Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Der Typograf als Philosoph

Mit diesem Namen verbindet sich eine der erfolgreichsten Schriften der letzten Jahrzehnte. Am 24. Mai wird der international bekannte Designer aus dem Kanton Bern achtzig.

Von Konrad Rudolf Lienert

Wir alle spiegeln die Zeit, in der wir leben. Und - ob wir wollen oder nicht - prägen sie auch ständig mit, einige tun dies in besonderem Masse. Adrian Frutiger gehört ganz zweifellos zu ihnen. Das ist bei einem Schriftdesigner nicht so selbstverständlich. Auch wenn die Zahl der Schriften, bei deren Entwicklung er mitgewirkt oder die er recht eigentlich geschaffen hat, mittlerweile auf über vierzig angestiegen ist, folgt daraus noch nicht zwingend, dass sein Å’uvre etwas Exemplarisches hat, dass es uns zum Nachdenken über unsere geschichtliche Position, über Grundlagen der Gestaltung und über weitere Zusammenhänge animiert.

Frutigers Präsenz hat zunächst damit zu tun, dass seine Laufbahn ihn immer wieder an Orte führte, wo Weichen für die Weiterentwicklung der schriftlichen Kommunikation gestellt wurden. Das betraf nicht nur die Druckschriften, für deren Anpassung an neue Technologien - etwa der Lichtsatz, der den Bleisatz ablöste, die Kugelkopf-Schreibmaschine der siebziger Jahre, die Kommunikation unter Computern - er beigezogen wurde. Der Fachmann, für den die Lesbarkeit immer ein zentrales Anliegen war, wurde auch geholt, als es um 1970 darum ging, die Pariser Metro neu zu beschriften. Und für die Schweiz hat Frutiger mit der Gestaltung der Ortsschilder, der Verkehrssignalisation und dem neuen Erscheinungsbild der Post längst so etwas wie Allgegenwart erreicht.

Eine Schrift namens Univers

Darüber könnte Frutigers Kerngeschäft, die Produktion von Schriften für den Druck, leicht vergessen werden. GrafikerInnen, BuchgestalterInnen, die Angehörigen einer Branche, die sich weiterhin mit der Wortvermittlung befasst, wissen aber sehr wohl, wie präsent der Schweizer Gestalter auf diesem Felde ist. Wer sich davon überzeugen möchte, kann dies mit einem Internetbesuch bei der Firma Linotype tun, die praktisch eine Monopolstellung innehat und ihrem geschätzten Designer derzeit mit einem eigenen Link einen «happy birthday» wünscht. Die bekannteste seiner Schriften ist wohl die Univers, die ihre Allgemeinverbindlichkeit schon im Namen zum Ausdruck bringt, aber auch ihre Nachfolgerin, ganz direkt als Frutiger bezeichnet, lässt an Bekanntheit nicht zu wünschen übrig.

So objektiv - und damit zeitlos - viele Kriterien für ihre Gestaltung sein mögen, Schriften sind auch Modesache. Es ist wohl keine Täuschung, dass in den letzten Jahren Klassiker, die von der Moderne geprägt waren, durch andere Typen etwas verdrängt wurden. Aus seinem Bezug zur Moderne hat Frutiger nie ein Geheimnis gemacht. Der Aufbruch, der nach dem Ende des 19. Jahrhunderts und dessen historisierenden typografischen Wildwuchses einsetzte, war für ihn ein wichtiges Signal: Im Zentrum seiner Arbeit stand die Beschäftigung mit Schriften ohne Serifen, das heisst ohne jene Füsschen und Häkchen, die den einzelnen Buchstaben einen etwas verschnörkelten Charakter geben. In dieser Richtung hat ihn sicher auch seine Ausbildung geformt: an der Zürcher Kunstgewerbeschule der fünfziger Jahre, die sich klar den Prinzipien der Moderne verpflichtet fühlte.

Mit der Schere hantieren

Das alles reicht freilich noch immer nicht, um das Phänomen Adrian Frutiger wirklich zu erfassen. Denn der Schriftkünstler mit seinen klaren Gestaltungsprinzipien, seiner akribischen Sorgfalt, was das Detail angeht, und mit seiner fast spielerischen Leichtigkeit, auf neue Situationen einzugehen, hat noch eine weitere Dimension. Das erste Motiv, das er in seinem Buch «Ein Leben für die Schrift» (2003) erwähnt, ist die Tatsache, dass er schon als Kind von der topografischen Situation von Unterseen bei Interlaken, wo er aufwuchs, fasziniert war, von dem «Formenspiel der Natur», das sich dort beobachten liess. Seine eigene Geschichte hat ihn nie ganz losgelassen. Im Gegenteil, er kehrt immer wieder zu ihr zurück, um aus ihr zu schöpfen. Das betrifft auch die handwerklichen Erfahrungen, die er machte, zunächst als Kind eines Vaters, der sich mit Handweberei befasste, dann als Schriftsetzerlehrling in einer Interlakener Druckerei. Die Lust am Manuellen hat ihn die ganze Zeit über begleitet, noch in den letzten Jahren konnte man ihn in seiner Wohnung im bernischen Bremgarten mit der Schere hantieren sehen: Viel lieber, als sie zu zeichnen, erklärte er, schneide er die Prototypen seiner Buchstaben aus dem Papier - freihändig, wohlverstanden. Geschnitten hatte er seinerzeit übrigens auch seine Diplomarbeit an der Zürcher Kunstgewerbeschule: in Holz. «Die Entwicklung der abendländischen Schrift» sollte er zeigen, und er tat es, indem er die Schriften vom alten Griechischen bis zur «humanistischen Minuskel» in neun Holzplatten gravierte.

Symbole und Signale

«Alles Gegenwärtige ist auf der Erfahrung der Vergangenheit aufgebaut. Also ist das Zukünftige im Gegenwärtigen bereits vorhanden.» In diesem Satz verrät sich noch eine spezifisch frutigersche Eigenschaft: Er ist auf seine Art ein Philosoph. An den Lettern, die er entwickelt, interessieren ihn immer wieder auch die gestalterischen Grundprinzipien. In mehreren Publikationen hat er sich damit befasst, mit Symbolen, Signeten, Signalen. Und mit den elementaren Formen ihrer Gestaltung. Das ist ihm zugutegekommen, als er in seinem Pariser Atelier Logos für Firmen kreierte. Er hat aber auch unzählige freie, abstrakte Formen geschaffen, gezeichnet, gemalt, dreidimensional gestaltet. Dahinter sucht er immer einen Sinn. Da ist es wohl kein Zufall, dass er auf diese Weise zwei Bücher aus dem Alten Testament, die Genesis und Salomos Hohes Lied der Liebe, visualisierte.

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