Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Die Parole ist die Botschaft

Street Art trifft typografische Moderne: Mit seinen politischen Plakaten will der Zürcher Grafiker Jonas Voegeli den öffentlichen Raum zurückerobern. Er setzt auf radikale Kontraste im Abstimmungskampf.

Von Florian Keller (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Plakate müssen den politischen Diskurs in Erinnerung rufen, ihn nicht selber führen»: Jonas Voegeli mit seinem «AHV plus»-Plakat im Zürcher Grafikbüro Hubertus Design.

Ein trauriges, zerbrochenes Sparschwein. Eine gesichtslose Patientin in grüner Zwangsjacke. Oder, im Kanton Zürich, ein bedauernswerter junger Mann, der fast erdrückt wird von den überdimensionierten Legosteinen, die er zu tragen hat. Das sind so die farbigen Bilder, die im aktuellen Abstimmungskampf den öffentlichen Raum beherrschen. Wir stimmen also irgendwie über Geld, Psychiatrie und zu grosse Spielsachen ab. Korrekt?

Und dann gibt es noch dieses Plakat, das nur schon deshalb auffällt, weil es anders funktioniert. Ganz ohne Bilder, dafür bis zu den Rändern mit drei grossen schwarzen Lettern besetzt. So gross, dass sie sich zusammen fast zu einem Logo fügen: zuoberst ein A, in der Mitte ein H, unten ein V. Man muss schon genauer hinschauen, um zu erkennen, dass dazwischen in feinerer Schrift noch ein Slogan zu lesen ist: «Wer rechnet, stärkt die AHV.»

Gestaltet hat dieses Plakat der Zürcher Grafiker Jonas Voegeli mit seinem Studio Hubertus Design. Er und sein Team haben in diesem Jahr schon einmal mit grossen Buchstaben an Plakatwänden für Aufsehen gesorgt: Aus ihrem Atelier stammten auch die Plakate mit dem auffallend zackigen «Nein» gegen die Durchsetzungsinitiative der SVP. Davor hat Voegeli die beiden jüngsten Wahlkampagnen für den St. Galler SP-Ständerat Paul Rechsteiner und auch das eine oder andere Plakat zum 1. Mai gestaltet.

Mühe mit Klischees

Ein Designer auf einer politischen Mission? So hätten wir das vielleicht gerne. Voegeli, parteilos, weisse Turnschuhe und dunkelblaues Jackett über weissem Hemd, sitzt gelassen in seinem Studio, das in einer ehemaligen Werkstatt untergebracht ist, und steckt sich eine Zigarette an. Als Grafiker sieht er sich als Dienstleister, er hat früher auch schon im Auftrag von Parteien aus anderen Lagern gearbeitet. Die jüngere Häufung von Aufträgen für linke Anliegen hat er nicht gesucht, die habe sich ergeben. Andererseits hat er vor drei Jahren, bei der Arbeit an seinem 1.-Mai-Plakat für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund, doch irgendwie «Feuer gefangen», wie er sagt.

Soll heissen: Klar ist Voegeli auf einer Mission. Aber seine Mission ist nicht primär eine politische, sondern eine ästhetische.

Schweizer Plakatgrafik heute? «Ein Trauerspiel.» Jonas Voegeli vermisst formale Prägnanz, beklagt die fortschreitende Banalisierung von Bildern. Spricht man ihn etwa auf die Zwangsjacke gegen die Initiative für eine Grüne Wirtschaft an, räumt er ein: Starkes Symbol, ja. Aber er lässt auch durchblicken, dass er Mühe damit hat, wie hier ein veraltetes Klischee aus der Psychiatrie instrumentalisiert wird. Einen verantwortungsvollen Umgang mit Bildern stellt er sich anders vor.

Ausserdem: Bilder und Symbole lassen sich leicht missbrauchen. Voegeli erinnert an ein preisgekröntes Plakat von 1997, das, wie jüngst ein Plakat gegen die «Durchsetzungsinitiative», das Schweizer Kreuz grafisch einem Hakenkreuz angeglichen habe – damals als Statement gegen Antisemitismus: «Stoppt den Antisemitismus in der Schweiz, bevor es zu spät ist.» Damals konnte man beobachten, dass der Slogan abgetrennt und das isolierte Symbol des Schweizer Hakenkreuzes in gegenteiligem Kontext von Neonazis verwendet wurde.

