Nr. 11/2008 vom 13.03.2008

Nicht totzukriegen

Der finanzgetriebene Kapitalismus steckt in einer tiefen Krise, der US-amerikanische Immobilienmarkt kollabiert in Raten, die Banken schreiben Milliarden ab - und der Klimawandel schreitet schier unaufhaltsam voran. Kann uns dazu einer was sagen, der vor 125 Jahren gestorben ist?

Von Elmar Altvater

Allein schon sein Umfang gibt dem Werk von Karl Marx etwas Museales, Respekt Heischendes. Zu Recht, denn das Studium der «blauen Bände» (vgl. Kasten) bringt immer wieder unerwartete Einsichten in die marxsche Methode und in die langwierige Arbeit, die Marx und Friedrich Engels auf sich nahmen - nicht nur, um die kapitalistischen Verhältnisse begrifflich zu fassen und theoretisch zu durchdringen. Sondern auch, um sie praktisch zu verändern.

Marx war zeit seines Lebens engagierter Wissenschaftler. Er griff - manchmal sehr polemisch - in die Auseinandersetzungen seiner Zeit ein und geriet daher in Konflikt mit der Obrigkeit. Er musste Preussen verlassen und fand nach Umwegen über Brüssel und Paris eine Bleibe in London. Dort arbeitete er an der Kritik der ökonomischen Theorie. Das wichtigste Ergebnis war «Das Kapital» mit dem Untertitel «Kritik der politischen Ökonomie». Marx verstand sein Hauptwerk durchaus als Instrument in der Klassenauseinandersetzung, als eine «politische Ökonomie des Proletariats». Er bezeichnete «Das Kapital» als das «fürchterlichste Wurfgeschoss», das dem Bürgertum an den Kopf geschleudert worden sei.

Heute halten manche das Wurfgeschoss für so harmlos, dass das Bürgertum noch nicht einmal den Kopf einzieht. So behauptet der Journalist Willi Winkler in der «Süddeutschen Zeitung», dass man «den jungen Menschen nicht mehr mit der langwierigen Unterscheidung von Gebrauchs- und Tauschwert, mit der Verwandlung von Geld in Kapital oder der 'Expropriierung der Expropriierten'» wird kitzeln können: «Der seltsame Kultus, den Marx um die 'Waare' aufführte, als wär's ein handschmeichlerischer Stein der Weisen, hat seine glasklare Weltsicht nur verdunkelt.»

Vielleicht täuscht sich Winkler, und junge Menschen fangen wieder an, sich für Marx' Theorien zu interessieren, weil die Theorieangebote aus liberaler und neoliberaler Provenienz offensichtlich schiefliegen. Die Versuche der ökonomischen Theorie, die gegenwärtige globale Finanzkrise zu verstehen oder dem Publikum begreiflich zu machen, wie es zu der die menschliche Existenz bedrohenden Klimakrise hat kommen können, sind ja nicht gerade überzeugend. Da hat Marx schon einiges zu bieten, auch 125 Jahre nach seinem Tod.

Die Bewegungsgesetze

So ist es mit vielen grossen Theorien. Der italienische Philosoph Benedetto Croce, der sich von Marx herkommend Georg Wilhelm Friedrich Hegel zuwandte, unterschied bei Hegel «il morto e il vivo», das Tote und das Lebendige. Auch bei Marx wird manchmal so verfahren. Was ist noch lebendig? Und was ist tot und kann daher dem Vergessen überantwortet werden?

Der ungarische Marxist Georg Lukács hat in den zwanziger Jahren bei Marx dessen Methode als etwas Zeitloses ausgemacht. Die materialistische Dialektik und die Verortung allen Geschehens in der Geschichte würden, so Lukács, dauerhaft gelten.

Aber ist das so? Alle Ereignisse sind einmalig, irreversibel, wie Marx festgestellt hat. Eine Wiederholung ist ausgeschlossen, es sei denn - so lautet die berühmte marxsche Formulierung aus der Schrift «Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte» - «dass alle grossen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen (…): das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce». Aber in der Farce ist die erhabene Grösse der Tragödie bereits in den Staub des Banalen gesunken.

Doch Lukács muss mit Verstand interpretiert werden. Er würde sicherlich zustimmen, dass bei Marx (und Engels) mehr als eine von den historischen Inhalten freigeschabte Methode lebendig ist. Denn Marx geht es um wesentlich mehr als um eine über den Inhalten sich wölbende Methode. Im Vorwort zur ersten Auflage des «Kapitals» schreibt Marx: «(…) es ist der letzte Endzweck dieses Werks, das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen.»

Die moderne Gesellschaft, das war für Marx die kapitalistische Gesellschaftsformation, und zwar in ihrer damals am meisten entwickelten Gestalt in England. Im britischen Kapitalismus ist die Geschichte vorweggenommen, die Deutschland und andere Nationen mit einem «niedrigeren Entwicklungsgrad der gesellschaftlichen Antagonismen, welche aus den Naturgesetzen der kapitalistischen Produktion entspringen» werden nachholen müssen. Marx argumentiert hier deterministisch im Sinne der Modernisierungstheorie des späten zwanzigsten Jahrhunderts: «Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eigenen Zukunft.»

Doch diese Vorstellung hegen wir spätestens seit der Entstehung der lateinamerikanischen Dependenztheorien in den sechziger Jahren nicht mehr: Es gibt keine automatische Stufenfolge der Höherentwicklung. Diese Feststellung widerspricht der marxschen Vorstellung freilich nicht. Es lässt sich auf dem Hintergrund der marxschen Theorie erklären, warum ganze Kontinente lange Zeit in Abhängigkeit und Unterentwicklung verharren können. Denn die Bewegungsgesetze der Akkumulation des Kapitals wirken auf dem Weltmarkt ungleichmässig und ungleichzeitig. Sie sind für die Entwicklung hier und Unterentwicklung dort und für die «Entwicklung der Unterentwicklung» verantwortlich (so der Titel eines Buches von André Gunder Frank).

Die Bewegungsgesetze des inzwischen globalisierten Kapitalismus kommen der Produktionsweise «im Allgemeinen» zu. Trotz aller Unterschiede zwischen den Nationen sind sie gemeinsamen Tendenzen unterworfen. In der geschichtlichen Entwicklung allerdings sind so viele Tendenzen und Gegentendenzen wirksam, dass es manchmal schwerfällt, das Bewegungsgesetz überhaupt ausfindig zu machen - zumal die Tendenzen eine zyklische Gestalt annehmen. Die Zyklen von Wirtschaft und Gesellschaft haben sich zweifellos verändert. Sie haben inzwischen globale Reichweite, insbesondere weil die Finanzmärkte das ökonomische Geschehen in der Welt immer mehr bestimmen.

«Weltmarktungewitter»

Die Bedeutung der globalen Finanzmärkte hat mittlerweile enorm zugenommen - so sehr, dass heute vom «finanzgetriebenen Kapitalismus» die Rede ist. Marx ging in seiner Analyse davon aus, dass sich Lohnarbeit und Kapital im nationalstaatlichen Raum gegenüberstehen. Der Staat gibt der Regelung der Arbeitszeit einen einigermassen verbindlichen Rahmen (wie dieser gesetzt wird, ist Gegenstand der auch heute noch lesenswerten Ausführungen über den «Arbeitstag» im ersten Band des «Kapitals») und bestimmt so die Ausbeutungsrate der Arbeiterklasse durch das Kapital. Folglich unterstellt Marx eine einheitliche Mehrwertrate im Nationalstaat.

Darüber hinaus gleichen sich in der Konkurrenz der Kapitale (der Unternehmen) tendenziell die Profitraten an. Alle streben nach möglichst hoher Rendite, können dieses Ziel aber nur erreichen, indem sie die Produktivität steigern. Dazu aber ist viel Kapitalaufwand notwendig, der letztlich dazu beiträgt, dass die Profite (gemessen am eingesetzten Kapital) tendenziell sinken - zumal auch die Massenkaufkraft im Vergleich zur steigenden Produktionskraft zurückbleibt.

Dies hat letztlich zur Folge, dass auch die Akkumulation erschlafft, dass Produktion und Absatz und mithin Beschäftigung zurückgehen, dass also die zyklische Krise ausbricht. Die dann einsetzende Kapitalvernichtung, die wachsende Arbeitslosigkeit und der Druck auf die Löhne haben nach und nach zur Folge, dass die Profitrate wieder ansteigt und ein neuer zyklischer Aufschwung einsetzen kann.

Die marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist eine Analyse von Widersprüchen, die sich bis zur Krise zuspitzen. In der Krise reifen dann die Bedingungen heran, die einen erneuten Aufschwung möglich machen. Der «Kladderadatsch», von dem Friedrich Engels redete, der Zusammenbruch des Kapitalismus als Folge der Krise, findet so jedenfalls nicht statt. Die «Weltmarktungewitter» sind extrem zerstörerisch, wie gerade die jüngsten Finanzkrisen von Argentinien bis zur Subprimekrise in den USA gezeigt haben. Aber sie haben auch eine reinigende Wirkung.

Die Krise ist also der Überproduktion (zurückbleibende Massennachfrage) und der Überakkumulation (sinkende Profitraten) geschuldet. Das ist eine der grossen Entdeckungen von Marx - und auch heute kein Schnee von gestern. Die Krise findet ihren Ausdruck genau darin, dass es von allem zu viel auf der Welt gibt: zu viel chinesische Elektronik, zu viele Kamelhaarmäntel aus Nordafrika und Kaschmirpullover aus Indien, zu viele deutsche und US-amerikanische Autos, zu viel Rindfleisch aus Brasilien, zu viele Textilien aus Bangladesch und viel zu viel monetäre Liquidität der reichen GeldvermögensbesitzerInnen auf den Konten in Frankfurt, London, Zürich und New York, die nach hochrentabler Anlage sucht.

Die Herrschaft des Geldfetischs

Die «Weltmarktungewitter» haben ihren Ursprung in der Produktionssphäre, ihre zerstörerische Kraft entwickelt sich aber vor allem in der Finanzsphäre. Die globalen Finanzmärkte scheinen von der Produktion entkoppelt. Die ökonomischen Gesetze gelten, so glauben viele, nur in der Produktion. Globale Finanzmarktrenditen von mehr als zwanzig Prozent lassen die einstelligen Profitraten der realen Ökonomie weit hinter sich. Sie übersteigen auch die realwirtschaftlichen Wachstumsraten um ein Vielfaches.

Doch die vielfach angenommene Entkoppelung der monetären von der realen Ökonomie ist eine grosse Illusion, dem Fetischismus von Geld und Kredit geschuldet, dem blendenden Schein - als ob die hohen Renditen aus den Finanzbeziehungen selbst stammten, aus den Banktresoren geholt werden könnten und nicht in der realen Wirtschaft produziert werden müssten.

Marx hat das verselbstständigte Leben der Finanzen im dritten Band des «Kapitals» analysiert und dabei auch auf die Verblendung der AkteurInnen auf den Finanzmärkten hingewiesen, die ihr eigenes Tun nicht begreifen und immer erst zu spät und völlig überrascht auf die von ihnen selbst hervorgerufenen Krisen reagieren. Der «Geldmarktsmensch», schrieb Engels, «sieht die Bewegung der Industrie und des Weltmarkts eben nur in der umkehrenden Widerspiegelung des Geld- und Effektenmarktes, und da wird für ihn die Wirkung zur Ursache».

Die heutige Subprime-Krise ist ein von den AkteurInnen nicht vorausgesehenes und nicht gewolltes Ergebnis des «Börsenspiels der Bankokraten»; die Hypothekenkrise hat sich längst als eine schwere Bankenkrise entpuppt. Die Analysen des sogenannten «fiktiven Kapitals» von Marx und Engels aus dem 19. Jahrhundert werden auch durch die Finanzkrisen des 21. Jahrhunderts bestätigt: Jede Forderung, ob sie solide oder windig ist, wird zur Grundlage eines neuen Wertpapiers, das als Aktivum eine neue Verbriefung von Forderungen auslöst, bis diese Pyramide fiktiven Kapitals ihren fiktiven Charakter zeigt - wenn sie zusammenbricht.

Die finanziellen «Sachzwänge»

Die heutigen Krisen hätten Marx und Engels, die immer neugierig waren, auch dazu veranlasst, tiefer in die Analyse der modernen Geldgeschäfte einzusteigen. In einer Korrespondenz ermunterte Engels beispielsweise 1890 Conrad Schmidt, nach Zürich zu gehen, um das «Getriebe am Geld- und Spekulationsmarkt praktisch» kennenzulernen. Er wollte mehr von der «relativen Selbständigkeit» des Geldhandels wissen und sich mit der Frage beschäftigen, wie sich «die ökonomische Bewegung im ganzen und grossen» gegenüber der Fetischwelt der Finanzen durchsetzt.

Dass Marx' Überlegungen auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle bei der Analyse der modernen Finanzkrise spielen, hat mit seinem theoretischen Ansatz zu tun. Eine kapitalistische Gesellschaft basiert auf Arbeit; sie ist eine Arbeitsgesellschaft. Da aber gesellschaftliche Zusammenhänge erst durch das Geld vermittelt werden, das sich als Fetisch verselbstständigt, tritt es den handelnden Subjekten gegenüber als Sachzwang auf.

Heute wird der Geldfetisch von einer speziellen Klasse von FinanzakrobatInnen zum Tanzen gebracht - mit inzwischen desaströsen Folgen, die nicht mehr auf die Dritte Welt (wie während der Schuldenkrise der achtziger Jahre) oder auf die Schwellenländer beschränkt sind (wie in den Finanzkrisen Mexikos, Indonesiens, Thailands, Brasiliens oder Argentiniens). Die Folgen erfassen nun auch die industriellen Kernländer.

Der Fetisch ist, so findet man es bei Marx ausgeführt, keine falsche Vorstellung, sondern eine Realität von finanziellen «Sachzwängen», denen sich ganze Gesellschaften zu unterwerfen haben.

Darin steckt eine Gefahr, der man mit Marx begegnen kann. Denn im Alltagsbewusstsein bekommt der Finanzfetisch sehr oft eine Gestalt, zum Beispiel als «Heuschrecken», die im Schwarm über einen «Standort» herfallen und ganze Unternehmen samt Arbeitsplätzen auffressen. Mit diesem Bild wird nichts erklärt; es verdunkelt vielmehr grundlegende Zusammenhänge und erschwert eine Antwort auf die Frage, wie die globalen Finanzmärkte zu regulieren wären.

Richtig gefährlich wird der Fetisch der Finanzmärkte dann, wenn ihm ein Gesicht gegeben, wenn auf einmal (wie im Nationalsozialismus) zwischen «raffendem» und «schaffendem» Kapital unterschieden wird. Nur eine gründliche Kapitalismusanalyse ist in der Lage, die Beziehungen der scheinbar verselbstständigten Finanzmärkte zur realen Ökonomie von Arbeit und Produktion aufzuzeigen und den fetischhaften Schein ihrer Verselbstständigung kritisch zu hinterfragen.

Natur und Gesellschaft

Der Zwang zu zweistelligen Renditen überfordert nicht nur die reale Wirtschaft von Arbeit und Produktion, sondern auch die Natur. Wären die Renditen nur Teil einer immateriellen, virtuellen Ökonomie, könnten sie uns so egal sein wie dem Finanzmarktzocker die Frage, wo seine Gewinne eigentlich herstammen. Denn seine Vorstellung ist: Das Finanzsystem ist selbstreferenziell, die Geldrendite stammt aus dem Geld, Geld erzeugt mehr Geld. «G - G'» nannte Marx die «begrifflose» Zirkulationsfigur des Geldkapitals. Aristoteles, der schlicht und richtig meinte, dass Geld keine Jungen bekommen könne und Zinsen daher zu verdammen seien, haben die FinanzjongleurInnen ohnehin nie zur Kenntnis genommen.

Daher geht es gerade darum, die Begriffe wiederzugewinnen. Marx hatte ja den «Doppelcharakter» der Ware und der Arbeit entdeckt - den «Springpunkt» der Kritik der politischen Ökonomie. Jeder ökonomische Prozess hat demnach zwei Seiten: den Tauschwert, der sich letztlich in Geld verwandelt und sich auf globalen Finanzmärkten verselbstständigen kann. Und den Gebrauchswert, der durch intelligente Stoff- und Energietransformationen zustande kommt. Anders als alle anderen Theorieansätze in der politischen Ökonomie vor und nach ihm berücksichtigt Marx von Anbeginn an die Naturgebundenheit allen Handelns, ja der menschlichen Existenz. Die marxsche Kritik der politischen Ökonomie ist daher auch eine Kritik der politischen Ökologie.

Dieser Aspekt seines Werks wurde lange Zeit ausgeblendet. Dass die Naturfrage bei Marx eine zentrale Bedeutung hat, ist erst seit den sechziger Jahren und nur aufgrund einer kritischen Rekonstruktion der marxschen Theorie wiederentdeckt worden. Und es dauerte nochmals eine Weile, bis stofflich-energetische Transformationen, also der Umgang der Menschen mit der Natur, erstmals mit der marxsche Werttheorie in Zusammenhang gebracht, also die Kritik der Ökonomie mit einer Kritik der Ressourcengebrauchs und der Umweltzerstörung verknüpft wurde.

Die marxsche Theorie steht durchaus im Einklang mit den modernen Ansätzen der «thermodynamischen» Ökonomie - einer ökonomischen Theorie, die ausdrücklich den Zusammenhang zwischen den Naturbedingungen von Produktion und Konsumtion und den gesellschaftlichen Verhältnissen berücksichtigt, die darin angelegten Konflikte inklusive. Der Reichtum der marxschen Theorie ist noch lange nicht ausgeschöpft - und das 125 Jahre nach dem Tod ihres Begründers.

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