Nr. 24/2008 vom 12.06.2008

Als Schatten Mut gaben

Die Lebensgeschichte des Schattenspielers Tristuti Rahmadi gibt eine Ahnung von den Zuständen unter dem Regime von General Suharto.

Von Klaus Fuhrmann und Rainer Werning

«Diese Geschichte ist teuer, teuer im wahrsten Sinn. Sie wurde mit Blut und Tränen erkauft. Ich habe alles verloren. Nicht nur meine Kinder und meine Besitztümer, sondern auch meine Ehre, das Selbstwertgefühl.»

Der Puppenspieler Tristuti Rahmadi ist heute 76 Jahre alt. Doch das sieht man ihm nicht an. Er geht aufrecht, nur das rechte Bein zieht er infolge von Misshandlungen während seiner Haft leicht nach. In den sechziger Jahren war er in seiner Heimat Indonesien ein geschätzter Künstler, der das beliebte Schattenspiel für die Mächtigen im Staat ebenso gern aufführte wie für die unterdrückte Bevölkerung. Zu seinen Schülern gehörte einst Ki Anom Suroto, heute eine Ikone des Schattenspiels im südostasiatischen Inselreich. Tristuti Rahmadi indessen wurde ein Opfer des staatlichen Terrors in den sechziger Jahren, als der vom Westen hofierte General Suharto sich an die Macht putschte.

1965, zwei Jahrzehnte nach der deklarierten Unabhängigkeit von den holländischen Kolonialherren, war für Indonesien ein Schicksalsjahr. Die US-amerikanische Regierung schätzte die politische Situation im Inselreich als äusserst kritisch ein. Präsident Lyndon B. Johnson befürchtete, nach Vietnam drohe Indonesien als nächster sogenannter Dominostein zu kippen und kommunistisch zu werden. Achmed Sukarno, Indonesiens erster Präsident und ein selbst ernannter Antiimperialist, war im antikommunistischen Klima ein Ärgernis für zahlreiche westliche Regierungen, zumal er engere Kontakte zur Volksrepublik China suchte.

Suhartos «neue Ordnung»

Damals zählte die Kommunistische Partei Indonesiens, die PKI, etwa drei Millionen Mitglieder. Indonesien hatte damit, nach China und der Sowjetunion, weltweit die drittgrösste kommunistische Partei. Unter dem Vorwand, einen Staatsstreich der PKI zu vereiteln, putschten sich Offiziere Anfang Oktober 1965 an die Macht. Hauptnutzniesser wurde Generalmajor Suharto, Kommandant einer Eliteeinheit.

Der General krempelte die Gesellschaft um. Mindestens eine halbe Million Menschen fielen diesem bis dahin grössten Massaker in Friedenszeiten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Die PKI wurde als politische Kraft zerschlagen. Wer sich nicht deutlich genug gegenüber der PKI abgegrenzt hatte, wurde gefangen genommen.

Auch Tristuti Rahmadi wurde auf die Gefangeneninsel Buru gebracht. Dort galt es, karges Land urbar zu machen, um sich mit Nahrungsmitteln versorgen zu können. Nur das Notwendigste, erinnert sich der Schriftsteller Pramoedya Ananta Toer, durften die Gefangenen mitnehmen: «Nur zwei Garnituren Kleidung, und als wir in Buru zu arbeiten begannen, war die erste Garnitur innerhalb eines Monats völlig verschlissen. Stellen Sie sich einmal vor, wie wir dort schliefen!»

In der Gefangenschaft entstand Pramoedyas bedeutendstes Werk, die Tetralogie «Bücher der Insel Buru». Thema ist die koloniale Unterdrückung durch die Holländer. Mit der Biografie des Protagonisten, eines javanischen Adligen, entfaltet der Autor im Zeitraffer die Geschichte Indonesiens. Der Kern dieses Werkes mit seiner leisen lebensbejahenden Botschaft: Nutze deinen Verstand und schärfe dein Erinnerungsvermögen, um die Verhältnisse zu verstehen und sie zu verändern: «Mit diesen Romanen wollte ich zuallererst Mut machen. Ohne Mut entsteht überhaupt nichts. Mut muss man sich erarbeiten. Menschen ohne Mut sind dumpf, wie Vieh, das sich nur vermehrt.»

Die Gefangenen auf Buru taten alles, um das Überleben würdevoll zu gestalten. Zwar mussten sie sich von sieben Uhr morgens bis weit in den Abend hinein abrackern, doch nachts beim Flackern der Petroleumlampen waren es Künstler wie Pramoedya und Tristuti, die den Lagerinsassen etwas ganz anderes zeigten. Gerade das von Tristuti meisterhaft beherrschte Schattenspiel ermunterte, wenn auch nur für Augenblicke, neuen Lebensmut zu schöpfen, über die Peiniger zu lachen.

Vierzehn Jahre Haft

Lange mangelte es an Material, um Figuren zu fertigen. So improvisiert man eben, erinnert sich Tristuti Rahmadi: «Es gab Leute, die machten 'ding-dang-deng-dung' mit Eimern. Eimer können wie Gamelan-Gongs klingen. Mit der Zeit hatten wir kleine und grosse Eimer. Und ich habe immer weitergespielt.»

Bald gelangte er in den Besitz von Tierhäuten und Eisenresten, aus denen Figuren geschnitzt und Gongs gefertigt wurden: «Es waren Hirschhäute, mit Salz behandelt, und wir haben sie dann bemalt. Wir haben alles genutzt, was vorhanden war, um Schattenspielfiguren zu machen, selbst Nägel.» Immer mehr politische Häftlinge lernten von Tristuti die Kunst des Schattenspiels.

In den siebziger Jahren kritisierten ausländische Menschen- und Bürgerrechtsorganisationen die Bedingungen der politischen Gefangenen auf Buru. Das Regime der «Neuen Ordnung» versuchte, darauf zu reagieren und einen positiven Eindruck zu erwecken. «Vom Obersten Gerichtshof wurde damals, es war im Jahre 1976, eine komplette Wayang- und Gamelan-Ausrüstung geschickt - mit Verstärkeranlage», so Tristuti. Die Sänger und Musiker aber waren nach wie vor unsere Kameraden, darunter auch ehemalige Lehrer. Profis gab es nicht, auch keine Frauen unter den Sängern; es waren ausschliesslich Männer, die dann auch die hohen Frauenstimmen übernehmen mussten.»

Anfang der siebziger Jahre werden die Zustände auf Buru international publik. Die Regierung liess vereinzelt internationale MenschenrechtsbeobachterInnen auf die Insel. So gelang es Pramoedya Ananta Toer, dass einige seiner Schriften ins Ausland geschmuggelt wurden. Mit der Veröffentlichung wuchs der Druck auf das Regime so stark, dass die meisten Gefangenen freigelassen wurden, darunter auch Pramoedya Ananta Toer und Tristuti Rahmadi.

Nach vierzehn Jahren Haft kehrte Rahmadi 1979 in seine Heimat zurück: «Es begann die zweite Zeit meines Leidens. Ich wurde nicht mehr geschlagen, aber seelisch schikaniert. Wenn ich irgendwohin wollte, musste ich das behördlich genehmigen lassen. Immer und überall brauchte ich ein Genehmigungsschreiben. Wo immer ich mich aufhielt, musste ich mich bei den Behörden melden. Ans Schattenspiel war nicht zu denken, auch wenn mir es niemand offen verbot. Doch um Aufführungen machen zu können, brauchte man einen Künstlerausweis.»

Tristuti wandte sich an die Kulturbehörde. Dort aber verlangte man von ihm ein Empfehlungsschreiben von der Militärkommandantur, mit der Bestätigung, dass er offiziell wieder auf freien Fuss gesetzt worden sei. Seitens der Militärkommandantur wiederum hiess es lapidar, man kümmere sich nicht um Fragen, die das Schattenspiel betreffen.

Spiritueller Ratgeber

Viele seiner ehemaligen Freunde waren inzwischen ermordet worden. Andere distanzierten sich von Tristuti, weil sie sich nicht öffentlich mit einem angeblichen ehemaligen Kommunisten zeigen wollten. Der einst landesweit gefeierte Puppenspieler musste auf dem Bau arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Einige von Tristuti Rahmadis Schülern sind inzwischen bekannte Puppenspieler. Einer von ihnen ist Ki Anom Suroto. Als dieser vom Schicksal seines Lehrers hörte, suchte er ihn auf und bot ihm an, Vorlagen für seine Stücke zu schreiben. Es begann eine erfolgreiche Partnerschaft. Mit der verdeckten Hilfe des ehemaligen politischen Häftlings Tristuti Rahmadi avancierte Ki Anom Suroto sogar zum Lieblingspuppenspieler und spirituellen Ratgeber des Diktators Suharto. Erst als dieser infolge einer tief greifenden Wirtschafts- und Finanzkrise im Mai 1998 zurücktrat, konnte Tristuti nach über dreissig Jahren wieder öffentlich spielen: «1999 begann zwar die Zeit der Reformen. Ich kümmerte mich einfach nicht mehr um eine Erlaubnis, Schattenspiele aufzuführen. Wenn man in einer Familie eine Hochzeit feierte und man mich um eine Aufführung bat, sagte ich zu. Und sie versprachen, mir notfalls zu helfen. Also probierte ich es und spielte ohne Lizenz.»

Als alter Mann gelang es Tristuti Rahmadi jedoch nicht mehr, an die Erfolge seiner Jugend anzuknüpfen. Heute lebt er in einer ärmlichen Behausung am Stadtrand von Solo.

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