.

Hinzu kommt, dass der Showcharakter der Wettkämpfe und die konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse des Fernsehpublikums nicht mehr alleine dem Wrestling vorbehalten sind. So haben sich Profiboxveranstalter beim Wrestling die Erkennungslieder abgeschaut, die beim Einmarsch der Kämpfer erklingen. Die nordische Kombination wurde vor über einem Jahr von zwei Sprüngen und einem Fünfzehn-Kilometer-Lauf auf einen Sprung und einen Zehn-Kilometer-Lauf verkürzt, womit man den Aufmerksamkeitsspannen der ZuschauerInnen entgegenzukommen glaubte. Beim Tischtennis gibt es heute grössere Bälle als früher, damit das Publikum am Bildschirm Partien besser verfolgen kann, und beim Volleyball wurde die Möglichkeit eingeführt, auch bei gegnerischem Aufschlag Punkte zu machen. Selten haben solche Massnahmen aber tatsächlich dazu geführt, dass die Fernsehsender diesen Sportarten mehr Platz einräumten. Beim Judo etwa wurden die Regeln schon mehrfach geändert, ohne dass das eine nennenswerte Änderung der Medienpräsenz mit sich gebracht hätte.

Tote kämpfen sehen

Der Ruf des Wrestlings ist jedoch nach wie vor miserabel. Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Branche nicht einmal im Ansatz darauf reagiert, dass zahlreiche Kämpfer schon in jungen Jahren ihrem Beruf zum Opfer fallen. «USA Today» recherchierte 2004, dass in einem Zeitraum von sieben Jahren 65 Wrestler in einem Alter von unter 45 Jahren gestorben waren. Das Risiko, vor dem 45. Lebensjahr zu sterben, sei für einen Wrestler zwanzigmal höher als für einen American Footballer, der sich in seiner Sportart ebenfalls einer extrem hohen Körperbelastung ausgesetzt sieht. Viele Wrestler ruinieren ihre Gesundheit nicht nur mit Anabolika, sondern auch mit Schmerzmitteln. Der heute für eine Independent-Liga kämpfende Scott «Raven» Levy sagt, er habe eine Zeit lang mehr als 200 Schmerzpillen täglich geschluckt – das sei «Teil des Jobs» gewesen. Eine andere Art von Gefährdung verdeutlicht der Tod Chris Benoits: Er erhängte sich 2007, nachdem er seine Frau und seinen Sohn ermordet hatte. Die Ärzte führten die Tat des 40-Jährigen auf eine fortgeschrittene Demenz zurück. Er habe «das Gehirn eines 85-Jährigen» – eine Folge von drei schweren Gehirnerschütterungen oder aber von Steroidmissbrauch.

Bei der «Vintage Collection» auf Eurosport sieht man viele der Verstorbenen noch quicklebendig durch den Ring toben. Zum Beispiel Owen Hart, der 1999 bei einem Sturz von der Hallendecke tödlich verunglückte. Dass Hart bei der Ausübung seines Berufs zu Tode kam, erwähnen die Eurosport-Moderatoren genauso wenig wie die Tatsache, dass mangelnde Sicherheitsvorkehrungen schuld daran waren.

Doch selbst diese Begleiterscheinungen mögen nicht vollends erklären, wie allergisch sogar Personen, die früher einmal Teil der «Familie» waren, auf das Stichwort Wrestling reagieren. Ein deutscher Drehbuchautor, der vor rund zwanzig Jahren unter einem Pseudonym Wrestlingsendungen moderierte, reagierte beispielsweise sehr barsch auf eine Interviewanfrage der WOZ: «Da beissen Sie bei mir auf Granit. Ich habe Familie. Ich wünsche Ihnen ein guten Tag.» Der Mann klang so, als habe man ihn dazu überreden wollen, über eine lange zurückliegende Straftat zu reden.

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