Nr. 47/2008 vom 20.11.2008

Es wird heiss, Leute!

Mit dem Öl gibt es Probleme - das haben sogar die Energie-WahrsagerInnen der Industriestaaten bemerkt. Sieht man ihnen beim (Um-)Denken zu, wird einem jedoch angst und bang.

Von Marcel Hänggi

Unsere Energieversorgung «ist offenkundig nicht nachhaltig». Wir brauchen «nichts Geringeres als eine Energierevolution». Das sind keine neuen Weisheiten - neu ist, aus wessen Mund sie kommen. Die da nach Revolution ruft, ist die Internationale Energieagentur (IEA). Diese Agentur der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist der Klub der grossen Verbraucherstaaten - derer also, die für die Nichtnachhaltigkeit des heutigen Zustands hauptverantwortlich sind.

Die IEA war bislang die grosse Schönschwätzerin. Sie entwarf Szenarien zur Entwicklung der Nachfrage, ohne sich für die Entwicklung des Angebots zu interessieren. In den vergangenen zehn Jahresberichten ging sie noch davon aus, der Erdölfasspreis werde 2030 zwischen 17 und 65 US-Dollar liegen. Jetzt erwartet sie 200 Dollar, und erstmals warnt sie explizit vor einem Versorgungsengpass.

Aus den neuen Erkenntnissen der IEA würden «etliche Leute neue Schlussfolgerungen ziehen», verhiess IEA-Chefökonom Fatih Birol bereits im Frühjahr. Nun sind «etliche» nicht alle. Warnende und beschwichtigende Stimmen halten sich im aktuellen Energieausblick laut BeobachterInnen die Waage. Und so gibt es neben dem Revolutionsaufruf auch Sätze wie: «Öl und Gas gehen der Welt nicht gleich aus.»

Keine Panik?

Der Energieausblick nimmt an, dass die weltweite Nachfrage nach Öl bis 2030 um 45 Prozent steigen wird, sofern keine politischen Massnahmen dagegen ergriffen werden. Diese Zahl basiert auf ein paar sehr spekulativen, naiven Annahmen über das Wirtschaftswachstum. Aber seis drum - die Nachfrage könne gedeckt werden. Insgesamt vermutet die IEA noch 3,5 Billionen Fass an «förderbaren konventionellen Ressourcen» - das Dreifache dessen, was bisher verbraucht wurde. Berücksichtigt man unkonventionelle Ressourcen wie Ölsande und superschweres Öl, sollen gar noch 6,5 Billionen Fass vorhanden sein. Keine Panik!

Die dazugehörige Grafik dagegen zeichnet ein düsteres Bild. Bis 2030 wird die Leistung der heute erschlossenen Ölfelder um sechzig Prozent einbrechen. Die steigende Nachfrage kann nur aus Quellen gedeckt werden, die noch gefunden und erschlossen werden müssen, sowie aus unkonventionellen oder synthetischen Quellen. Da ist alles drin, was spekulativ ist - und was, wie die kanadischen Teersande oder die Ölquellen in Naturschutzgebieten, die Umwelt bereits bei der Gewinnung massiv schädigt. Sollte die Zunahme von 45 Prozent bewältigt werden, müssten bis 2030 Kapazitäten von 64 Millionen Fass pro Tag neu erschlossen werden - das wären sechs zusätzliche Saudi-Arabien.

Der Widerspruch

Der Energieausblick nennt neben der Versorgungssicherheit noch eine zweite Herausforderung: den Klimawandel. Entwickle sich die Nachfrage ungebremst, habe das einen Temperaturanstieg von sechs Grad zur Folge. Deshalb fordert die IEA zwei Dinge: Runter mit dem CO2, mehr Investitionen zur Erschliessung neuer Ölquellen. Offenkundiger kann man sich nicht widersprechen.

«Die Forderung, in noch mehr Erdöl zu investieren, ist ein Weltsuizidprogramm», sagt SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner. Unter dem Einfluss der Erdöl- und Atomlobby weigere sich die IEA namentlich, das Potenzial erneuerbarer Energien anzuerkennen. Die Agentur könne ersatzlos abgeschafft werden. Ganz anders urteilt die deutsche Grüne Astrid Schneider, wie Rechsteiner Mitglied der IEA-kritischen Energy Watch Group: «Erstmals hat die IEA zugegeben, dass die Zeit des billigen Öls vorbei ist. Viel deutlicher kann man nicht sagen, dass wir auf dem falschen Weg sind.» Der Energieausblick liefere Zahlenmaterial. Es sei an der Politik, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Verantwortungslos

Tut sie das? Zurzeit wirft die Politik im Rahmen von Konjunkturprogrammen selbst den erdölintensivsten Branchen Milliarden nach, und es ist eine bittere Ironie, dass man plötzlich noch um Präsident George Bush froh sein muss: Will er doch mit seinem Veto verhindern, was Barack Obama fordert - eine Rettung der US-Autoriesen auf Staatskosten.

Die Philosophin Hanna Arendt hat geschrieben: Dummheit ist nicht, wenn man das Falsche tut, weil man es nicht besser weiss, sondern wenn man vorhandenes Wissen nicht anwendet. Insofern ist der Weltenergieausblick 2008 ein dummer Bericht. Aber es steht der Politik frei, den dummen Bericht intelligent zu lesen. IEA-Chefökonom Birol wäscht seine Hände in Unschuld: «Es hängt von den Regierungen ab, Massnahmen zu ergreifen. Wir haben sie gewarnt.»

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