Nr. 13/2008 vom 27.03.2008

Ist Charisma männlich?

WOZ: Warum gibt es keine bekannten Theaterregisseurinnen?
Denis Hänzi: Es gibt schon ein paar: Andrea Breth zum Beispiel, Konstanze Lauterbach oder Barbara Frey, die jetzt in Zürich Intendantin wird – traditionell ist der Regieberuf aber eine Männerdomäne. Wenn man die Entstehungsgeschichte dieses Berufs anschaut, dann ist das eine Geschichte von Männern, denen man Genialität zusprach. Geschlechterbilder aus dem 19. Jahrhundert, als der Regieberuf entstanden ist, spielen dabei eine zentrale Rolle.

Inwiefern?
Dem Mann wird ein sogenannter Kürwille zugeschrieben. Das heisst, er ist zu einem Denken fähig, in dem Wille enthalten ist. Er wird als der zur Kulturarbeit Bestimmte gesehen. Seine männliche Kraft ist nach aussen gerichtet, kämpfend und die Söhne führend.

Und die Frau?
Sie gilt eben nicht als das Kultur-, sondern als das Geschlechtswesen. Der Frau wird ein weiblicher Wesenswille zugeschrieben. Sie gilt als an das innere Leben gebunden und für den sozialen Nahbereich von Familie, Verwandtschaft und Nachbarschaft zuständig. Bilder vom Regisseur als dem genialen, männlichen Schöpfer prägen auch heute noch das Berufsbild und machen es Männern leichter, sich in der Theaterlandschaft zu behaupten.

Mittlerweile gibt es an Kunsthochschulen und Theaterakademien aber mehr Frauen, die Regie studieren, als Männer. Kommen jetzt die Regisseurinnen?
An der Zahl gemessen, ja. Ob und welche Regisseurinnen sich dann behaupten können, wird man sehen. Die meisten heutigen Regisseure haben das ja nicht studiert, sondern als Assistenten bei einem etablierten Regisseur angefangen. Ging das gut, so erhielt man vom Ziehvater die Möglichkeit, selber etwas zu inszenieren. Ging auch das gut, konnte man an ein anderes Haus. So haben viele Karrieren ihren Lauf genommen, ganz ohne Diplom. Regie beansprucht ja, eine Kunst zu sein. Da sind andere Mechanismen am Werk als die Vergabe von Bildungstiteln.

Nämlich?
Das Feld des Theaters ist ein Ort, wo um Positionen und Geltungsansprüche gekämpft wird. Was mich interessiert, ist: Wer kann sich warum durchsetzen? Ich untersuche Einzelfälle und schaue, was für eine soziale Haut die einzelnen haben, wie sie sich in diesem Feld bewegen, wie sie denken und handeln.

Geht es nur um das Geschlecht?
Nein, das ist nur eine Dimension, die soziale Herkunft ist genauso wichtig. Emmy Werner etwa, die ehemalige Direktorin des Wiener Volkstheaters, stammt aus einer Künstlerfamilie: Grossvater Theaterarchitekt, Grossmutter Garderobiere an der Oper, Vater Schriftsteller, Mutter Tänzerin. Sie wusste sich in der Theaterwelt durchzusetzen.

Was macht eine Regisseurin, einen Regisseur schliesslich erfolgreich?
Was zählt, ist die Handschrift. Die Art und Weise, wie ein Regisseur inszeniert, muss für ihn – und eben nur für ihn – typisch sein. Für einen Künstler ist die Übertragung von der Sache auf die Person wichtig. Man kennt das aus der Malerei, wo man sagt: Das ist ein Monet, das ein Kandinsky. Im Theater sagt man: Das ist Marthaler, das Pollesch. Bei Frauen scheint diese Übertragung nicht so gut zu funktionieren. Ich denke, das hat mit Charisma zu tun.

Sind Frauen etwa nicht charismatisch?
Charisma ist ein sozial geteilter Glaube daran, dass jemand über besondere Fähigkeiten verfügt. Es gibt bestimmte Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Leute einem Künstler Charisma zusprechen. Eine bestimmte Art von Männlichkeit zählt da ganz zuvorderst dazu.

Wie wird dieses Charisma hergestellt?
Charisma ist auf Gefolgschaft angewiesen. Die Leute müssen an die besondere Begabung des Regisseurs glauben. Im Theater zeichnet sich das im Zuspruch des Publikums ab. Geht keiner mehr hin, so wird das Charisma auch nicht weitergetragen. Die Charismatisierung läuft aber auch über die Vergabe von Theaterpreisen, Einladungen von Inszenierungen an Festspiele oder nur schon die Theaterkritiken im Feuilleton. Und nach wie vor sind Publikum, Feuilletonisten, Festivaljuroren und Preisverleiher offenbar eher bereit, das Charisma eines Regisseurs zu tragen als das einer Regisseurin.

Denis Hänzi arbeitet am Institut für Soziologie der Universität Bern in einem Forschungsmodul mit dem Titel «Charisma at Work: Masculinity, Profession and Identity».

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