Nr. 33/2013 vom 15.08.2013

Ein Plan wie giftiger Nebel

Eine einzigartige Umwelt- und Klimaschutzinitiative im Yasuní-Nationalpark des Amazonas droht zu scheitern, weil das nötige Geld nicht zusammenkommt.

Von Jürgen Vogt, Llanchama

Die Männer, die das Öl wollen, kommen immer wieder ins Dorf von Andrés Machoa, das im Urwald Ecuadors liegt. Im vergangenen Jahr waren sie drei Mal hier in Llanchama. Sie haben sich im Grenzdorf Nuevo Rocafuerte ins Kanu gesetzt, sind den Río Napo stundenlang flussaufwärts gefahren und in den Río Tiputini eingebogen, der sich bis ins Amazonasbecken zieht.

Der Steg, an dem die Männer aussteigen, ist nicht leicht zu finden. Doch sie wissen genau, wo sie hinwollen. Sie balancieren über die Holzplanken und stemmen sich die steile Uferböschung hoch. Jedes Mal, wenn die Männer der Ölfirma Petroamazonas kommen, bringen sie Papiere mit. Und jedes Mal schickt das Dorf sie wieder weg.

«Wir werden nichts unterschreiben», sagt Andrés Machoa. Er ist so etwas wie der Aussenminister seines Dorfs, dessen BewohnerInnen zum Volk der Kichwa gehören, eine der vielen indigenen Stammesgemeinschaften, die hier im Yasuní, im ecuadorianischen Amazonasgebiet, leben. Der Yasuní ist eine der artenreichsten Regionen der Erde und zum Teil ein Nationalpark. Doch unter der Flora und Fauna, tief im Boden, lagert Öl in riesigen Mengen. Und das wollen die Männer fördern.

Geld fürs Drinlassen

Eigentlich sollte das Öl bleiben, wo es ist. 2007 ging die Nachricht um die Welt, dass Ecuadors Präsident Rafael Correa für eine einzigartige Umwelt- und Klimaschutzinitiative unter dem Namen Yasuní-ITT wirbt. Die Idee: Damit die Ölvorräte im Regenwald nicht angezapft werden, zahlt die Weltgemeinschaft Geld an Ecuador. Der Plan hat zwei Vorteile: die einzigartige Biodiversität und der Lebensraum der indigenen Völker wären geschützt, ausserdem bliebe der Planet von schätzungsweise 800 Millionen Tonnen CO2 verschont, die mit der Energiegewinnung aus über 840 Millionen Fass Öl freigesetzt würden.

Kern der Initiative ist ein Treuhandfonds, aus dem der ecuadorianische Staat für seine Einkommensverluste entschädigt würde, wenn sich das Land entscheidet, auf die Ölförderung zu verzichten. Die internationale Gemeinschaft soll dabei für die Hälfte des geschätzten Exportwerts von rund 7,2 Milliarden US-Dollar aufkommen. Die Initiative bezieht sich zwar nur auf das Ölfeld Ishpingo-Tambococha-Tiputini, kurz ITT, das in einem kleinen Teilgebiet der Yasuní-Region liegt, dennoch werden hier rund zwanzig Prozent der Ölreserven des Landes vermutet.

Seit Lancierung der Idee sagt Präsident Correa bei jeder Gelegenheit: «Wir wollen die Artenvielfalt und die dort lebenden Völker schützen.» Und warnt zugleich: Falls die Finanzierung von der Weltgemeinschaft nicht komme, bleibe ihm nichts anderes, als das Öl zu fördern. Sein Land brauche das Geld, um die Armut zu bekämpfen und in Bildung und Forschung zu investieren. Das nennt Correa den Plan B.

Und es sieht schlecht aus für die Initiative: Bis Sommer 2013 waren weniger als zehn Prozent der veranschlagten Summe in den Fonds einbezahlt oder zugesagt. Ende Juni hatte Correa zuletzt verkündet, dass er bald entscheiden werde, ob er die Initiative aufrechterhalten werde oder ob Plan B in Kraft trete, sprich die Ausbeutung der Lagerstätten.

Die Vorbereitungen für den Plan B laufen bereits seit langem. In einigen Gebieten um den ITT-Block wurde schon mit der Förderung begonnen. Die Konzessionen für die Ölförderung im gesamten Yasuní-Gebiet sind vergeben. Ein Teil dieses Gebiets gehört zur Gemeinschaft Llanchama von Andrés Machoa. Die Verfassung garantiert ihnen, dass ohne ihre Erlaubnis nichts in ihrem Gebiet unternommen werden darf. Auch deshalb legen die Männer von Petroamazonas immer wieder am Steg von Llanchama an.

Als 1979 der Nationalpark Yasuní eingerichtet wurde, wusste niemand ausserhalb des Walds, dass hier verschiedene Dorfgemeinschaften seit Jahrhunderten siedelten. Erst 1995 erhielt die Comunidad Llanchama die offizielle Anerkennung und bekam einen Nutzungsvertrag für ihr Siedlungsgebiet. Heute leben hier 150 BewohnerInnen in 26 Familien. Die Entscheidungen werden von den 65 stimmberechtigten Mitgliedern gemeinsam getroffen.

Llanchama ist gegen die Ölförderung, im Dorf wissen sie genau, was passiert, wenn sie die Papiere von Petroamazonas unterschreiben. «Wir würden mit einer Unterschrift alle Rechte verlieren», sagt Machoa. Durch Probebohrungen käme es im ganzen Gebiet zu Sprengungen, da die IngenieurInnen der Ölfirmen zwar wissen, dass Öl vorhanden ist, nicht aber, wo man am leichtesten daran herankommt.

Hinzu kommt, dass dem Dorf das Umweltverbrechen in der Nachbarprovinz Sucumbíos eine Warnung ist. Dort hatte 1964 ein von der US-Ölfirma Texaco geführtes Konsortium die Konzession erhalten, nach Öl zu suchen. Als dieses fast dreissig Jahre später wieder abzog, liess es vergiftetes Trinkwasser, tote Gewässer sowie eine gefährliche Hinterlassenschaft aus Giftschlamm in hunderten ungedeckten Auffangbecken zurück. Auf eine Entschädigung warten die Menschen bis heute. Zwar wurde der Chevron-Konzern, der heutige Besitzer von Texaco, Anfang 2012 nach einem fast zwanzig Jahre dauernden Prozess in letzter Instanz zu achtzehn Milliarden US-Dollar Schadenersatz verurteilt. Das Unternehmen weigert sich aber bislang, das Urteil anzuerkennen.

Die Idee für die Initiative Yasuní-ITT stammt denn auch von den BewohnerInnen der Region selbst. «Was in Sucumbíos geschah, darf sich nicht wiederholen», sagt Holmer Grefa. Seine Machete bahnt den Weg durch das Grün des Regenwalds. Heiss ist es, schwül, windstill, Moskitos sirren. Die Vegetation hat den schmalen Pfad zurückerobert. Normalerweise führt der junge Mann aus Llanchama TouristInnen durch den Amazonas.

Plötzlich ändert sich das Grün. Grefa hat die Grenze zum Gebiet der Waorani überquert, dem Nachbarvolk der Kichwa. «Sekundärwald, nichts Ursprüngliches mehr», sagt er und betritt eine Lichtung, die nur von Büschelgras überwachsen ist. 2008 hätten sie hier mit Helikoptern Räumgeräte, Containerunterkünfte, Röhren und einen Bohrturm herangeschafft. Dann haben die IngenieurInnen nach dem Öl gebohrt, wurden fündig, verschlossen das Bohrloch und schafften mit den Helikoptern alles Material wieder weg.

Der Untergrund ist noch immer mit groben Plastikplanen abgedeckt. Das Abdichtungsrohr ragt wie ein Kreuz aus dem Boden. «‹Muñeca›, Puppe, nennen sie es», sagt Grefa. Dieses Bohrloch kann einfach reaktiviert werden. So wie noch drei weitere Bohrlöcher auf dem Gebiet der Waorani. Mit ihnen hat der Ölkonzern Petroamazonas ein Abkommen.

Die Armut als Hauptproblem

Einen ganz anderen Blick auf die Dinge hat Hugo Navarrete, Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät an der Katholischen Universität in der Hauptstadt Quito. Die Uni betreibt seit 1994 eine Forschungsstation im Nationalpark, um die Artenvielfalt zu erfassen. Navarrete zeigt zwei Satellitenaufnahmen. Auf der ersten ist ein ArbeiterInnencamp von Petroamazonas zu sehen. Ausser den Beschäftigten dürfe niemand hierhin, die Strasse ins Camp sei gesperrt, sagt der Professor. Das Bild zeigt einen kleinen Fleck inmitten des dichten Urwalds. Eine zweite Aufnahme zeigt eine Stelle, an der inzwischen Öl gefördert wird. Niemand kontrolliert hier mehr den Zugang: Der Urwald ist gelichtet, an den Strassenrändern stehen Hütten. Hier leben SiedlerInnen, die sehr viel Holz schlagen. «Sie haben keine andere Einkommensquelle», erklärt Navarrete. Pro Person verschwänden etwa achtzig bis hundert Hektaren Wald. Das Holz werde verkauft, anschliessend legten die Menschen Weideland an. «Im Vergleich zu diesen Ausmassen können sie den Holzschlag der Ölfirmen vernachlässigen», sagt Hugo Navarrete.

Für den Professor ist nicht das Öl eine Gefahr für den Regenwald, sondern die Menschen, die dafür in den Dschungel kommen. Und sie kommen, weil die Armut sie dazu zwingt. «In Ecuador leben vierzehn Millionen Menschen, doch nur etwa vier Millionen von ihnen sind gut ausgebildet und verdienen genug.» Solange die Armut der Menschen nicht überwunden sei, so lange existiere auch ein sozialer Druck auf die natürlichen Ressourcen.

«Wenn bei der Förderung des Öls die richtigen Sicherheitsstandards eingehalten werden, ist sie für die Biodiversität kein Problem», sagt der professionelle Artenschützer. Selbst der Bruch einer Pipeline wäre für ihn angesichts der schieren Grösse des Nationalparks keine Katastrophe. Navarrete lehnt sich in seinem Bürostuhl zurück: «Die Idee für die Yasuní-ITT-Initiative stammt von Ökologen und Leuten, die ich Romantiker nenne.» Präsident Correa hingegen sei ein Pragmatiker. Er brauche Einnahmen für seine Projekte. Und wenn das Geld nicht aus dem Ausland komme, werde das Öl gefördert. So laufe das eben. Doch auch Navarrete schränkt ein: So müsse das Geld für die Initiative in Projekte zur Armutsbekämpfung gesteckt werden. «Nur: Ich sehe nirgends einen Plan, der das vorsieht.»

Immer die gleichen Lügen

Aus der Satellitenperspektive mag die Gefahr für den Wald gering sein, vom Waldboden aus gesehen verhält es sich anders. Andrés Machoa erinnert sich noch an die achtziger Jahre. Damals hatten die Suchtrupps ausländischer Ölmultis in seinem Gebiet schon einmal mit Sprengstoff nach Öl gesucht. Und schon damals wurden er und seine Leute angelogen. Statt wie versprochen das mit Öl und Chemikalien verschmutzte Wasser nach der Untersuchung wieder in die Erde zurückzupumpen, hätten es die IngenieurInnen in den Fluss abgelassen. «Alle Fische sind damals verendet», erzählt Machoa.

Da war es hilfreich, dass vor zehn Jahren zwei Umweltexperten der spanischen nichtstaatlichen Organisation Solidaridad Internacional die Gemeinschaft über ihre Rechte informierten und Tipps gaben, wie man sie verteidigen kann. Hilfreich auch, weil Petroamazonas weiter Druck macht. «Sie ködern mit Arbeitsplätzen, mit Gesundheitsversorgung, mit Stipendien und versuchen, die Gemeinschaften zu spalten», so Machoa. «Zuletzt boten sie uns zwanzig Dollar pro Hektare, damit sie seismische Untersuchungen vornehmen können.»

Inzwischen haben sich einige ausländische Unternehmen aus dem Yasuní wieder verabschiedet. Denn was bisher gefunden wurde, ist von mittlerer bis schlechter Qualität. Das Öl kommt zudem mit viel Wasser vermischt an die Oberfläche. Vor allem deswegen hat die brasilianische Petrobras nach ihren Bohrungen 2008 die Konzessionen wieder zurückgegeben. Inzwischen hält die ecuadorianische Petroamazonas die Mehrzahl der Konzessionen im Yasuní und kann auf den Rückhalt aus Quito vertrauen. Auch deswegen schwebt Correas Plan B weiter wie giftiger Nebel über dem Yasuní.

Nachtrag vom 22. August: Verpasste Gelegenheit

Für Ecuadors Präsident Rafael Correa ist klar, wer schuld ist: Die internationale Gemeinschaft sei verantwortlich dafür, dass eine einzigartige Umwelt- und Klimaschutzinitiative im Nationalpark Yasuní gescheitert ist. Bei dieser 2007 lancierten Initiative, die nicht nur international UnweltschützerInnen begeisterte, sondern auch breite Zustimmung in Ecuador selbst fand, hätte das Land das in der Yasuní-Region vermutete Erdöl im Boden gelassen und von der internationalen Gemeinschaft eine Kompensation für die entgangenen Einnahmen erhalten. In den letzten fünf Jahren wurde jedoch nur ein Bruchteil der veranschlagten Kompensationssumme zugesagt oder gar einbezahlt. Er habe nun keine Alternative, als das Erdöl doch fördern zu lassen, sagte Correa letzte Woche. Dem widerspricht der Ökonom Alberto Accosta. Der Hauptgrund für das Scheitern der Initiative sieht er in der zögerlichen Haltung der ecuadorianischen Regierung, und er nennt die Entscheidung «rein ökonomisch motiviert, frustrierend und abscheulich». Ecuador und die Welt hätten es verpasst, einen «revolutionären Umweltschutzvorschlag» umzusetzen.
Sonja Wenger

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