Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

Gefangen in einem Kreislauf des Missbrauchs

Tausende ArbeitsmigrantInnen sind in den vergangenen Jahren im Emirat Katar gestorben. Trotz diverser Reformzusagen werden die ArbeiterInnen weiterhin ausgebeutet.

Von Cigdem AkyolMail an AutorIn

Madhu Bollapally liess seine Frau und seinen Sohn 2013 in Indien zurück, um einen Job in Katar anzunehmen. Sie sollten ihn nie wieder sehen. Sein Mitbewohner fand eines Nachts im Jahr 2019 Bollapallys Leiche auf dem Zimmerboden. In seine Sterbeurkunde wurde die Diagnose Herzversagen eingetragen, wie der britische «Guardian» schrieb. Bollapallys Familie kann sich das nicht vorstellen – er sei doch immer gesund gewesen, sagten sie der Zeitung. Auch Mohammad Shahid Miah aus Bangladesch verstarb im vergangenen Jahr in seiner Unterkunft in Katar. Heftiger Regen war in sein Zimmer gesickert. Als Miah auf den nassen Boden trat, erlitt er einen tödlichen Stromschlag.

Bollapally und Miah sind zwei von rund 6500 ArbeitsmigrantInnen, die im Emirat gestorben sind, seitdem das Land vor zehn Jahren den Zuschlag für die Austragung der Fussballweltmeisterschaft erhalten hat; das wurde im Februar durch den «Guardian» enthüllt. Die JournalistInnen stützen sich auf Regierungsdaten. Sie gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Toten sogar deutlich höher ist. Denn gezählt wurden nur die Verstorbenen aus Indien, Pakistan, Nepal, Bangladesch und Sri Lanka – es arbeiteten aber auch Menschen aus anderen Ländern in Katar, etwa von den Philippinen oder aus Kenia. Hinter den 6500 stehen zurückgelassene Familien, die nicht nur einen Angehörigen, sondern oftmals auch ihren Hauptverdiener verloren haben. Meist wird der Tod auf Herz- oder Atemversagen zurückgeführt, für den «Guardian» ein Hinweis darauf, dass die Fälle einfach nicht untersucht worden sind.

Rund zwei Millionen ArbeitsmigrantInnen halten sich derzeit in Katar auf, sie machen laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) 95 Prozent der gesamten Erwerbsbevölkerung des Wüstenstaats aus. Viele arbeiten im Dienstleistungssektor, etwa als Hausangestellte, oder sie bauen die Infrastruktur für die Fussballspiele auf: Hotels, Stadien und Strassen – eine neue Stadt, in der am 18. Dezember 2022 das Weltmeisterschaftsfinale stattfinden soll. Katar setzt die ArbeitsmigrantInnen zudem für den Ausbau der U-Bahn und des Flughafens ein. Den ausländischen ArbeiterInnen stehen 300 000 Kataris gegenüber. MenschenrechtlerInnen vergleichen die Situation mit dem Apartheidsystem, denn die ausländischen ArbeiterInnen haben kaum Rechte.

Kleine Erbmonarchie

Seinen Reichtum verdankt das Emirat Katar vor allem Öl- und Gasreserven, aber auch der systematischen Ausbeutung von ArbeitsmigrantInnen. Geschichten von Misshandlungen, Lohnprellungen, sklavereiähnlichen Zuständen wie etwa der Abnahme der Pässe sind seit Jahrzehnten bekannt. Katar ist eine absolute Monarchie. Der Emir, Tamim bin Hamad al-Thani, hat Legislative und Exekutive inne, es gibt weder ein Parlament noch Gewaltenteilung oder freie Meinungsäusserung. Homosexualität wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Trotzdem erhielt das Königreich 2010 von der Fifa den Zuschlag für die Ausrichtung der Fussballweltmeisterschaft 2022. Bis heute ermitteln Staatsanwaltschaften wegen des Verdachts auf Korruption bei der Vergabe.

