Nr. 26/2008 vom 26.06.2008

Riskanter Aufschwung

Die Wirtschaftsentwicklung vieler lateinamerikanischer Staaten basiert auf Rohstoffen. Das «Jahrbuch Lateinamerika» analysiert Chancen und Gefahren.

Von Jens Holst

Nicht lange ist es her, da lieferte Lateinamerika vor allem den Rohstoff, aus dem revolutionäre Träume entstanden. Brutale Militärherrscher und der Befreiungskampf unterjochter Völker bestimmten das Bild. Das hat sich gründlich geändert. Diktaturen gehören mittlerweile der Vergangenheit an, vielerorts haben linke und vor allem halblinke Parteien die Regierungsgeschäfte übernommen. Im wahrsten Sinn des Wortes: Die heutigen lateinamerikanischen Eliten verscherbeln ihre Rohstoffe weitaus wirkungsvoller als frühere uniformierte Statthalter.

Das Goldland aus Öl

Und auch vielseitiger, denn nicht nur Erdöl aus Mexiko oder Venezuela und Kupfer aus Chile drängen auf den Weltmarkt, sondern auch neuartige Agrarprodukte lateinamerikanischer Herkunft, allen voran edle Weine, Holzspäne für die Papierproduktion, Gentechsoja und Agro-Sprit. Nicht zuletzt auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel Mitte Mai wurde es deutlich: Die reichen Länder des Nordens gehen wieder davon aus, dass es in Lateinamerika etwas zu holen gibt. Und dass ihnen mit China und zunehmend Indien zwei gewichtige Konkurrentinnen um die Märkte des Subkontinents heranwachsen.

Dem «Rohstoffboom mit Risiken» widmet sich denn auch die jüngste Ausgabe des seit 31 Jahren erscheinenden «Jahrbuch Lateinamerika». Den Herausgeberinnen und Herausgebern des Sammelbandes gelingt es auf überzeugende Weise, die Chancen und Gefahren der weiterhin vor allem auf Rohstoffen basierenden Wirtschaftsentwicklung der lateinamerikanischen Staaten und deren vielschichtige Herausforderungen auch in anderen Bereichen darzustellen. Den einleitenden Rahmen des Bandes liefert die Abhandlung über die Illusion eines «Elpetrolado latinoamericano» von Elmar Altvater, einem Altvorderen der Globalkapitalismuskritik. In Anspielung auf das sagenhafte Goldland «Eldorado», dem die europäischen EroberInnen einst nachjagten, diskutiert er Fragen von Freihandel und Macht anhand des schwarzen Goldes.

Mittlerweile scheint eine neue Art Gold zu entstehen: Agrotreibstoffe versprechen grössere Unabhängigkeit von der Organisation Erdöl exportierender Länder und vor allem reichliche Renditen für die Erzeugerstaaten, allen voran Brasilien. Der Beitrag von Thomas Fatheuer hinterfragt die ökologischen Effekte von «Bio»-Sprit und erklärt, warum die Sojaproduktion bereits zum Abholzen des Regenwaldes beiträgt, auch wenn es bisher keine Plantagen in Amazonien gibt. Und die Autorin Regine Rehaag erinnert noch einmal daran, wie die GentechproduzentInnen unter der Regierung des brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva unumkehrbare Fakten schufen.

Neue Konkurrenz

Bemerkenswert ist auch die Analyse der Rolle Chinas auf dem Subkontinent von Chinawissenschaftlerin Vera Lehmann. Das Riesenreich versorgt sich weltweit mit den für sein Wirtschaftswachstum benötigten Rohstoffen aller Art, auch in Lateinamerika. Doch das chinesische Interesse sei dabei nicht allein ökonomischer Natur, sondern auch Teil der politisch-strategischen Planung.

Lesenswert sind zudem die vier Länderberichte am Ende des Bandes. Urs Müller-Plantenberg analysiert das politische Fahrwasser, in das die chilenische Präsidentin Michelle Bachelet geraten ist, Juliana Ströbele beleuchtet Ursachen und Perspektiven des bolivianischen Dauerkonflikts. Wolf-Dieter Vogel beschreibt die Merkwürdigkeiten und Widersprüche der SandinistInnen in Nicaragua, Gerold Schmitt die politische Landschaft Mexikos nach den umstrittenen Wahlen von 2006, und Astrid Nissen beantwortet die selbstgestellte Frage, ob es für Haiti eine neue Hoffnung gibt, eher skeptisch.

Etwas schwer verdaulich ist die Kost, die Ingo Bultmann serviert, wenn er darlegt, wie der Boom mit den Bodenschätzen einerseits einen klassenübergreifenden nationalen Konsens ermöglicht und andererseits ein ethnisch-kommunitäres Gegenmodell zum globalen Neoliberalismus schafft. Ansonsten vermitteln die Beiträge durchwegs komplexe Zusammenhänge in verständlicher und gut lesbarer Form. Wer ebenso fundierte wie nachdenkliche Informationen und Hintergründe über Lateinamerika erfahren will, dem sei die Lektüre der neusten Ausgabe des Jahrbuches ans Herz gelegt.

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