Nr. 27/2008 vom 03.07.2008

Jede Zeit hat ihre Droge

Reflexionen zum Treibstoff des 20. Jahrhunderts im Zeichen von Geschwindigkeit, Leistung und Selbstentgrenzung. Ein Streifzug durch die Geschichte des Amphetamins mit Hans-Christian Dany.

Von Michael Saager

In Söhnke Wortmanns Fussball-Schmonzette «Das Wunder von Bern» spielt das Gerücht keine Rolle. Natürlich nicht. Obwohl bereits vor über fünfzig Jahren im Ausland geraunt worden war, die deutsche Nationalmannschaft sei für ihren überraschenden 3:2-Sieg bei der Fussball-WM 1954 gegen Ungarn zuvor mit Speed gefixt worden, wird der Verdacht erst im Jahr 2004 in einer Fernsehreportage erneut Thema.

Der Hamburger Autor, Künstler und Kurator Hans-Christian Dany nimmt in seinem Buch «Speed. Eine Gesellschaft auf Droge» den Faden kurz auf und erzählt von den engen Kontakten des Exreichstrainers und NSDAP-Mitglieds Sepp Herberger zur Luftwaffe. Im «Dritten Reich» wurde Amphetamin als Stimulans für Soldaten benutzt. Dany schreibt: «Warum soll der ehrgeizige Asket, der im knöchellangen Ledermantel wie ein flügellahmer Bussard aussah, nicht auf die naheliegende Idee gekommen sein, ein biomilitärisches Verfahren auf Fussball zu übertragen. Eine Möglichkeit, die juristisch zu diesem Zeitpunkt noch kein Problem darstellte.» Ja, warum eigentlich nicht? Was machbar ist, geschieht meist auch.

Körper in Alarmbereitschaft

Dem Autor geht es nicht wirklich um eine nachträgliche Demontage des Fussballmärchens, zumal sich der Verdacht bis heute nicht hat erhärten lassen. Indessen fügt sich die WM-Anekdote bestens in den Gesamtrahmen seiner Drogenkulturgeschichte, die auch deutliche literarische Züge trägt. Was sie sehr viel spannender und sicher auch um einiges lesbarer macht als manch trockenes Sachbuch: «Tiefer durchatmen, gezielter denken, schöner geformt sein, schärfer schiessen und schneller arbeiten - das sind Wünsche, die mit dem Stoff in Erfüllung gehen sollen.»

Der «Stoff» kennt zahlreiche Abwandlungen und trägt viele Namen: Chrystel Meth, Pep, Yaba, Speed und ein paar weitere. Man mag die eine oder andere Bezeichnung aus dem beschleunigten Clubnachtleben der Gegenwart mit seinen selbstentgrenzenden Tendenzen kennen. Dort passt der Stoff bestens hin, vervielfacht er doch die Energien beziehungsweise mobilisiert sämtliche Kraftreserven des Körpers, indem er ihn biochemisch betrachtet in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Bei hoher Dosierung geraten die KonsumentInnen in Euphorie, mitunter in Ekstase. Erheblich billiger als Kokain ist Speed auch - kein Wunder, dass es so beliebt ist, zumal bei Menschen mit wenig Geld. Deshalb gilt Speed in den USA bis heute als ausgesprochene White-Trash-Droge. Die Nebenwirkungen verschweigt Dany nicht: Schädigung von Leber und Nieren, Schlaflosigkeit, harte Depressionen, Angst- und Wahnvorstellungen, psychische Abhängigkeit und so fort.

Jede Droge hat ihre Zeit oder umgekehrt. Und Amphetamin, das ist einer der Hauptgedanken Danys, ist diejenige Substanz, die sich am besten in den Erwartungsrahmen solcher Gesellschaften fügt, in denen hoher Leistungsdruck und hohe Leistungsbereitschaft direkt verkoppelt sind mit immer höheren Geschwindigkeiten der Produktionssphäre und des Lebens an sich. Amphetamin ist in anderen Worten die Substanz des 20. Jahrhunderts; seine Karriere hat viel mit der Industrialisierung und der immer stärkeren Kapitalisierung der Welt zu tun. Deshalb wird Amphetamin in diesem Buch, für das Dany acht Jahre recherchiert hat, als zentrale Metapher der letzten hundert Jahre gehandelt.

