Nr. 28/2008 vom 10.07.2008

Mit Petrodollarsauf die Schulbank

Dank des Ölreichtums investiert das Land am Persischen Golf viel Geld in die Bildung. Doch das Konzept des Emirs stösst auch auf Kritik.

Von Karin Leukefeld, Katar

«Was mich an China am meisten fasziniert, ist die Qualität der Bildung und die Ernsthaftigkeit, mit der die Leute dort an Prüfungen herangehen.» Die Studentin pocht mit den Fingern auf das vor ihr liegende Buch, als wollte sie damit ihren Worten Nachdruck verleihen. «Die chinesischen Studenten arbeiten Tag und Nacht, und nach den Vorlesungen nehmen sie sogar noch Privatunterricht - ganz anders als hier in Katar.» Es ist später Nachmittag. In einem Kurs an der Katar-Universität in Doha, der Hauptstadt des Emirats Katar am persisch-arabischen Golf (vgl. Kasten), wird mit Leidenschaft über die Unterschiede zwis

chen den Bildungssystemen von China und Katar diskutiert. Hier an der Pädagogischen Fakultät werden vierzehn GrundschullehrerInnen - drei Männer und elf Frauen - zu Führungskräften fortgebildet. Der Unterricht ist in englischer Sprache, die LehrerInnen stammen aus der ganzen Welt - unter anderem aus dem Libanon, Pakistan, den USA, dem Sudan, Indien und Nigeria. Sie unterrichten alle an einer Grundschule in Katar. Die Stimme der Studentin klingt gedämpft, ihr Gesicht ist bis auf die Augen unter einem Schleier verborgen. Sie trägt eine schwarze Abaja, den Ganzkörperschleier. Dieser hindert sie aber nicht daran, lebhaft mit ihren Händen gestikulierend ihre Meinung zu vertreten.

Der Lehrgang für pädagogische Führungskräfte ist Teil einer Reform, mit der Katar sein Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Universität von Grund auf umkrempeln will. Angespornt von einem kritischen Uno-Bericht über die Lage in der arabischen Welt von 2004 will Katars Führung den Golfstaat nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich reformieren. Obwohl das Land über grosse Vorkommen an Öl und Gas verfügt, weiss der Emir von Katar, dass die wertvollste Ressource der Zukunft seines Landes die Jugend ist, die er entsprechend stark fördert. Scheich Hamad Bin Khalifa al-Thani übernahm 1995 die Macht und begann kurz darauf, seine Vorstellung eines modernen Katar zu verwirklichen. Seine Ehefrau Mozah Bint Nasser al-Misned, die auch als Unesco-Sonderbotschafterin tätig ist, unterstützt ihn dabei. So hat die Regierung in nur wenigen Jahren aus dem Wüstensstaat einen Bildungsstandort von Weltklasseformat gemacht. Heute verfügt Katar über eine «Stadt der Bildung» (vgl. Kasten: Eine Stadt für die Bildung) mit Niederlassungen von internationalen Eliteuniversitäten. Zudem gibt es die Katar-Universität, rund neunzig unabhängige Schulen sowie Bildungseinrichtungen für Behinderte.

Dumm trotz Büchern

Eine umfassende und weltoffene Bildung sei Voraussetzung dafür, dass «Katar eine offenere, demokratische Gesellschaft mit einer vielfältigen und dynamischen Wirtschaft wird», sagt Nawal Abdulla al-Shaikh, Sprecherin des Obersten Bildungsrates, der die Reform «Bildung für eine neue Ära» kontrolliert. Und in einer Werbebroschüre steht: Die Kataris sollten befähigt werden «intellektuelle Ressourcen zu entwickeln, die mit den nationalen Bodenschätzen konkurrieren können». Erreicht werden soll dieses Ziel, indem man sich darauf konzentriert, den Schulen und Universitäten mehr Autonomie zu geben, LehrerInnen, SchülerInnen und Eltern mehr Verantwortung zu übertragen, das Bildungsangebot transparent und vielfältig zu halten sowie eine freie Wahl der Schule zu ermöglichen.