Affekte durch Typografie

Voegeli, der an der Zürcher Hochschule der Künste die Vertiefung Visuelle Kommunikation leitet, kommt aus dem Bereich des Editorial Design, also von der Gestaltung publizistischer Formate wie Bücher und Zeitschriften. Aber er ist kein militanter Verfechter einer rein typografischen Formensprache. Seine Kampagne für Paul Rechsteiner zeigt: Er ist Bildern nicht abgeneigt, wenn es welche braucht, wie das bei einer Personenwahl der Fall ist. Die ästhetische Stossrichtung seiner politischen Plakate ist gleichwohl unverkennbar. Worte statt Bilder, Parolen statt Geschichten, Typografie statt Gefühle. Oder besser: Starke Affekte durch Typografie!

Auf seinen politischen Plakaten spielt Voegeli mit Lettern, nicht mit Illustrationen. Und fast immer in Schwarzweiss statt mehrfarbig. Das wirkt insofern irgendwie retro, als er mit seinen Plakaten offenkundig bei der Tradition der modernen Schweizer Typografie anknüpft. Nicht dass er einfach die grosse Zeit der Schweizer Plakatgrafik beschwören will: «Aber diese typografische Tradition besitzt eine Kraft und vor allem auch eine Klarheit, die ich heute oft vermisse.»

Warum das im Ergebnis eben nicht einfach retro ist, kann man vielleicht am besten an jenem 1.-Mai-Plakat von vor drei Jahren ablesen. Die politischen Forderungen setzt er als Eckpunkte: «Faire Löhne, bessere Renten». Und wie ein riesiges Logo übers ganze Format, weiss auf rotem Grund: das Datum in einer dynamisch abstrahierten Zackenschrift, wie getaggt mit einem faustdicken Filzstift. Ganz ähnlich operierte dann auch das Plakat gegen die «Durchsetzungsinitiative», dieses aggressive, wütende «Nein», scharf wie eine Klinge: Graffito trifft klassische Typografie, die Tradition der modernen Schweizer Plakatgrafik verbündet sich mit Street Art.

So zeugen Voegelis Arbeiten eigentlich von einer kulturpatriotischen Haltung: Ausgehend von einer sehr schweizerischen Grafiktradition, entwickelt er hier eine zeitgemässe Antithese zur Kommunikation in einfachen Symbolen, wie sie vor allem die SVP über Jahre perfektioniert hat. Statt dabei auf die krasse Bildsprache der Rechten einzugehen, setzt er dieser einen radikalen Purismus der Schrift entgegen.

«Was ist Aufgabe eines Plakats?»

Bloss, funktioniert das auch? Voegelis Plakate fallen zwar auf und geben zu reden, weil sie anders sind. Aber aus demselben Grund laufen sie auch Gefahr, dass sie neben dem Gros der politischen Plakate nicht immer gleich als solche erkennbar sind. Zu künstlerisch, also zu wenig propagandistisch? Den Einwand, dass sein Plakat für die AVH-plus-Initiative nicht lesbar sei, kann der 37-Jährige nicht nachvollziehen: «Es ist vielleicht ungewohnt, weil es nicht der gängigen Plakatästhetik entspricht. Doch frage ich mich, weshalb wir heute in diesem Masse abhängig von Symbolbildern sind, die Inhalte und Sachverhalte banalisieren, statt sie zu differenzieren.»

Genauso gut könnte man Voegeli ja mit dem gegenteiligen Vorwurf behelligen: dass er politische Botschaften weitgehend auf die reine Parole reduziere. Jetzt wird er grundsätzlich: «Was ist Aufgabe eines Plakats? Plakate alleine sind nicht meinungsbildend. Sie müssen den politischen Diskurs in Erinnerung rufen, ihn nicht selber führen.» Und wenn der politische Diskurs schwinde, dann sei nicht die Plakatgrafik daran schuld, sondern die Krise der Medien, wo dieser Diskurs eigentlich stattfinden müsse.

Wobei: Gerade die mächtigste Partei im Land hat ja ihre gesamte visuelle Kommunikation seit rund zwei Jahrzehnten strategisch darauf ausgerichtet, dass ihre Abstimmungsplakate den politischen Diskurs nicht bloss in Erinnerung rufen, sondern massgeblich steuern. Das ist mitunter eine Frage des Geldes. Und dann erzählt Voegeli vom «Dringenden Aufruf» gegen die «Durchsetzungsinitiative», als es daran ging, die Plakatstellen für die von ihm gestaltete Nein-Kampagne zu mieten. Da habe man feststellen müssen, dass viele Plätze bereits weit im Voraus gebucht worden waren – von der SVP.

Gegen ein so kapitales Ungleichgewicht im öffentlichen Raum hilft vielleicht, ein bisschen: besseres Design. Also klarer, wuchtiger, plakativer werden, ohne sich auf die Bildsprache der Gegenseite einzulassen. Ein Anfang ist gemacht.

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