Katar verspricht sich durch Sportgrossveranstaltungen einen Imagegewinn. So wurden unter anderem 2018 die Weltmeisterschaft im Turnen und 2019 jene der Leichtathletik dort veranstaltet. Seit 2008 wird an der «Qatar National Vision 2030» gearbeitet, einem Entwicklungsplan, der das Landesimage bis 2030 als sozial, gesellschaftlich und ökonomisch fortschrittlich aufpolieren soll. Aber es geht auch um geopolitische Sicherheit. Denn in Katar ist die Sorge gross, dass der Rivale Saudi-Arabien eines Tages mit seinen Truppen einmarschieren könnte. Seit Jahren gibt es Konflikte zwischen Doha und den Nachbarstaaten, es geht um die regionale Vormachtstellung. So hatten die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Saudi-Arabien 2017 die Beziehungen zu Katar abgebrochen, weil das Land den Terrorismus unterstütze. Erst im Januar wurde die sogenannte Katarkrise beendet – doch Doha will durch eine breite Öffentlichkeit ein Bewusstsein für diese Konflikte schaffen. Kontakte in den Westen sind wichtig, um potenzielle Bündnispartner im Streit gegen die Saudis zu gewinnen.

Herzversagen aus Wassermangel

Alle PR-Bemühungen konnten aber nicht über die anhaltenden Menschenrechtsverletzungen hinwegtäuschen. Vor allem die Fussballweltmeisterschaft lenkte das Augenmerk auf die prekäre Situation der ArbeitsmigrantInnen. Nach anhaltender Kritik aus dem Ausland wurden verschiedene Versprechen abgegeben, und im August vergangenen Jahres wurde ein Gesetz verabschiedet, um das sogenannte Kafala-System zu beenden. Dieses gewährt Unternehmen umfassende, unkontrollierte Macht über die ausländischen MitarbeiterInnen. Nach den neuen Gesetzen sollen ArbeitsmigrantInnen nicht mehr wie Eigentum behandelt werden können, sie brauchen nun keine Erlaubnis ihres Arbeitgebers mehr, um die Stelle zu wechseln oder ausreisen zu dürfen. Zudem wurde ein Mindestlohn festgelegt, der auch für ausländische ArbeiterInnen gilt. Laut Menschenrechtsorganisationen würden viele ArbeiterInnen nach langen Schichten an Herzversagen sterben, weil sie mit wenig Trinkwasser und unzureichenden Lebensmitteln bei Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius schuften müssen. Andere verletzten sich tödlich auf ungesicherten Baustellen.

Eine Untersuchung von HRW kam im vergangenen Jahr zum Ergebnis, dass die neuen Gesetze nicht eingehalten werden und die Firmen immer noch zu viel Macht über die ArbeiterInnen haben. Die Organisation mahnte an, dass die Menschenrechtsverletzungen sich seit Ausbruch der Coronapandemie gar verschärft hätten. «Einige Arbeitgeber nutzten die Pandemie als Vorwand, um Löhne einzubehalten, oder sie weigern sich, ausstehende Löhne an inhaftierte und zwangsrückgeführte Arbeitnehmer auszuzahlen», schreibt die Organisation.

Noch immer könnten sich ArbeitsmigrantInnen kaum vor Gericht wehren, kritisiert auch May Romanos, Expertin für die Rechte von MigrantInnen in den Golfstaaten bei Amnesty International. «Ausserdem kommen sie oft verschuldet nach Katar, nachdem sie hohe Gebühren an Jobvermittler bezahlen mussten. Deswegen sind sie in einem Kreislauf des Missbrauchs gefangen.» Die Betroffenen stünden unter Druck, ihre Schulden zurückzuzahlen. Viele arbeiteten monatelang gratis – immer unter dem Versprechen, in Kürze Lohn zu bekommen. Auch der Vater des an einem Stromschlag verstorbenen Mohammad Shahid Miah berichtete dem «Guardian», dass sein Sohn einem Personalvermittler über 3500 Pfund bezahlt habe, um einen Job in Katar zu bekommen. Diese Schulden werden nun an seine Eltern weitergegeben.

Inzwischen gibt es erste Warnzeichen dafür, dass die eingeleiteten Reformen wieder rückgängig gemacht werden könnten. Denn Ende Februar gab der sogenannte Schura-Rat, die stark unter der Kontrolle des Emirs stehende beratende Versammlung, Empfehlungen ab, die darauf abzielen, die erst neu eingeführten Rechte der ArbeitsmigrantInnen wieder aufzuheben. «Wenn diese Empfehlungen akzeptiert werden, würde ein Grossteil der Fortschritte, die Katar bisher erzielt hat, wieder rückgängig gemacht werden», fürchtet Romanos. «Das Kafala-System würde in seiner ganzen Hässlichkeit wiederbelebt werden.»

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