Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Arm dran in Flums

In Flums hätten abgewiesene Asylsuchende ein sehr hartes Los, heisst es. Wir schickten zwei gebürtige Flumser auf Reportage in die kleine Gemeinde zwischen Walensee und Sargans.

Von Max Rüdlinger

Nach Flums hat man es scheints nicht eilig. In Walenstadt steht der Bummler die längste Zeit. Eine junge Frau lässt sich darüber aus, dass sie keinen Thomy-Senf mehr kaufe, weil der Nestlé gehöre. Die SnowboarderInnen sind schon in Unterterzen ausgestiegen. In corpore ragen schroff die sieben Churfirsten. Aber die schüchtern mich nicht ein. Ich kenne mich aus. Schliesslich bin ich in Flums geboren und aufgewachsen.

Flums hat mir noch nie als Garten Eden vorkommen wollen. Kein Ort für verzärtelte Gemüter. Der Zug ruckelt an der unter Dampf stehenden Flumroc vorbei. Ich steige aus. Vor dem Bahnhofgebäude stehen zwei Ladungen Holzträmmel. Wenn man von der Unterführung raufkommt, wähnt man sich im Bürgerkrieg, so heruntergekommen ist die Fassade des «Hotels» Bahnhof. Und die Bahnhofstrasse durch das Dorf ist auch nicht gerade eine Glamourmeile.

Immerhin künden vermanschte Konfetti an den Rändern des Trottoirs von einer stattgehabten Lustbarkeit, der Fasnacht. Auf die war ich zu Zeiten megastolz: die anarchisch-wilde Flumser Fasnacht. Der Hereinbruch eines andersweltlichen Gespensterheeres, grotesk und erschreckend. Je grüüsiger, desto schüüner! Das war schon etwas ganz anderes als die in Formation paradierenden, herausgepützelten Basler TrommlerInnen mit ihren Nasen in der Luft. Aber dann war man ja in Flums auch nicht bourgeois, sondern bäuerisch und proletarisch. Bei uns ging man in Huttlä und Frauenunterkleidern um, da flogen die Fetzen und d Schwiploutere (Schweineblasen) den Zivilisten um den Kopf. Und auch von kunstvollen Versen keine Rede, sondern unter dem Schutz der Holzlarven sagte man mit verstellter Stimme seinen MitdörflerInnen in alles anderen als gewählten Worten, was man ihnen das Jahr hindurch zu sagen sich nicht getraut hatte.

Die alte Fasnacht hatte einen derart heidnischen Charakter, dass der Pfarrer es jeweils vorzog, das Dorf temporär zu verlassen. Jetzt soll es in Flums aber überhaupt keinen solchen mehr geben. Und auch die Migros hat es nach mehr als vierzig Jahren nicht mehr ausgehalten am Ort. Das Ladenlokal soll jetzt eine Moschee sein. Good Bekleidungen ist zum Imbiss «Zu den 2 Palmen» und die Drogerie Gächter zum «Babylon-Kebab» mutiert.

Was ist das für ein Dorf, wo es keinen Bahnhofvorstand, keinen Pfarrer, keinen Schuh- und Bekleidungsladen und auch keine Migros hat? Aber was solls? Heute ist heute, und seit meiner Jugend sind mehr als vierzig Jahre vergangen. Auf dieser Welt bleibt sich nun mal nichts gleich.

Schandfleck unter Denkmalschutz

Ich schlendere durch das Neuquartier. Das war schon in meiner Jugend nicht gerade glamourös, denn da wohnten die Fabrikler, und die hatten es alles andere als breit. Jetzt aber sind die Häuser heruntergekommen. Vor hundert Jahren stellten sie noch eine Pioniertat von Fabrikprinzipal Spoerry dar, der seinen ArbeiterInnen nicht nur Kosthäuser, wie damals üblich, sondern eine ganze Siedlung zur Verfügung gestellt hatte. Jetzt aber sind sie nichts weniger als ein Schandfleck. Die Gemeinde aber kann nichts machen, weil sich der Denkmalschutz aus Gründen der Industriehistorie gegen einen Abriss sperrt. Was für eine Ironie! Ausgerechnet die FlumserInnen, über die nicht gerade das Füllhorn industriellen Segens ausgeschüttet worden ist, sollen industriehistorische Verantwortung tragen!

Die Spoerry AG ist eine der wenigen Baumwollspinnereien in der Schweiz, die noch in Betrieb sind und feinstes Garn in alle Welt liefern. Und die Mühle Grüninger prosperiert mit Mehl für Wurzelbrot. Ja, Flums ist ein tougher Ort, aber immer auch für Überraschungen gut, nicht nur an Olympischen Spielen! Kunstgeschichtlich? Erste Sahne! Das älteste Glasgemälde unseres Landes, eine um 1140 entstandene Muttergottes, stammt aus der Kapelle St. Jakob bei Gräpplang.

Soweit ich an den Briefkästen abzulesen vermag, wohnt keine einzige Schweizer Familie mehr im Neuquartier. Da lebten viele Kosovarenfamilien aus Albanien, bekomme ich Bescheid. Flums hat einen zwanzigprozentigen AusländerInnenanteil. Fritz, ein Pfadikamerad von ehedem, meint, mühsam seien nicht die vielen Fremden an sich, sondern dass so viele aus dem gleichen Dorf seien. Ich halte ihm entgegen, aber die passten doch hierher, die hätten doch auch eine etwas raue Schale. Fritz gibt das sofort zu. Und dann dopple ich noch nach, die Flumser, die im vorletzten Jahrhundert nach Amerika ausgewandert seien, die hätten sich auch alle in Highland, fünfzig Kilometer östlich von St. Louis im Bundesstaate Illinois, wieder zusammengefunden.

Auswandern damals

Anfang des 19. Jahrhunderts hatten nämlich Missernten im Sarganserland eine eigentliche Hungersnot verursacht. Das war auch im Toggenburg der Fall, wo der arme Schullehrer Johann Jakob Rütlinger, der dann auch nach Amerika auswanderte, dichtete:

Im Früälig, wos chum grüänet het,
(Es hets än jedä selber gseh)
Sä sind ganz Schaarä do und det,
Uf d Wisä gangä gad wies Veh,
Und händ halt gweidet spot und früah,
Ja gwüss, as wie die liebä Chüa.

In den fünfziger Jahren des gleichen Jahrhunderts wurden neunzig Bettler in Flums aufgegriffen. Die Gemeindebehörde konstatierte lapidar: «Dieser Ort ist arm.» Ein Knecht erhielt in der Woche neben Kost und Logis im Heu gerade mal zwei bis drei Franken Bares. Die FabriklerInnen ernährten sich von Kartoffeln und Kaffee. Die Ärmsten aber waren die Pflanzer, welche Pflanzblätze auf Allmendboden bebauten. Über die Vergeblichkeit ihrer gewerblichen Bemühungen sagte Christi Lang aus Berschis, einem Weiler unweit von Flums: «Äs isch schu ä bitz äsou: Wimmer ä Huetladä hetten, cheimen d Lüt na uni Grind uf d Wält.» Und auch der Totengräber klagte: «Die ganz Wuchä chrangg Lüt und am Sunntig glych nüt Gschtorbnigs.»

So drückte man auch in Flums Leuten, die da kein Auskommen hatten, das Geld für die Schiffspassage nach Amerika in die Hand. 150 Jahre später sind es KosovarInnen, die nach Flums emigrieren. Ein erster Einwandererschub sei aber bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts durch Italiener erfolgt, die im Strassen- und Stollenbau tätig gewesen seien, steckt mir der Uhrmacher Senti, den ich bei einem turnerstrammen Wackel durch das Dorf angetroffen habe. Da muss also keiner kommen und sagen, die Flumser seien Hinterwäldler. Die haben schon seit eh Erfahrungen mit Fremden und Fremdem gemacht. Ich erinnere mich noch gut an Rocco, an einen stattlichen Mann in Manchesterhosen, die er mit Schnur gürtete, wie dieser zusammen mit Kollegen im Halbkeller der Grossmutter auf selbstgezimmerten Schemelchen Mora spielte. Dabei ertönte oft die Zahl «cinque», weshalb man die Italiener dann nicht gerade nobel «Tschingge» nannte. Oder 1956, da schloss ich Freundschaft mit Tibor und seinem Freund. Die waren aus dem aufständischen Ungarn geflüchtet und dekorierten an Weihnachten das Schaufenster des Konsums, oberhalb dessen wir wohnten.

Die FlumserInnen sind ein eigenwilliger Menschenschlag, alles andere als auf Rosen gebettet, aber deswegen kein bisschen weniger stolz. Eigen ist schon ihre Sprache, die sich durch keinerlei Wohlklang anzubiedern sucht. Sie ist ganz anders als die Stadtner Seesprache, und die aus Mels will man in Flums schon beinahe nicht mehr verstehen. Geprägt ist das Flumserische durch die Dehnung der Vokale zu Diphthongen: also «Meiter» für «Meter», «Leirer» für «Leerer» oder «louse» für «lose», das heisst «hören».

