Nr. 17/2008 vom 24.04.2008

Vor dem letzten Tropfen

Wenn sogar die Internationale Energieagentur den Ausstieg aus dem Erdöl fordert, ist es höchste Zeit. Auch Schweizer ParlamentarierInnen machen Druck.

Von Marcel Hänggi

Wir sind abhängig vom schwarzen Saft. Ein Drittel des Stickstoffs in der menschlichen Nahrung, beispielsweise, stammt aus Kunstdünger (Stickstoff ist der Hauptbestandteil der Proteine). Ihn dort hineinzubringen, kostet Energie: einen Liter Erdöl pro Kilogramm Stickstoff.

Dieser Saft wird knapp, erstens; zweitens zerstören seine Ausbeutung, sein Transport und seine Verbrennung die Umwelt; drittens werden darum Kriege geführt und Menschen vertrieben. Mahnungen und Forderungen, weniger davon zu brauchen, ertönen seit langem und vornehmlich aus einer politischen Ecke – etwa in linken Zeitungen wie der WOZ, die an dieser Stelle vor zwei Monaten forderte, der Erdölverbrauch sei auf 400 Liter pro Person und Jahr zu rationieren, weil so ein gefährlicher Klimawandel auf ein erträgliches Mass begrenzt werden könne (das war eine optimistische Schätzung).

Deutliche Warnung

Nun warnt auch eine Stimme, von der man das nicht erwartet hätte: die Internationale Energieagentur (IEA). Gegründet als Antwort auf die Ölkrise der siebziger Jahre, hatte diese Organisation der grossen Verbraucherländer bislang vor allem den Zweck, von den Produktionsländern immer noch höhere Förderquoten zu verlangen. In ihrem Jahresbericht vom November 2007 warnte sie erstmals vor einer Knappheit. Der Jahresbericht 2008, tönt nun IEA-Chefökonom Fatih Birol in einem Interview in der April-Ausgabe der «Internationalen Politik» an, wird neue Töne anschlagen: «Wir werden unser Denken darüber überprüfen und revidieren, wie viel Öl und Gas auf den Markt kommt. Dabei werden etliche Leute neue Schlussfolgerungen ziehen.»

Birol fordert nichts weniger als den Ausstieg: «Eines Tages wird es definitiv zu Ende sein! Und ich denke, wir sollten das Öl verlassen, bevor das Öl uns verlässt.» In der orthodox-neoklassischen Ökonomie kann es Probleme mit erschöpften Ressourcen zwar gar nicht geben, denn was knapper wird, wird teurer, und was zu teuer wird, wird durch etwas anderes ersetzt. Aber auch darauf mag Birol nicht vertrauen: «Ich glaube nicht, dass die Märkte allein die Probleme lösen können. Wir können ihnen nicht alles überlassen!»

Motion für Ausstieg

Im Nationalrat ist eine Motion hängig, die die «Schaffung einer Kommission für den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter» fordert. Eingereicht hat die Motion der Grüne Geri Müller, unterzeichnet haben aber auch rechte PolitikerInnen bis hin zu solchen aus der SVP. «Das Bewusstsein wächst auch unter den Bürgerlichen», sagt Müller gegenüber der WOZ. «Hinter vorgehaltener Hand kann man mit ihnen am besten über solche Ängste sprechen, die viele unserer gewohnten Freiheiten betreffen.» Es gehe darum, vorbereitet zu sein. Ist auch Rationierung eine Option? «Eine müssige Frage. Früher oder später kommt das so oder so», sagt Müller.

Aber können wir überhaupt noch ohne? Wie der Ausstieg aus den fossilen Energieträgern (und gleichzeitig aus der Atomenergie) über zwanzig Jahre aussehen könnte, zeigt ein 2007 erschienener Bericht des britischen Center for Alternative Technology für das Beispiel Grossbritannien detailliert auf. Es geht!

Aber eines macht der Bericht klar: Es geht nicht einfach, indem die fossilen Energieträger durch erneuerbare ersetzt werden: Zuallererst muss der Verbrauch reduziert werden. Es geht nicht einfach, indem alle vom Auto auf die Bahn umsteigen: Zuallererst muss weniger gefahren werden. Es geht nicht einfach, indem man auf Markt und technischen Fortschritt vertraut: Zuallererst muss die Politik handeln. Und es geht nicht ohne Verzicht: Fleisch, sagt das Center for Alternative Technology, gebe es dann nicht mehr so viel wie heute.

Geordneter Rückzug

Man sollte die wohlfeilen, auch in Umweltschutzkreisen so beliebten Märchen à la «Faktor vier» (halb so viel Verbrauch und doppelter Wohlstand dank mehr Effizienz) endlich begraben und den Realitäten ins Auge sehen, die auf uns zukommen. Irgendwann ist fertig mit Öl. Es ist jetzt schon eng.

Im Dokumentarfilm «The Oil Crash» des Schweizer Regisseurs Basil Gelpke (2007) sagt Roscoe Bartlett, ein Kongressmitglied aus Maryland, fast beiläufig den schrecklichen Satz: «Ohne Erdöl kann die Landwirtschaft noch anderthalb bis zwei Milliarden Menschen ernähren.» Fünf Milliarden Hungertote?

Die Aussage ist in dieser Absolutheit unsinnig. Ein internationales Gremium hochkarätiger WissenschaftlerInnen hat soeben einen Bericht präsentiert, wonach eine ressourcenschonende Landwirtschaft nicht nur fähig ist, eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Sie ist geradezu die Voraussetzung dafür. Denn eine Landwirtschaft, die auf Erdöl aufbaut, zerstört nebenbei auch noch die Böden (vgl. Artikel «Was die Bäuerin weiss»). Aber die Landwirtschaft, um nur bei diesem Beispiel zu bleiben, lässt sich nicht von heute auf morgen umstellen. Bartlett hat vielleicht recht, wenn er den Fall meint, dass das Öl plötzlich versiegen würde.

Deshalb muss die Politik jetzt handeln. «Ohne frühzeitige Vorkehrungen werden die ökonomischen, sozialen und politischen Kosten ohne Beispiel sein», warnte 2005 ein Bericht des US-amerikanischen Energieministeriums vor dem Ende des Erdöls. «Das Öl verlassen, bevor es uns verlässt», mahnt die IEA. Verlässt das Öl uns, bedeutet das Krieg und Hungerkatastrophen. Verlassen wir das Öl, haben wir die Chance, das geordnet zu tun.

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