Nr. 30/2008 vom 24.07.2008

Visionär, Diktator und Fan

Der Präsident des FC Sion ist eine schillernde Persönlichkeit. KritikerInnen sagen, er sei ein grössenwahnsinniger Diktator. Dabei will Constantin bloss ein wenig Geld verdienen. Zu Besuch im Hauptquartier.

Von Christian Trunz und Carlos Hanimann

Riddes, ein kleines Kaff im Unterwallis zwischen Sion und Martigny mit 2500 EinwohnerInnen. Ein Ort, an dem man nichts verloren hat, ausser man will ins Priesterseminar von Ecône. Hier will Christian Constantin, Präsident des FC Sion, einen Megakomplex bauen: Fünfzehn Prozent davon beansprucht ein neues Fussballstadion, der Rest ist Einkaufszentrum.

Alles ist geplant und vorbereitet - «mit direktem Autobahnanschluss, einem ausgeklügelten Einbahnstrassensystem und einer Hochseilbahn direkt ins Skigebiet La Tzoumaz», wie Lars Gansäuer begeistert erklärt. Gansäuer ist Assistent der sportlichen Leitung und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des FC Sion. Die Verantwortlichen des Fussballklubs sind überzeugt, dass das Stadion in drei bis vier Jahren bezugsbereit ist - auch wenn sich das Priesterseminar vor einem allfälligen Sexshop im Einkaufszentrum fürchtet. «Dem Projekt steht nichts im Wege. Die ersten Einsprachen waren ja gratis. Da konnte jeder sagen, was ihm passt und was nicht. Aber von nun an kostet jede weitere Einsprache 25 000 Franken. Glauben Sie etwa, in dem Dorf hat jemand 25 000 Franken?»

Der Mann im Hintergrund

Wenn RomantikerInnen von Fussball schwärmen, dann sprechen sie von Leidenschaft, von Tradition, von Ehre und von ihren Klubfarben. Sie nennen Fussball die wichtigste Nebensache der Welt. Doch Fussball ist heute vor allem auch ein knallhartes Geschäft. Wer verliert, erntet Schmäh und Schande, wer gewinnt, kassiert Millionen - sogar in der beschaulichen Schweiz.

Das vergisst man leicht, wenn man die Gäste auf der Terrasse des Hotels Porte d'Octodure in Martigny beobachtet: Frédéric Chassot, der ehemalige Flügelstürmer, zündet sich eine Zigarette an; Alberto Bigon, der entlassene Trainer, schlurft durch die Lobby; und ein übergewichtiger Mann sitzt den ganzen Tag in einem Stuhl, raucht, liest Zeitungen und schüttelt allen, die vorbeigehen, die Hand. Kein Zufall, hier alle Grössen, Exgrössen und möglicherweise heimlichen Drahtzieher des Klubs zu treffen: Im Hotel Porte d'Octodure, das im kleinen Tal liegt, das von der Rhône weg Richtung Grosser Sankt Bernhard führt und den Charme eines Mallorca-Mittelklassehotels im Landesinnern besitzt, hat der FC Sion sein Hauptquartier.

Dann geht ein dunkelhaariger Mann in elegantem Anzug vorbei, der wichtig zu sein scheint. Lars Gansäuer erklärt: «Das ist Generaldirektor Domenicangelo Massimo. Wenn wir Geld brauchen, dann macht er drei Telefonate - und zack sind wieder 10 000 Franken in der Kasse.» Domenicangelo Massimo ist beim FC Sion der Mann im Hintergrund, derjenige, der wichtige Sponsorengelder holt. Im Rampenlicht steht ein anderer, ein hochgewachsener, gebräunter Mann mit gefärbtem schwarzem Haar, den man auf Fotos fast nur mit grosser, dunkler Sonnenbrille sieht: Christian Constantin, in Fussballkreisen nur CC genannt, der Präsident und Patron des Sittener Fussballklubs.

Der Spekulant

Christian Constantin ist Underdog, Hochbauzeichner, Visionär, Spekulant, Retter, Geschäftsmann, Investor, Diktator und er ist Fan, wohl der grösste des FC Sion - und vielleicht wird ihm das einmal zum Verhängnis. Wieder einmal. 1992, als der FC Sion zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte Schweizer Meister wurde, begann CC davon zu träumen, den FC Sion zu den acht besten Mannschaften Europas aufsteigen zu sehen.

In der darauffolgenden Saison spielte Sion in der ersten Qualifikationsrunde der Champions League gegen den portugiesischen Meister FC Porto und schied aus. Von 1995 bis 1997 gewannen die Walliser dreimal in Folge den Schweizer Cup, 1997 gelang ihnen sogar das Double, der Gewinn von Cup und Meisterschaft. Obwohl die Mannschaft hochkarätig besetzt war, schaffte sie es wieder nicht in die Champions League. Die ausbleibenden Millioneneinnahmen rissen ein Loch in die Klubkasse.

Hinzu kam das für viele Klubs verhängnisvolle Bosmann-Urteil, nach welchem die Spieler mit auslaufenden Verträgen ablösefrei zu anderen Klubs wechseln konnten. Der Geldwert der Spieler, der im Budget des Vereins fest eingerechnet war, löste sich in Luft auf: 13,4 Million Franken Schulden waren das Resultat. Constantin trat unter Schimpf, Schande und Anklagen zurück. Die Stadt Sion verlor 900 000 Franken. Das Verfahren gegen Constantin wegen unrechtmässiger Bereicherung musste mangels Beweisen eingestellt werden. 1999 stieg der FC Sion für eine Saison in die Nationalliga B ab.

Der Retter und Feind

Unter dem neuen Präsidenten Gilbert Kadji, einem kamerunischen Bierbrauer, gerieten die Walliser erneut in finanzielle Schieflage. 2003 verbannte die Swiss Football League (SFL) den FC Sion sogar in die erste Liga. Constantin kam zurück, übernahm das Präsidentenamt, prozessierte gegen die SFL und gewann schliesslich vor Bundesgericht: Der FC Sion startete mit mehrmonatiger Verspätung in der Nationalliga B, und die meisten im Wallis vergaben Constantin die früheren Sünden. Die SFL aber konnte diese Niederlage nie verkraften und führt seither einen Kampf gegen Constantin. Dieser wiederum fand nun Freude an Einsprachen und Klagen und fechtet inzwischen regelmässig Entscheide der Liga an. Damit macht sich Constantin beim Fussballverband nicht sonderlich beliebt. Und im katholischen Sion hat man es bis heute nicht verdaut, dass man fast eine Million verloren hatte, nachdem sich Constantin, der Klubpräsident aus dem freisinnigen Martigny, verspekuliert hatte.

Jetzt stürmt er ins Büro, grüsst die wartenden Journalisten kurz, ohne ihnen in die Augen zu schauen, und lässt sich dann in einen Sessel plumpsen. «Wie heisst du?», fragt er. Constantin duzt alle, immer.

WOZ: Monsieur Constantin, haben Sie viele Feinde?

Christian Constantin: Feinde? Ich weiss nicht, ich kenne keine. Kennst du welche?

Zum Beispiel François Mudry, den Stadtpräsidenten von Sion.

Ah, Mudry. Den kenne ich gar nicht. In meinem ganzen Leben habe ich vielleicht zehn Minuten mit ihm gesprochen. Wir sagen uns Hallo, mehr nicht. Der hat keine Bedeutung für mich.

Mudry ist CVP-Politiker, Sie stammen aus dem traditionell freisinnigen Martigny, wie Pascal Couchepin ...

Nun ja, das ist eine ganz andere Geschichte. Martigny und Sion, da gibt es eine alte Rivalität. Aber was soll ich sagen? Vor 200 Jahren haben sie einander noch die Köpfe eingeschlagen, Kriege geführt.

Viele Journalisten sind Ihnen nicht gerade freundlich gesinnt.

Weisst du was? «Je m'en fous» - das interessiert mich nicht. Ich lese keine Zeitungen. Je älter Sportjournalisten werden, desto frustrierter sind sie. Schau dir doch das Fussballgeschäft an, alle verdienen immer mehr, bei allen geht es aufwärts. Nur die Sportjournalisten treten an derselben Stelle, verdienen immer noch gleich viel. Vielleicht sind sie einfach neidisch, weil sie stagnieren und wir nicht.

Haben Sie eigentlich auch Freunde?

Kürzlich habe ich der «Coopzeitung» ein Interview gegeben. Die haben dann eine Umfrage gemacht: Mögen Sie Christian Constantin, ja oder nein? Und weisst du was? Die Frauen haben gesagt, sie mögen mich - und die Männer haben gesagt, sie mögen mich nicht. Im Ernst! Sind die vielleicht neidisch auf mich? Weil ich Fussballpräsident bin? Weil ich einen Ferrari fahre? Ich weiss es nicht.

Sie fahren einen Ferrari?

Ja, ja, einen Ferrari, keine Ahnung, wie der heisst. Einfach den neusten, den es gibt. Ich habe immer den neusten. Irgendwie gehöre ich zu den drei oder vier ersten in der Schweiz, die einen erhalten.

Die kleinen Schweizer Fussballklubs erinnern in ihrem Aufbau und der Professionalität an einen lokalen Gewerbeverein. Und die grossen Klubs unterscheiden sich lediglich im medialen Trommeln von den kleinen, wenn etwa der FC Zürich oder der FC Basel, die beiden erfolgreichsten Klubs der letzten Jahre, jeden Sommer dasselbe Theater aufführen und sich darüber beklagen, dass ihnen die besten Spieler von ausländischen Vereinen abgeluchst werden.

Ganz anders der FC Sion. Während andere Vereine jede Saison darum bangen, ihre besten Spieler halten zu können, hofft der FC Sion, seinen Topstürmer Álvaro Saborío möglichst bald verkaufen zu können. Constantins Verein ist wohl der einzige in der Schweiz, der die Möglichkeiten des Schweizer Fussballs erkannt hat. Die Super League ist zu finanzschwach, um mit den grossen europäischen Ligen mithalten zu können. Aber sie ist ein Schaufenster, ein Durchlauferhitzer für Spieler, die später den Durchbruch in eine grosse Liga schaffen könnten.

Der Investor

In England etwa kann auch ein Zweitligist problemlos fünf Millionen Franken für einen guten Super-League-Spieler hinblättern. Constantin kauft Spieler billig in Afrika, Südamerika oder Osteuropa, lässt sie in der Super-League spielen, wo sie auch von ausländischen Scouts wahrgenommen werden, und verkauft sie danach teuer ins Ausland. Wer in der Schweiz gut spielt, viele Tore schiesst, erreicht schnell einen Marktwert, der die Hälfte eines Schweizer Vereinsbudgets ausmachen kann: Der FC Basel verkaufte Matias Delgado für rund sieben Millionen Franken in die Türkei, der FC Sion erhielt zehn Millionen für den Transfer von Gelson Fernandes zu Manchester City. Von den «rund 22 Millionen Franken Jahresbudget des FC Sion» (Constantin) waren also fast die Hälfte durch den Fernandes-Deal gedeckt. Auch diesen Sommer hofft der Klub, drei bis vier Spieler für zehn Millionen verkaufen zu können.

Nur so kann Christian Constantin vermeiden, dass er eigenes Geld («normalerweise 1,5 bis 2 Millionen Franken jährlich») in den Klub pumpen muss. Die Trennung zwischen Verein, Constantin und seiner Architekturfirma ist fliessend. Sein Architekturbüro setzt im Jahr 270 Millionen Franken um, der FC Sion ist eine Nebentätigkeit in Constantins Imperium. Wenn der Klub Geld benötigt, um einen Spieler zu kaufen, springt der Patron ein; wird ein Spieler verkauft, holt sich Constantin seine Darlehen an den Verein zurück. Wohl deshalb ist der FC Sion strukturell einer der professionellsten Vereine der Schweiz: Im Wallis ist der Fussball eine kühle Kosten-Nutzen-Rechnung. Christian Constantin ist Investor, der FC Sion die Investmentbank - und sein Geld steckt Constantin in eine Hochrisikoanlage: Fussballspieler.

Wenn ein Stürmer wie Saborío, der wichtigste Stürmer des Vereins, diesen Sommer den Klub verlassen sollte, vergiesst Constantin keine Träne. Saboríos Verkauf und die damit verbundenen Einnahmen (geschätzte drei bis vier Millionen Franken) sind Teil des Systems Constantin. In dem dieser, so KritikerInnen, sich wie ein Diktator aufführe. Im System Constantin zählen nur Resultate: Wer Schwäche zeigt, wird trotz laufendem Vertrag abgeschoben. Dementsprechend lang ist die Lohnliste ehemaliger Angestellter ohne Funktion. In den letzten vierzehn Jahren entliess er 24 Trainer. Der letzte entmachtete Trainer, Alberto Bigon, der einst mit Maradona in Neapel italienischer Meister wurde, besucht an der Migros-Klubschule in Martigny den Kurs «Office-Programme für Anfänger» - mit dem bisherigen Cheftrainerlohn. Constantin sagte einmal, nicht er entlasse Trainer und Spieler, sondern der Totomat.

Das System Constantin verfügt trotz ständig neuer Ferraris, zig entlassenen Trainern und seltsamen Transfers wie etwa dem kürzlich getätigten Kauf des 35-jährigen ägyptischen Nationaltorwarts Essam el-Hadary inzwischen über eine gewisse Rationalität. Während Constantin in seiner ersten Präsidentschaft einen Hang zum Grössenwahnsinn hatte und davon fantasierte, mit den Grossen Europas in einer Liga spielen zu können, denkt er heute in Finanzfragen eher rational und scheint sich mit der Rolle als Zwischenhändler abgefunden zu haben. Momentan. Vielleicht wird das aber eines Tages auch wieder ganz anders. Denn kaum ein Klubpräsident in der Schweiz ist derart fussballverrückt wie Constantin. Damit sorgt er immer wieder auch für unschöne Schlagzeilen. Im Dezember 2004 soll er in Kriens einem Schiedsrichter ein Bein gestellt haben - der Fall ist inzwischen vor Bundesgericht gelandet.

Und dann wieder andersrum: Constantin, der Emotionale, der Greifbare, der Sympathieträger. Als vor zwei Jahren der Brasilianer Paolo Vogt kurz vor Schluss das vorentscheidende 2:0 für den Aufstieg des FC Sion in die Super League erzielte, zog sich Christian Constantin in die Katakomben zurück. Er stand dort ganz allein, während auf dem Platz Spieler, Fans und Funktionäre jubelten. Er streifte sich seine grosse, schwarze Sonnenbrille vom Gesicht und kniff sich die Augen. Ein Betreuer, der ihm wegen des sonderbaren Abgangs gefolgt war, ging auf ihn zu und fragte: «Was ist los?» Constantin drehte sich um, legte die Arme um den Betreuer, drückte ihn und begann zu weinen.

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