Wie aber kann man Flumser zum Bellen bringen? Ein paar Dörfler sollen im «Tannenboden» beim Jassen gewesen sein, als einer von der Sesselbahn atemlos unter der Türe erschienen sei und gerufen habe: «Z Madils hindä sind zwei naggigi Mäitli am baadä!» Da hätten die Flumser wie aus einem Munde gerufen: «Wou, wou, wou?»

Auch wenn man mit seinen sarganserländischen Nachbarn das Heu nicht immer auf der gleichen Bühne hat, hat man nichts gegen Fremde. Nicht, dass man sich mit ihnen gerade verbrüdern würde, das ist der Psyche der Flumser weniger gegeben, aber sie stören einen auch nicht. Leben und leben lassen, heisst die Devise.

Bei Eric und Kasim

Und nun bin ich zu Eric unterwegs, einem schwarzen Pastor, den die Fährnisse des Lebens von allen Orten der Welt ausgerechnet nach Flums verschlagen haben. Er stammt aus Cabinda, der ölreichen angolanischen Exklave, welche die Unabhängigkeit vom Stammland anstrebt. Eric hat sich mit Aufklärungsarbeit in diesem Kampf engagiert und sieht keine Möglichkeit, in sein Heimatland zurückzukehren.

Seit sechs Jahren hält er sich in der Schweiz auf. In St. Gallen leitet er eine kleine Gemeinde von Gläubigen an, wie er, der sehr gut Französisch spricht, mir in leidlichem Deutsch mitteilt.

Dann zeigt mir Eric sein neuestes Domizil in der Zivilschutzanlage. Es handelt sich um eine Notunterkunft, in welche Flüchtlinge mit einem abschlägigen Asylentscheid infolge der seit Beginn dieses Jahres in Kraft getretenen verschärften Asylgesetzgebung aus ihren Wohnungen verlegt worden sind.

Die Unterkunft in Flums soll eine der schäbigsten weitherum sein. Schäbig ist sie tatsächlich: Ein Bretterverschlag in lichtlosem Betonuntergrund. Wenig anmächelige Schaumgummimatratzen am Boden. Auf Erics Liege ist eine dicke Bibel aufgeschlagen. «Mit Kommentaren», wie er nicht ohne Stolz vermerkt. Ansonsten keine Duschen, kein warmes Wasser, keine Kochgelegenheit. Die solcherart Untergebrachten bekommen acht Franken finanzielle Unterstützung pro Tag, die sie zudem Tag für Tag auf der Gemeinde abholen müssen. Das reicht auch in Flums nur gerade mal für zwei Kaffees. Es kommt mir vor wie im Krieg. Zum Glück gibt es eine erstaunliche Einrichtung, die sich Solidaritätsnetz Ostschweiz nennt. Was vor gut drei Jahren als Mittagstisch begann, hat sich mittlerweile zu einer Organisation von mehr als tausend Personen ausgewachsen. Maya Leu, eine tatkräftige Frau, die ob der Arbeit mit Flüchtlingen das Lachen nicht verlernt hat, hat Leintücher, Schlafsäcke und Kochplatten beigebracht. Marina Wismer vom gleichen Netzwerk ist sehr aufgebracht, da sie eben erfahren hat, dass Eric in Ausschaffungshaft kommen soll. Er nenne sie Mutter Marina. Sie fühlt sich für ihn verantwortlich.

Tatsächlich hat Eric vor längerem einen abschlägigen Asylentscheid bekommen und hätte das Land schon vor einiger Zeit verlassen sollen.

In der Unterkunft treffen wir auf Kasim, einen Afghaner aus dem Iran. Auch er zieht einen Fackel aus der Hosentasche, in dem ihm die Staatsanwaltschaft mitteilt, dass er wegen illegalen Aufenthaltes in der Schweiz für zwei Monate ins Gefängnis komme.

Da Kasim des Deutschen kaum mächtig ist, nimmt Eric die Sache in die Hand. Er, Kasim, müsse auf der Gemeinde bei Herrn Gubser ein Couvert holen und eine Kopie an das Netzwerk schicken. Schliesslich gehen wir alle drei zu Herrn Gubser. Als wir uns von der Mehrzweckhalle ins Oberdorf begeben, winkt Eric jemandem zu. Das sei ein guter Mensch, bemerkt er, der lasse sie manchmal duschen.

Die Wartezeit vor Herrn Gubsers Büro zieht sich dahin. Die Blicke der beiden Asylsuchenden gehen ins Leere.

