Weltgeschichte : Unsterblich für eine Nacht

Nr.  3 –

Der linke lateinamerikanische Journalist und Schriftsteller Eduardo Galeano schreibt zurzeit an seinem neuen Buch «Spiegel»: Ein Blick auf die Absurditäten und Grausamkeiten der Geschichte. Eine exklusive Vorauswahl.

Jeden Tag, wenn ich die Zeitungen lese, nehme ich an einem Geschichtsunterricht teil. Aus den Zeitungen lerne ich sowohl von dem, was geschrieben, als auch von dem, was verschwiegen wird. Die Geschichte ist voll von Absurditäten. Die Widersprüche bewegen ihr die Beine. Ist es vielleicht deshalb so, dass das Schweigen oft mehr aussagt als Worte - und dass Worte, wenn sie verlogen sind, die Wahrheit sagen können? Unter dem Titel «Spiegel» erscheint bald ein Buch von mir, das - man verzeihe mir die Unverschämtheit - so etwas wie eine kleine Weltgeschichte ist.

«Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht», sagte einst Oscar Wilde. Nun, ich muss gestehen, dass ich der Versuchung unterlegen bin, einige Episoden des menschlichen Abenteuers auf der Erde nachzuerzählen - und zwar aus der Sicht derer, die auf keinem Bild zu sehen sind. Sagen wir einmal, es handelt sich um wenig bekannte Sachverhalte. Hier fasse ich nun einige zusammen.

Als sie aus dem Paradies vertrieben wurden, zogen Adam und Eva nach Afrika - und nicht nach Paris. Etwas später, als ihre Kinder sich über die ganze Welt verbreitet hatten, wurde die Schrift erfunden. Im Irak und nicht in Texas.

Auch die Algebra ist im Irak erfunden worden. Mohammed al-Charismi hat sie vor 1200 Jahren begründet. Begriffe wie Algorithmus sind von seinem Namen abgeleitet.

Doch Namen stimmen oft nicht mit dem überein, was sie benennen. Im British Museum werden zum Beispiel die Skulpturen von Parthenon als «Elgin-Marmor» bezeichnet - statt als Marmor von Fidias. Elgin hiess der Engländer, der sie an das Museum verkauft hat.

Die drei Erneuerungen, die die europäische Renaissance möglich gemacht haben, der Kompass, das Schiesspulver und die Buchdruckerei, sind in China erfunden worden, wo übrigens fast alles herkommt, was Europa noch einmal «erfunden» hat.

Es waren die Hindus, die als Allererste wussten, dass die Erde rund ist, und die Mayas schufen den präzisesten Kalender aller Zeiten.

Im Jahr 1493 schenkte der Vatikan der spanischen Krone den Kontinent Amerika und beschenkte Portugal mit Schwarzafrika, «damit die Barbaren dem katholischen Glauben unterworfen werden». Damals hatte Amerika fünfzehnmal mehr Einwohner als Spanien und Schwarzafrika hundertmal mehr als Portugal.

Genau so, wie der Papst es gefordert hatte, wurden die barbarischen Nationen auch unterworfen. Sogar sehr.

Tenochtitlán, das Zentrum des Imperiums der Azteken, bestand aus Wasser. Hernán Cortés hat die Stadt demoliert, Stein um Stein, und mit dem Schutt die Kanäle zukippen lassen, auf denen 200 000 Kanus verkehrten. Das war der erste Wasserkrieg Amerikas. Jetzt heisst Tenochtitlán Mexiko City. Dort, wo das Wasser lief, verkehren Autos.

Das höchste Denkmal Argentiniens wurde zu Ehren von General Roca errichtet, der im 19. Jahrhundert die Indianer in Patagonien ausgerottet hat.

Die längste Avenue in Uruguay trägt den Namen General Riveras, der im 19. Jahrhundert die letzten Indianer, die Charruas, ausgerottet hat.

John Locke, der Philosoph der Freiheit, war Aktionär der Royal Africa Company, die Sklaven kaufte und verkaufte.

Während das 18. Jahrhundert heranreifte, unterschrieb der Erste der Bourbonen in Spanien, Philipp V., bei Antritt seiner Regentschaft einen Vertrag mit seinem Cousin, dem König von Frankreich, damit die Compagnie de Guinée schwarze Sklaven nach Amerika verkaufen durfte. Jeder Monarch war mit 25 Prozent am Gewinn beteiligt.

Die Schiffe der Sklavenhändler trugen Namen wie Voltaire, Rousseau, Jesus, Hoffnung, Gleichheit, Freundschaft.

Zwei der Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika sind im Nebel der offiziellen Geschichtsschreibung verschwunden. Niemand erinnert sich an Robert Carter oder an Gouverneur Morris. Mit Amnesie sind ihre Taten belohnt worden. Carter war der einzige Freiheitskämpfer, der seine Sklaven befreit hatte. Morris, der Redakteur der Verfassung, widersetzte sich der Bestimmung, dass ein Sklave drei Fünftel einer Person wert sei.

«Die Entstehung einer Nation», die erste Grossproduktion von Hollywood, wurde im Jahr 1915 im Weissen Haus uraufgeführt. Der Präsident Woodrow Wilson feierte sie mit stehenden Ovationen. Er war der Autor der Filmtexte, einer rassistischen Hymne an den Ku Klux Klan.

Einige Geschichtsdaten: Seit dem Jahr 1234 verbot die katholische Kirche sieben Jahrhunderte lang den Frauen das Singen in der Kirche. Ihre Stimmen galten als unrein, wegen jener Geschichte mit Eva und der Ursünde.

Im Jahr 1783 dekretierte der König von Spanien, dass körperliche Arbeit nicht unehrenhaft sei. Bis dahin verlor einer seinen Adelstand, wenn er «gemeine Dienstleistungen» verrichtete.

Bis zum Jahr 1986 war die körperliche Züchtigung mit Riemen, Stäben und Keulen in den Schulen Englands gesetzlich erlaubt.

Im Namen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hat die Französische Revolution im Jahr 1793 die Menschen- und Bürgerrechte deklariert. Damals setzte sich die engagierte Revolutionärin Olympe de Gouges auch für eine Deklaration der Frauen- und Bürgerinnenrechte ein. Die Guillotine hat sie geköpft.

Ein halbes Jahrhundert später, während der ersten Pariser Kommune, ebenfalls einer revolutionären Regierung, wurde das universelle Wahlrecht proklamiert. Gleichzeitig wurde den Frauen das Wahlrecht fast einstimmig verweigert: 899 Stimmen dagegen, eine Stimme dafür.

Die christliche Kaiserin Theodora hat nie behauptet, eine Revolutionärin oder irgendetwas Ähnliches zu sein. Vor 1500 Jahren wurde das Byzantinische Reich dank ihr der erste Ort der Welt, wo Abtreibung und Scheidung Frauenrechte waren.

Der General Ulises Grant, der den industriellen Norden zum Sieg über die Anhänger der Sklaverei im Süden führte, wurde später Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. 1875 hielt er dem Druck der Briten entgegen: «In 200 Jahren, nachdem wir vom Protektionismus alles erhalten haben, was er zu bieten hat, werden auch wir für die Freiheit des Handels einstehen.» Demnach würde also im Jahr 2075 die protektionistischste Nation der Welt endlich den freien Handel einführen.

Im Namen der Freiheit und des freien Handels wurde 1870 Paraguay ausgelöscht. Nach einem fünfjährigen Krieg nahm das einzige Land in Amerika, das keinen Cent Schulden hatte, die erste Auslandsschuld auf. Auf den noch rauchenden Ruinen des Landes landete der erste Auslandskredit aus London. Er wurde dazu verwendet, die enormen Wiedergutmachungszahlungen an Brasilien, Argentinien und Uruguay zu zahlen. Das ermordete Land zahlte den Mörderstaaten für die Arbeit, die sie sich gemacht hatten, es zu ermorden.

Haiti hat ebenfalls eine enorme Entschädigung gezahlt. Seit 1804, als es sich die Unabhängigkeit erkämpft hatte, musste die geplünderte und zerstörte Nation 150 Jahre lang ein Vermögen an Frankreich zahlen, um die Sünde seiner Freiheit abzubüssen.

In den USA haben die Konzerne Menschenrechte. 1886 hat der Oberste Gerichtshof die Menschenrechte auch auf Unternehmen ausgedehnt - und das gilt bis heute. Wenige Jahre später haben die USA zehn Länder aus den verschiedensten Weltmeeren überrannt und besetzt, eben in Verteidigung der Menschenrechte der Konzerne.

Damals hat Mark Twain, als Vorsitzender der Antiimperialistischen Liga, eine neue Fahne vorgeschlagen, mit Totenköpfen statt Sternen.

Ein anderer Schriftsteller, Ambrose Bierce, stellte fest: «Der Krieg ist der Weg, den Gott ausgesucht hat, um uns Geografie zu lehren.»

Das Konzentrationslager ist in Afrika entstanden. Die Briten haben das Experiment gestartet, und die Deutschen haben es entwickelt. Später hat Hermann Göring das Modell für Deutschland übernommen, das sein Vater 1904 in Namibia entwickelt hatte. Die Lehrer von Joseph Mengele hatten im Konzentrationslager Namibia die Anatomie der «inferioren Rassen» studiert. Die Versuchskaninchen waren alle schwarz.

1936 hat das Internationale Olympische Komitee keine Unverschämtheiten gestattet. Bei der von Hitler organisierten Olympiade spielte die Fussballmannschaft von Peru 4:2 gegen Österreich, das Heimatland Hitlers. Das Olympische Komitee erklärte das Spiel für ungültig.

Hitler fehlte es nicht an Freunden. Die Rockefeller-Stiftung hat den Nazis Rassenforschung und rassistische Forschungsprojekte finanziert. Coca-Cola hat mitten im Krieg für den deutschen Markt die Limonade Fanta erfunden. IBM hat die Identifizierung und Klassifizierung von Juden möglich gemacht. Es war das erste gross angelegte internationale Abenteuer der Lochkarte.

1953 brachen die Arbeiterproteste im kommunistischen Deutschland aus. Die Arbeiter gingen auf die Strasse, und sowjetische Panzer stopften ihnen den Mund. Da machte Bertolt Brecht den Vorschlag: Wäre es nicht leichter, wenn die Regierung das Volk auflöst und ein anderes wählt?

Marketing: Die öffentliche Meinung ist das Ziel. Die Kriege werden mit Lügen verkauft, so wie die Autos. 1964 überfielen die USA Vietnam, weil Vietnam zwei Schiffe der USA in der Bucht von Tonkin angegriffen hatte. Nachdem der Krieg schon eine Masse von VietnamesInnen abgeschlachtet hatte, gab der Verteidigungsminister Robert McNamara zu, dass der Angriff von Tonkin nicht stattgefunden hatte. Vierzig Jahre später wiederholt sich die gleiche Geschichte im Irak.

Tausende Jahre vor dem Überfall auf den Irak, der dem Land die Zivilisation bringen sollte, war in dem barbarischen Land das erste Liebesgedicht der Menschheitsgeschichte geboren worden. In sumerischer Sprache, auf Lehm geschrieben, erzählte das Gedicht von dem Treffen einer Göttin mit einem Hirten. Inanna, die Göttin, liebte in jener Nacht, als wäre sie sterblich. Dumuzi, der Hirte, war unsterblich, solange die Nacht anhielt.

Galoppierender Widersinn - stimulierender Widersinn: Aleijadinho, der hässlichste Brasilianer, hat die schönsten Skulpturen der Kolonialzeit geschaffen.

Das Reisebuch von Marco Polo, Abenteuer der Freiheit, wurde in einem Gefängnis in Genua schrieben.

Don Quijote de la Mancha, ein weiteres Abenteuer der Freiheit, ist im Gefängnis von Sevilla entstanden.

Enkel von schwarzen Sklaven haben den Jazz geschaffen, den freiesten aller Musikstile. Einer der besten Gitarristen des Jazz, der Roma Django Reinhardt, hatte nur drei bewegliche Finger an seiner linken Hand.

Gar keine Hände hatte Grimod de la Reynière, der Meister der französischen Küche. Mit Handhaken schrieb, kochte und ass er.

Eduardo Galeano, geboren 1940 in Montevideo, Uruguay, wurde mit zwanzig Jahren stellvertretender Chefredaktor der Zeitschrift für Kultur und Politik «Marcha» in Montevideo. Zwischen 1964 und 1966 war er Direktor der «Epocha», der Zeitschrift der «unabhängigen Linken» von Uruguay. Er war in Buenos Aires Chefredaktor von «Crisis» und lebte ab 1976 in spanischem Exil. 1985, nach Beendigung der Militärdiktatur in Uruguay, kehrte er nach Montevideo zurück. Er ist unter anderem Autor von «Die offenen Adern Lateinamerikas», dem dreibändigen Grundlagenwerk über die Geschichte des Kolonialismus in Lateinmerika, und «Erinnerungen des Feuers».