Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Privatisierte Artenvielfalt

Costa Rica zeige, wie man Artenvielfalt zugleich nutzen und schützen könne - sagen die einen. Das Land sei ein Beispiel für Biopiraterie, sagen die anderen.

Von Torge Löding, San José, Costa Rica

Lässt sich die kommerzielle Nutzung genetischer Ressourcen in den Dienst des Erhalts der Artenvielfalt stellen? An der Uno-Biodiversitätskonferenz dieser Tage in Bonn werden Beispiele vorgestellt, wie das möglich sei: Costa Rica und sein Nationales Institut für Artenvielfalt Inbio gelten als Paradefall. Seit zwei Jahrzehnten läuft ein Projekt mit dem Ziel, die Apotheke aus dem Regenwald zu vermarkten und die Gewinne daraus in den Artenschutz zu investieren.

Dass Inbio tatsächlich ein Erfolg sei, sehen freilich nicht alle so. Parallel zur Uno-Konferenz organisieren Greenpeace, der Evangelische Entwicklungsdienst und andere ebenfalls in Bonn den Kongress Planet Diversity. Auch dort wird Inbio als Beispiel vorgestellt, jedoch als ein negatives. UmweltschützerInnen aus Costa Rica bezichtigen das Institut gar der Biopiraterie, also der unrechtmässigen Aneignung genetischer Ressourcen.

Eine grüne Schatzkammer

Nicht viel mehr als Augenwischerei sei ein Abkommen, das Inbio 1991 mit dem Pharmakonzern Merck geschlossen hat, sagt die emeritierte Professorin und Umweltaktivistin Silvia Rodríguez. Inbio ist, anders als sein Name suggeriert, ein privates Institut. «Die Öffentlichkeit», sagt Rodríguez, «hat keinen Einblick in die Geschäftsbücher oder den Wortlaut der geschlossenen Verträge. Vieles wissen wir nur aus Verlautbarungen der Vereinten Nationen, die Inbio immer wieder als positives Beispiel nennen.»

Gegründet wurde das Institut im Oktober 1989 und hätte vorerst tatsächlich staatlich sein sollen. Damals regierte Präsident Oscar Arias, der in Costa Rica die Strukturanpassungsmassnahmen nach Vorgabe des Internationalen Währungsfonds vollzog. Heute ist Arias wieder an der Macht und bringt UmweltschützerInnen mit seinem Plan der weitgehenden Privatisierung der Nationalparkverwaltung gegen sich auf.

Inbio beruft sich auf die Idee, dass es einen Ausgleich geben könne zwischen Ländern, die reich an Arten sind, und solchen, die über hochstehende Technologie verfügen. Erstere stellen die biologischen Ressourcen und erhalten dafür von Letzteren Zugang zu Technik («Technologietransfer»). Costa Rica gehört eindeutig zur ersten Gruppe: Auf seinem Territorium - 0,03 Prozent der Erdoberfläche - kommen fast 5 Prozent aller bekannten Arten vor. Ein Viertel des Landes steht in irgendeiner Form unter Naturschutz, und es finden sich grosse Flächen primären Regenwaldes - eine grüne Schatzkammer. «Bioprospektion» nennt sich der Ansatz von Inbio. Das funktioniert so, dass Inbio in den Nationalparks Stationen unterhält, auf denen Einheimische gegen Entgelt Proben sammeln. Diese werden kategorisiert und einer ersten Untersuchung unterzogen, verlassen dann aber das Land, um in den Labors von Merck weiter erforscht zu werden. Niemand hat dort Einblick, geschweige denn die Kontrolle, was mit den Proben geschieht.

Laut einer Untersuchung des WWF Norwegen flossen zwischen 1991 und 1999 insgesamt 420 000 Dollar an das costa-ricanische Umweltministerium, 856 000 Dollar an Naturparks und knapp 700 000 an öffentliche Universitäten - von Jahr zu Jahr etwas weniger. Das ist nicht viel Geld, und von Technologietransfer könne ebenfalls nicht die Rede sein, ergänzt Rodríguez: «In einigen Fällen wurde moderne Technik zur Verfügung gestellt, aber immer mit der Einschränkung, sie nur für diese eine spezifische Untersuchung nutzen zu dürfen.»

Schmerzen und Übelkeit

Bioprospektion wird zur Biopiraterie, wenn Konzerne sich traditionelles Wissen über Heilpflanzen aneignen und es durch Patentierung für sich reklamieren. Silvia Rodríguez wie auch Umweltverbände weisen darauf hin, dass Inbio auf solches Wissen zurückgreife - was Inbio bestreitet. Als Ergebnis einer Kooperation mit dem Institut verkauft ein costa-ricanischer Medikamentenhersteller Schmerztabletten, deren Wirkstoff aus den Blättern und der Rinde eines Baumes gewonnen wird. Seit je stellen BäuerInnen in Costa Rica aus den gleichen Zutaten einen schmerzstillenden Saft her.

Gegenüber JournalistInnen nannte Lorena Guevara, Bioprospektionsmanagerin bei Inbio, zwei weitere «Erfolgsbeispiele»: ein Produkt gegen Übelkeit und ein anderes zur Beruhigung. Das erste wird aus der Quassia gewonnen, genau wie es die UreinwohnerInnen seit je tun, das zweite aus Lindenblättern - Omas Hausapotheke lässt grüssen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch