Nr. 12/2008 vom 20.03.2008

Reichen vier Piloten?

Interview: Martina Süess

WOZ: Denis Hänzi, in Ihrem Buch zur Swissair porträtieren Sie vier ehemalige Swissair-Piloten. Wieso haben Sie keine Pilotin interviewt?
Denis Hänzi: Ich hätte gern eine dabeigehabt, konnte aber keine finden. Es gab ja bei der Swissair kaum Pilotinnen. Die Fliegerei ist eine Männerdomäne, Pilot ein Männerberuf. Mich hat interessiert, wie die Selbstbilder der Piloten mit verschiedenen Formen von Männlichkeit verknüpft sind.

Was macht diese unterschiedlichen Männerbilder aus?
Eine Rolle spielen das Alter, der Bildungsstatus, das Herkunftsmilieu und – bei der Swissair ganz besonders – die Nationalität. In einem 1919 gedruckten Prospekt zur Gründung der Ad Astra Aero – jener Luftfahrtgesellschaft, aus der 1931 die Swissair hervorgeht – steht, diese habe eine vaterländische Aufgabe zu erfüllen. Die Piloten sollten sich mit Leib und Seele in den Dienst der Eidgenossenschaft stellen, damit das Land prosperiert. Es gibt eine Verknüpfung von Männlichkeit, Nationalität und Beruf: Der ideale Schweizer ist der ideale Swissair-Pilot.

Die Swissair war für viele Schweizerinnen und Schweizer ein Symbol für nationale Identität. Welche Rolle spielt dies für die Selbstbilder der Piloten?
Alle vier Porträtierten glaubten fest an die Besonderheit, die Einzigartigkeit der Swissair – ja, den Sonderfall Swissair. Die Swissair wurde als eine identitätsstiftende Einheit gesehen. Die Idee der Schweizer Tugenden war dabei von zentraler Bedeutung. Es zeigte sich jedoch, dass jeder Pilot unter dieser Einheit und diesen Tugenden etwas anderes verstand.

Zum Beispiel?
Für einen, der aus einem bäuerlichen Milieu im Berner Oberland kommt, war die Swissair eine Grossfamilie, er sah seine Kollegen als Seelenverwandte. Der andere, der Sohn eines Industriearbeiters, kam durch seinen sozialen Aufstieg als Pilot zu Prestige und Wohlstand. Dennoch blieb die Swissair für ihn ein Arbeitsfeld, wo alle Kumpel waren. Der dritte stammt aus einer Kaufmannsfamilie. Er bezeichnete die Swissair als Vorzeigeunternehmen und sah sich selbst mit seiner Crew als eine Firma in der Firma. Für den vierten wiederum war die Swissair eher ein Lifestyle: Wenn man in Los Angeles gelandet war, konnte man in der Uniform mit dem Cabriolet durch Beverly Hills fahren.

Die soziale Herkunft bestimmt also, welche Bilder diese Männer von sich und ihrem Beruf haben?
Ja. Das wird auch an den Männlichkeitskonzepten deutlich: Für den Oberländer etwa sind Manager, die in ihren Büros mit dem Papier rascheln, allesamt Karrierehühner. Er feminisiert diese, um sie abzuwerten. Richtige Männer sind für ihn die Kampfjetpiloten der Patrouille Suisse, die im donnernden Geschwader den Kriegsfall üben. Beim Kaufmannssohn war eine solche militärische Symbolik nicht auszumachen, für ihn war sein Beruf eine technische Aufgabe.

Warum haben Sie sich so unterschiedliche Männer für Ihre Studie ausgesucht?
Ich wollte differenzieren. Um an verschiedene Denkweisen zu kommen, habe ich Piloten angefragt, die sich vom Herkunftsmilieu her möglichst unterscheiden. Es sind wenige, dafür aber kontrastreiche Fälle. Ich habe mit den Piloten ausführliche Interviews geführt. So konnten sie ihre eigene Sicht der Dinge schildern.

Ist eine solche Untersuchung überhaupt repräsentativ? Was können vier Einzelfälle über die Gesamtheit der Swissair-Piloten aussagen?
Zur Frage der Repräsentativität gibt es in den Sozialwissenschaften einen alten Grabenkampf. Die Vorstellung, dass man zu repräsentativen Ergebnissen kommt, wenn Hunderte von Personen möglichst ausgeklügelte Fragenkataloge beantworten, ist sehr populär. Das Problem ist, dass die Antworten vorgeprägt sind. So findet man nur das heraus, was man als Forscher herausfinden will. Mir ging es aber darum, die Eigenheiten der Befragten ernst zu nehmen, statt ihnen eine vorgefertigte Theorie überzustülpen. Insofern sagt meine Studie wohl mehr aus über Swissair-Piloten als eine gross angelegte Datenerhebung. Die Interviewten konnten sich in ihren eigenen Worten ausdrücken.

Der Berner Soziologe Deinis Hänzi (30) ist zurzeit Gastdoktorand im Graduiertenkolleg «Geschlecht als Wissenskategorie» an der Humboldt-Universität in Berlin. 
Sein Buch «Wir waren die Swissair. Piloten schauen zurück» (2007) kann hier www.academia.edu/7458158/Hanzi_Denis_2007_Wir_waren_die_Swissair._Pilote... heruntergeladen werden.

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