Ich habe wenig Ahnung von Asylpolitik. Ich habe auch nicht viel mit AusländerInnen zu tun, wenn man mal von denen absieht, die ich schon gar nicht mehr als solche wahrnehme. Unter den vielen, die es in die Schweiz verschlägt, gibt es nettere und weniger nette. Zum Beispiel der junge Schwarze, der mir im Zürcher Tram kürzlich das Bein gestellt hat, sodass ich hingeknallt bin. Aufgefordert, sich zu erklären, sagte er, dass er Weisse nicht möge. Den fand ich arg rassistisch.

Aber diese zwei Männer, Eric und Kasim, sind so was von liebenswürdig, dass ich sie am liebsten mit nach Hause nehmen möchte. Sie sind so unschuldig, dass ich hinwiederum nicht verstehen kann, wieso sie - aus welchen Gründen auch immer sie sich in der Schweiz aufhalten mögen - nicht hierbleiben können. Und ich glaube nicht, dass diese mich, einen lebenslangen Sachverständigen in Sachen So-tun-als-ob, täuschen können. Und was ich auch nicht verstehe, ist, warum die illegal hier sein sollen, wo wir doch im Rathaus vor Herrn Gubsers Büro auf ein Couvert warten. Sie haben nun mal kein Geld und wissen nicht wohin. Was sollen sie denn da anderes tun als abwarten?

Beim Gemeindepräsidenten

Mit dem von Herrn Gubser adressierten und frankierten Couvert gehen wir auf die Post. Ich überlege mir hin und her, was ich als Nächstes tun soll, sehe im Grunde aber keine andere Möglichkeit, als beim Gemeindepräsidenten vorzutraben. Das aber ist nicht gerade mein Lieblingsauftrag. Bin wohl doch nicht der investigative Journalist, für den ich mich gehalten habe, als ich in Zürich in den Zug gestiegen bin. Versuche mich von der Unannehmlichkeit des Sicheinmischens zu dispensieren, indem ich mir sage, ich wisse ja sowieso, was der sagen werde. Schliesslich muss ich mir eingestehen, dass ich einfach den Bammel habe. Derweil bin ich doch in meiner Jugend ein Revolutionär gewesen. Oh Antiautorität, wohin bist du entschwunden?

Als Kompromiss entschliesse ich mich, bei Herrn Gubser, dem Verantwortlichen für Soziales, vorzusprechen. Dieser aber tut, als sei ich der leibhaftige Gottseibeiuns und schleppt mich in das Büro des Gemeindepräsidenten. Das geschieht mir recht, ich wollte mich doch einfach drücken. Herr John - auch er - stellt sich dann aber keineswegs als der Leibhaftige heraus, als den ich ihn mir in meiner Imagination ausgemalt habe, obwohl er doch der erste SVP-Gemeindepräsident im Kanton St. Gallen war. Wir unterhalten uns angenehm über Flums. Nur zaghaft gehe ich das heisse Eisen an. Man setze nur um, was das Gesetz vorschreibe, hatte Herr John zuvor verlauten lassen. Das ist mir peinlich. Die klassische Ausrede aller Befehlsempfänger, die es an Menschlichkeit fehlen lassen.

Andererseits stimmt auch, was Herr John sagt, dass die Gemeinden die unterste Stufe der Behördenhierarchie darstellen und ausbaden müssen, was ihnen die in St. Gallen aufhalsen. Die in St. Gallen ist die FDP-Regierungsrätin und Blocher-Freundin Karin Keller-Suter. Und schliesslich ist die ganze vermaledeite Chose Ausfluss des verschärften Asylgesetzes, das das Volk auf die Trommelei Blochers hin angenommen hat. Das hat zweifelsohne seine Richtigkeit, aber Anordnungen kann man immer noch so oder so ausführen, das hätte ich Herrn John sagen müssen. Stattdessen überlegte ich mir andauernd, woher ich diesen Herrn kenne. Es will mir aber einfach nicht in den Sinn kommen.

Auf dem Weg nach Hause am nachtdunklen Walensee entlang fällt dann der Groschen: von der Pfadi! Das ist doch Vinzi, mein Pfadiführer, der uns Pfadihöseler im Lager in Sevgein ob Ilanz bekocht hat! Ich rufe ihn am anderen Morgen an, und wir wollen uns, wenn ich das nächste Mal in Flums bin, zu einem Bier treffen. Dann werde ich ihm aber wegen der Nothilfeunterkunft gehörig an den Karren fahren.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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