Shaikha Jabor al-Thani, Vizepräsidentin der Katar-Universität, zeigt sich allerdings skeptisch gegenüber solch schönen Phrasen, mit denen die Reform wie ein Produkt vermarktet und der Bevölkerung schmackhaft gemacht werden soll. Hoch bezahlte Experten und Beraterinnen würden aus der ganzen Welt eingeflogen, die Finanzierung und Planung seien hervorragend, und doch sei sie sich nicht sicher, ob sich das alles auszahlen werde, meint sie. Zwar teilt Jabor al-Thani die Kritik des Berichts der Weltbank, wonach die Bildung in der arabischen Welt zurückzufallen drohe. «Wir befinden uns wirklich in einer Krise, darum brauchen wir die Reform.» Doch heute werde das Geld in den reichen arabischen Staaten vor allem für neue Gebäude und modernste Technik ausgegeben - die Stossrichtung der Reform treffe nicht den Kern des Problems. Vielmehr «müssen wir die Ausbildung der Lehrer und die Qualität des Lehrplans verbessern». Man könne noch so viele Bücher und grosse Bibliotheken besitzen und trotzdem ungebildet sein, so ihre Kritik.

Doch die Geschwindigkeit, mit der die herrschenden Familien der al-Thanis und al-Misneds von der Zeit der Perlenfischer ins 21. Jahrhundert vordringen wollen, geht vielen Kataris zu schnell. Besonders den jungen Männern, die bisher nur darauf vorbereitet wurden, eines Tages das Vermögen des Vaters zu erben, um es zu vermehren. «In einem reichen Land wie Katar ist Bildung nicht unbedingt nötig», sagt Jabor al-Thani. Solange man lesen und schreiben könne, gebe es genügend Möglichkeiten, Geld zu verdienen. «Die einen sagen, das Öl ist ein Fluch, andere meinen, es sei ein Segen.» Sie zögert und sagt lachend: «Ich glaube nicht, dass es ein Segen ist. Denn wegen des Öls wissen die Leute Bildung nicht mehr zu schätzen - anders als früher.»

Chance für die Frauen

Dies trifft jedoch nicht für die Mädchen und Frauen von Katar zu, davon ist Jabor al-Thani überzeugt. Diese würden die Chance auf eine bessere Bildung mit Enthusiasmus ergreifen. An der Katar- Universität sind 73 Prozent der 8000 Studierenden weiblich. Die Leitungsriege der Universität besteht zudem ausschliesslich aus Frauen, die hier an der Katar-Universität ein Studium abgeschlossen haben und sich im Ausland weiterbilden liessen. So wie auch Fatima al-Maadadi, die Vizedirektorin der Pädagogischen Fakultät, die vor zehn Jahren ihren Abschluss in Washington machte. Alleine ins Ausland zu reisen, um zu studieren, sei damals für sie als junge Katari und vor allem für ihre Eltern revolutionär gewesen. Heute seien die jungen Frauen von Katar durch ihre bessere Bildung viel selbstsicherer und selbstbewusster. Und nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch in der übrigen Wirtschaft gebe es viele Arbeitsplätze für Frauen. Das westliche Bild der abhängigen und unterdrückten arabischen Frau sei ein Klischee, davon ist al-Maadadi überzeugt. «Es stimmt einfach nicht.» Sie würden von ihren Ehemännern respektiert, die sogar stolz auf die Karriere ihrer Frauen seien. «Wir müssen noch hart arbeiten, um die Vorstellung im Westen über uns arabische Frauen zu korrigieren.» Doch auch die Kataris hätten ihrer Klischeevorstellung über den Westen, meint sie. Viele glauben etwa, dass im Westen «Kinder mit zwölf Jahren schon unabhängig sind und sich um ihre berufliche Zukunft kümmern müssen. Und dass die Familienbeziehungen nicht mehr sicher sind - was für uns in der arabischen Kultur sehr wichtig ist.»

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