Von der Kriegs- zur Wahrheitsdroge

Kaum noch übertrieben scheint diese Behauptung, wenn man den Autor erst begleitet hat auf seiner lebendigen, durch kurze Hauptsätze tempostark in Szene gesetzten, jedoch immer auf Distanz zum Gegenstand bleibenden Spurensuche. Bereits 1887 vom rumänischen Chemiker Lazar Edeleanu an der Universität in Berlin synthetisiert, wird Amphetamin seit den dreissiger Jahren von US-amerikanischen Pharmafirmen unter dem Namen Benzedrine vermarktet - zunächst als Asthmamittel, wenig später verkauft man es als aufputschendes Medikament gegen Narkolepsie und leichte Depressionen. Zweckentfremdungen für den privaten Gebrauch bleiben nicht aus.

Im Zweiten Weltkrieg von Deutschland und Japan massenweise bei Kampfhandlungen eingesetzt, gelangt Amphetamin nach dem Krieg über abhängige Veteranen verstärkt in die Zivilgesellschaft. Ferner entdeckt man seine appetithemmenden Wirkungen; und amerikanische Geheimdienste sind versucht, es als Wahrheitsdroge zu instrumentalisieren, allerdings erfolglos: Mehr als «selbstbezügliche Wortknäuel» kommen nicht aus den Mündern der unfreiwilligen Versuchspersonen. Seit den späten achtziger Jahren kicken Amphetamine - unter anderem auch der enge Verwandte Ecstasy - die TänzerInnen in den Clubs, und Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADS/ADHS) bekommen den amphetaminähnlichen Stoff Ritalin verabreicht, um sich besser konzentrieren zu können. Ob in seinen illegalen Varianten oder den legalen - überall, wo man hinschaut, taucht es auf, und immer scheint es vor allem um eines zu gehen: um Leistungssteigerung. Was Dany nicht besonders schmeckt, auch wenn er sich mit Werturteilen weitgehend zurückhält. Dafür fabriziert er Bilder subtilen Humors, die ihrerseits eine deutliche Sprache sprechen: Speed sorgt noch bei der Verrichtung der stupidesten Tätigkeit für den allergrössten Lustgewinn. So bewerben findige amerikanische Pharmafirmen in den siebziger Jahren «die Frischmacher» als «Mutters kleine Helfer», weil sie, so Dany, «die Menschen bevorzugt in vor Glück strahlende Putzteufel» verwandeln.

KünstlerInnen auf Speed

Etwas zu viel Raum im Buch beansprucht der Einfluss von Speed auf die grellbunte Riege der Künstlerinnen, Musiker und Schauspielerinnen, auf die mehr oder minder tragischen oder bewegten Biografien von Judy Garland, Philip K. Dick, Jean-Paul Sartre, Andy Warhol, Elvis Presley, Johnny Cash oder Johnny Rotten, um nur einige zu nennen. Unstete, unter hohem Leistungsdruck stehende kreative Geister, denen Speed bei der Verrichtung ihrer Arbeit nicht selten enorm half, auch wenn sie dafür teilweise einen hohen gesundheitlichen Preis auszurichten hatten. Dany gerät, wenn er von ihren Leben erzählt, mitunter ein bisschen ins Schwafeln, verliert sein Thema manchmal aus den Augen, in diesem sonst so klar fokussierten Buch. Andererseits ist er selbst auch Künstler. Und sie schillern ja auch so schön, die popkulturellen Geschichten.

Am Ende bringt der Autor sein eigenes ambivalentes Verhältnis zu Drogen in einem lakonisch kritischen Resümee auf den Punkt. Er schreibt: «In dieser abhängigen und auf Abhängigkeiten gebauten Gesellschaft gibt es, allen faszinierenden Möglichkeiten von Drogen zum Trotz, gute Gründe, nüchtern zu bleiben.» Dass das kaum jemand durchhält, steht auf einem anderen Blatt.

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