Nr. 41/2016 vom 13.10.2016

Nachdenken über den eigenen Glutkern

Über das Landleben, Depressionen und den Literaturbetrieb: Das eindringliche Tagebuch «Jasper und sein Knecht» des niederländischen Autors Gerbrand Bakker verbindet kunstvoll Erzählung und Selbstreflexion.

Von Hans Ulrich Probst

Gerbrand Bakker hat sich in wenigen Jahren mit vier Romanen einen Namen als herausragender, unverwechselbarer Erzähler gemacht. So wurde «Oben ist es still» («Boven is het stil»), eine so karg wie subtil erzählte Verfallsgeschichte einer Bauernfamilie im flachen nebligen Nordholland, mit dem Impac Dublin Literary Award ausgezeichnet, einer Art Weltbuchpreis für Originale und Übersetzungen. Auch die Romane «Juni», geschrieben vor dem Hintergrund des tragischen Unfalltods eines Bruders des Autors just am Tag, als die Königin sein Heimatdorf besucht, und «Der Umweg», eine so düstere wie kraftvolle Geschichte einer Frau, die im Zeichen tödlicher Krankheit ihr Schicksal in die Hand nimmt, fanden viel Beachtung.

Doch dann stockte plötzlich die Produktion. Fast fünf Jahre nach «Der Umweg» beginnt der Autor im Dezember 2014 für ein Jahr mit Aufzeichnungen seiner Tage, um herauszufinden, woher sein Widerwille gegen fiktionales Schreiben und die aktuelle Literaturszene stammen.

Mehr Knecht als Meister

Aufgewachsen als Bauernsohn in Nordholland und lange in Amsterdam ansässig, hat er vor vier Jahren ein altes Haus mit Garten und Wald in der westdeutschen Eifel zum Hauptwohnsitz erkoren. Dies ist einer der Schauplätze seines Buchs. Weitere Schauplätze sind sein Geburtsort Wieringerwaard und Amsterdam sowie Irland, Wales oder Barcelona, wohin ihn Lesereisen führten. Da er keinen Führerschein besitzt, ist er stets auf Fahrdienste von Freunden und Nachbarn angewiesen. So sind es nicht die Bekannten aus der Literaturszene, sondern die unscheinbaren, doch zugewandten deutschen Nachbarn, mit denen er ein stabiles Beziehungsnetz knüpft und die ihm bei der Renovation von Haus und Garten zur Hand gehen.

Den ambivalenten Fixpunkt seines Alltags bildet das Zusammenleben mit dem aus Griechenland stammenden, dreijährigen Windhund Jasper, der sich kaum zähmen lässt. Er bringt seinen Besitzer – mehr Knecht als Meister – mit stundenlangem Wegbleiben, Ins-Haus-Pinkeln und -Kacken immer wieder zur Verzweiflung, bis er im Frühjahr 2016 nach Krankheit und Erblindung ein trauriges Ende findet. Auch wenn Hund und Halter verbindet, dass sie als kaum sozialisierbare «Sorgenkinder» gelten, und trotz manch witziger, zum Schluss auch anrührender Szenen mit Jasper: «Jasper und sein Knecht» ist kein Hundebuch.

Schonungslos sich selber gegenüber

Das wahre Zentrum des Tagebuchs bilden auch nicht die konzentriert skizzierten Tagesabläufe, Begegnungen, Erlebnisse und Naturschilderungen; im Zentrum stehen die Erinnerung an und das Nachdenken über den eigenen Werdegang. Fast ganz frei von Eitelkeit oder Voyeurismus spürt der Autor – schonungslos zumal sich selbst gegenüber – seiner schwierigen Entwicklung in Familie und Schule nach. Dazu gehören der traumatische Verlust des zweijährigen Bruders, als Gerbrand sieben ist, ebenso wie seine mehr passiv als aktiv gelebte Homosexualität.

Als Glutkern dieses Lebens und damit des Tagebuchs entpuppt sich eine jahrzehntelang kaschierte Depression des Verfassers. Schon früh prägt diese Krankheit sein Leben durch Antriebslosigkeit, Zwangsgedanken, Ängste und tiefste Einsamkeit. Erst nach einer massiven Krise im Jahr 2011 stellt sich Bakker ihr mit Therapie und wirksamen Antidepressiva.

Das Unsichtbare der Depression

Was der Autor in diesem Buch zu den Erfahrungen des Depressiven in tastendem Suchen und nie auftrumpfender Gewissheit zu formulieren vermag, beeindruckt und lohnt allein schon die Lektüre. «Es bleibt schwierig, darüber zu schreiben», lautet Bakkers verhaltenes Fazit, und er insistiert: «Was mich fassungslos macht, ist das Unsichtbare der Depression. Dass Verhalten und Haltung eines Menschen oft nichts davon verraten (…). Vielleicht ist das ja auch ganz schlimm: Wenn einem niemand etwas ansieht oder anmerkt, verstärkt das nur das Gefühl grenzenloser Einsamkeit.»

Eislauf und Schreiben

Was den Autor «durch die Jahre geschleppt» hat, bevor das Schreiben gelang, war der Eisschnelllauf. Diesen hat er als Aktiver und Trainer über Jahrzehnte gepflegt. Und wenn er beim Eislauf nur reüssierte, wenn er nicht Rekord laufen wollte, so sieht er eine Gemeinsamkeit zum Schreiben: «Ich darf mit nichts rechnen, darf nicht das Buch der Bücher schreiben wollen. Es muss versehentlich geschehen.»

Derartige Versehen wie Gerbrand Bakkers in der Grundstimmung häufig düstere, doch atmosphärisch ungemein dichte Romane lassen sich die LeserInnen gerne gefallen. Seine Romane versteht der Autor als «Versuche, die Welt um mich herum zu begreifen, herauszufinden, welchen Platz ich darin einnehme».

Das gilt gewiss auch für dieses vielseitige Tagebuch. Es ist trotz überraschender Bekenntnisse kein Journal intime, sondern eine narrativ angereicherte, faszinierende Enquête zum eigenen Leben – entworfen aus der Skepsis gegenüber fiktionalem Schreiben und dem eitlen Literaturbetrieb. Gleichsam ansatzlos bestätigt «Jasper und sein Knecht» die enorme Qualität dieser sehr eigenständigen literarischen Stimme.

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