Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

American Youth

Von Michael Saager

Plötzlich geschieht etwas Unvorhergesehenes. Und die Welt, in der man zuvor recht kuschelig zu Hause war, ist nicht mehr dieselbe. In Phil Lamarches Debütroman «American Youth» ist es die Welt des Highschoolschülers Ted LeClaire, die sich radikal ändern wird, nachdem er aus der amerikanischen Kleinstadt das Gewehr des Vaters geholt hat, um vor seinen Kameraden Bobby und Kevin anzugeben. Keine gute Idee - ein paar Minuten später liegt Bobby tot am Boden, versehentlich erschossen vom eigenen Bruder Kevin. Wäre man zynisch, könnte man sagen: Erstaunlich, dass sogar in einem Land, in dem Waffenbesitz zu den Grundrechten gehört, nicht jeder Junge damit umgehen kann.

Ted und seine Mutter haben derweil ganz andere Probleme. Probleme, den genauen Tathergang zu vertuschen, zum Beispiel. Lamarche erweist sich als feinfühliger und lakonisch genauer Autor, wenn es darum geht, die Ängste seines jungen Protagonisten zu schildern. Von Beginn an muss die Atmosphäre des Romans als beklemmend beschrieben werden. Und man ahnt rasch, dass der Unfall nur der Anfang ist.

Seit diesem Ereignis nämlich wird Ted, den Lamarche stets «der Junge» nennt, von einer Gruppe jugendlicher Faschisten, der «American Youth», umgarnt. Ted umgibt der dunkle Ruch tödlicher Gewalt. Das finden die Jungen, die auf Selbstverteidigung und Waffenbesitz schwören, Homosexualität für Teufelswerk halten und sich religiöser geben, als sie sind, sehr attraktiv.

Ted kann sich ihren Annäherungsversuchen nicht wirklich entziehen. Er ist viel zu zerrissen und einsam und wird geplagt von schweren Schuldgefühlen. Hilf- und Orientierungslosigkeit, so die Idee des Autors, lassen Ted eine Rolltreppe betreten, die nur abwärts führen kann. Doch so schlimm, wie es kommen könnte, kommt es nicht. Irgendwann geraten Kevin, der Bruder des Erschossenen, und dessen Mutter ins Visier der selbst ernannten jugendlichen Bürgerwehr - zu viel für Ted. Er beginnt nachzudenken. Die Treppe führt ihn zurück ans Licht. In der Realität sieht es meist etwas anders aus. So gesehen, gibt sich der Roman ein wenig zu optimistisch.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch