Nr. 29/2019 vom 18.07.2019

Gamblen und herrschen Eine Hassliebe verbindet 
die Fussballfans in der 
ganzen Schweiz mit ihren Vereinen. Denn sie wissen: 
Dem sportlichen Erfolg 
sind enge ökonomische Grenzen gesetzt. Und meist sind ihre Klubs abhängig 
von privaten GeldgeberInnen. Ein Blick nach Zürich, 
ins Wallis und ins Tessin 
zeigt die Auswüchse 
eines schummrigen Verlust­geschäfts.

Text: Raphael AlbisserMail an Autor:in und Sarah Schmalz
; Fotos: Tamara Janes

Die Super League wirkt wie ein fortwährendes Drama mit eingespielter Regie. Irgendwo ist es immer «gewaltig am Brodeln», will jemand in aller Öffentlichkeit «schmutzige Wäsche waschen», folgt garantiert bald «der nächste Knall». Nervosität und Querelen lassen nie lange auf sich warten, wenn eine Mannschaft unter den Erwartungen bleibt. Verlässlich sorgt eine eitle Männerriege aus Klubpräsidenten, Sportchefs, Investoren und Trainern für jenes Schlagzeilenmaterial, das eine ebenso eitle Sportjournalistengilde dankend verwertet.

In diesem Sommer fiel die Schlammschlacht in der höchsten Fussballliga des Landes etwas heftiger aus als sonst, wohl weil sie vor allem bei zwei Vereinen mit grossen Namen losging: beim FC Basel, Serienmeister, der plötzlich nur noch Zweiter wird. Und natürlich beim Grasshopper Club Zürich, Rekordmeister, Absteiger. Als das Schicksal von GC bei der Auswärtsniederlage in Luzern im Mai endgültig besiegelt war, titelte der «Blick», der Verein befinde sich «in Geiselhaft der Chaoten». Gemeint waren die Handvoll Fans, die beim Stand von 0 : 4 die Spielfeldumrandung betreten und einen Abbruch der Partie erzwungen hatten. Sie offenbarten einigermassen sadistische Gelüste, als sie von den GC-Spielern die ultimative Selbstdemütigung forderten: ihrer Trikots und Hosen entledigt in Unterwäsche über den Rasen zu kriechen. Die Spieler kamen der Forderung zum Glück nicht nach, und mittlerweile sind ohnehin die meisten von ihnen weg.

Der Exodus trifft indes nicht nur die erste Mannschaft. Ende Juni hatte GC keinen Präsidenten, keinen Sportchef, keinen CEO. Auch viele langjährige Angestellte haben das sinkende Schiff verlassen: Staff-Mitarbeiter, Leute aus dem Trainerstab und dem Marketing, der Materialchef. Über Monate tritt die ganze Tragödie eines Vereins zutage, der seinem Selbstverständnis nach ein ganz grosser ist, «eine Institution, hey!», tatsächlich aber vor aller Augen auseinanderfällt. Zwar will sich niemand in der WOZ zitieren lassen, aber hinter vorgehaltener Hand machen Verdächtigungen die Runde, die erodierte Vereinsstrukturen erkennen lassen: Die Buchhaltung sei manipuliert worden, und die Revisionsfirma BDO habe nicht unabhängig gearbeitet – die Beschuldigten weisen alle Vorwürfe zurück. Den krassesten Verdacht äusserte Expräsident Stephan Rietiker im «Blick»: Er unterstellt dem ehemaligen Verwaltungsratsmitglied Georges Perego, sich an Transfergeschäften bereichert zu haben. «Das werde ich in keiner Art und Weise kommentieren», sagt dieser dazu.

Das Scheitern von GC ruft in der Fussballschweiz ein gehöriges Mass an Schadenfreude hervor, zeigt gleichzeitig aber auch beispielhaft, unter welchen Sachzwängen die Super League steht. Denn mit dem sportlichen geht für die Klubs auch ein gewaltiger finanzieller Druck einher. Wirtschaftlich konkurrieren sie mit einem irrwitzig aufgeblähten internationalen Markt: um Spieler, denen etwa in Deutschland mindestens das Doppelte, in England ein Vielfaches eines gängigen Schweizer Fussballergehalts angeboten wird. Um talentierte Nachwuchsspieler, die schon in jungen Jahren von Spieleragenten aus dem Ausland kontaktiert werden. Und natürlich um ZuschauerInnen, die auf Bezahlfernsehsendern jederzeit zu den attraktivsten Spielen der grossen europäischen Ligen zappen können. «Der Schweizer Fussball ist in einer schwachen bis sehr schwachen Position», sagt Georg Heitz, bis vor zwei Jahren Sportchef des FC Basel und heute Mitbetreiber einer Sportberatungsfirma. «Um überleben zu können, müssen die Vereine grosse finanzielle Risiken eingehen.»

Diese schwache Position macht die Klubs abhängig von finanzkräftigen Einzelpersonen. Aussuchen kann man sich diese nicht – und wer bezahlt, will gewöhnlich auch etwas zu sagen haben. In den Fankurven fragt man sich deshalb nicht ohne Grund: Wer ist hier eigentlich in wessen Geiselhaft? Um die Abhängigkeitsverhältnisse in der Super League zu verstehen, lohnt es sich, die Finanzierung des Fussballbetriebs in den Blick zu nehmen.

Das grosse Defizit

Die Super League ist ein eigenartiges wirtschaftliches Ökosystem. Es als Ganzes zu erfassen, ist nicht einfach, denn es herrscht wenig Transparenz: Lediglich vier der zehn Vereine, die in der vergangenen Saison in der höchsten Schweizer Liga spielten, legten zuletzt detaillierte Geschäftsberichte vor. In diesem Frühling haben fünf weitere erstmals ein Minimum an Finanzkennzahlen veröffentlicht, weil sie die Uefa (der europäische Fussballverband, der die internationalen Wettbewerbe Champions League und Europa League betreibt) im Rahmen ihrer Lizenzvergabe neuerdings dazu verpflichtet. Die entsprechenden Zahlen von GC, die nur für kurze Zeit auf der Vereinswebsite auftauchten, waren aber offensichtlich fehlerhaft. Und Neuchâtel Xamax, das keine internationalen Ambitionen hegt, verzichtete auf eine Uefa-Lizenz und deshalb auch auf die Offenlegung seiner Kennzahlen.

Auf Basis der verfügbaren Zahlen hat die WOZ eine Gesamtübersicht über die Geldströme erstellt, mit denen die Super-League-Vereine den Spielbetrieb im Zeitraum eines Jahres finanzieren (vgl. Infografik «Ein Jahr Super League: Eine Schätzung»). Weil sich die ausgewiesenen Zahlen der Klubs auf unterschiedliche Zeitspannen beziehen, wird keine spezifische, sondern eine mögliche Super-League-Saison dargestellt. Wo offizielle Angaben fehlen, wurden unter Berücksichtigung medial kolportierter Zahlen und in Anlehnung an verfügbare Geschäftsberichte Annahmen getroffen.

Die Einnahmen, die einem Gesamtaufwand von fast 330 Millionen Franken gegenüberstehen, lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Auf der einen Seite stehen die Einnahmen aus dem, was man als Kerngeschäft der Vereine bezeichnen könnte: dem Veranstalten von Fussballspielen. Darunter fallen Ticketverkäufe, Einkünfte aus Catering und VIP-Angeboten, Sponsoring und Werbung sowie die Vergabe von TV-Rechten. Doch die Klubs geben viel mehr Geld aus, als die Einnahmen aus dem Kerngeschäft zulassen – diese Differenz lässt sich als strukturelles Defizit bezeichnen. Diesem begegnen sie mit volatilen Einnahmen aus dem spekulativen Teil des Fussballgeschäfts – vor allem mit Profiten aus dem Transfermarkt sowie Antrittsgagen und Punkteprämien aus den Uefa-Wettbewerben. Bleiben diese Einnahmen unter Budget, muss das Geld anderswo herkommen. Auch wenn dies nirgends deutlich ausgewiesen wird, sind es im Normalfall private Zuwendungen, mit denen die Löcher gestopft werden.

In der WOZ-Aufstellung beträgt das strukturelle Defizit der ganzen Liga rund 130 Millionen Franken. Der grösste Teil davon betrifft mit dem BSC Young Boys und dem FC Basel die beiden Grossen der Super League: Aufgrund ihrer Vormachtstellung haben sie direkten Zugang zum internationalen Geschäft. So wird ihr Budget aufgeblasen durch riesige Summen in Form von Einnahmen aus den Uefa-Wettbewerben und Transfergewinnen – schätzungsweise über 90 Millionen Franken in einem Jahr. Die übrigen acht Vereine kommen zusammen auf einen Betrag zwischen 20 und 30 Millionen.

Das Geld, das auf diesem Weg in die hiesige Liga schwappt, stammt aus einem irrwitzig aufgeblähten europäischen Markt. Laut dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte haben die zwanzig grössten Vereine Europas in der Saison 2017/18 einen Umsatz von insgesamt über 9 Milliarden Franken erzielt. Der grösste Teil dieses Geldes stammt einerseits aus TV-Übertragungsrechten, die die Klubs rund um den Erdball vermarkten – allein an die Vereine der englischen Premier League werden derzeit jährlich über 2,5 Milliarden ausgeschüttet –, andererseits aus dem Sponsoring: Sechs der zwanzig reichsten Klubs in Europa tragen das Logo von nahöstlichen Fluggesellschaften auf dem Trikot, vier bewerben Firmen aus der Autobranche, drei Sportwettenanbieter sind auch darunter. Längst pumpen nicht mehr nur Grosskonzerne Geld ins Fussballgeschäft, auch Länder wie Katar wollen die Fussballbühne zur Imagepolitur nutzen. Regelmässig kommen im Rahmen der sogenannten Football Leaks schmutzige Details aus dem Fussballzirkus ans Tageslicht.

Von diesen Kapitalströmen findet zwar bloss ein sehr kleiner Teil den Weg in die Schweizer «Gurkenliga», wie manch ein Stehplatzfan die Super League halb liebevoll, halb verdrossen nennt. Doch wenn YB allein für die Teilnahme in der Champions League fast 30 Millionen Franken einnimmt, dann übersteigt das bereits die Gesamtbudgets fast aller Ligakonkurrenten. Einzig der FC Basel, der die Liga fast ein Jahrzehnt lang in allen Belangen dominierte, leistet sich derzeit ein noch grösseres Budget als YB – muss aber nach zwei verpassten Meistertiteln und einem Jahr ohne Teilnahme an einem Uefa-Wettbewerb bereits seine finanziellen Reserven anzapfen. Seit dem letzten Meistertitel hat der FC Basel für über 50 Millionen Franken Spieler ins Ausland verkauft. Gerüchtehalber soll Präsident und Hauptaktionär Bernhard Burgener ausserdem auf der Suche nach neuen InvestorInnen sein.

Spekulieren oder Abstiegskampf

Dennoch scheint die Lücke zu den beiden Spitzenreitern für die übrigen Klubs so unüberbrückbar wie noch nie, ähnlich wie in vielen europäischen Topligen. Vor zwölf Jahren gewann mit dem FC Zürich letztmals ein anderer Verein den Titel. Seit fünf Jahren machen der FC Basel und YB die Meisterschaft unter sich aus. Betrug der Vorsprung des Zweit- auf den Drittplatzierten vor vier Jahren bei Saisonende noch 13 Punkte, waren es in diesem Jahr 25. In der letzten Saison wurde YB mit 20 Punkten Vorsprung auf den FC Basel Meister und holte beinahe doppelt so viele Punkte wie der drittplatzierte FC Lugano. Dieser wird nun in der Europa League spielen und damit wie vor zwei Jahren einen Grossteil seines Defizits stopfen. Glück gehabt. Andernfalls hätte wohl Präsident Angelo Renzetti einspringen müssen, wieder einmal.

Der Grossteil der Klubs befindet sich in einem ökonomischen Dilemma. Wer das strukturelle Defizit niedrig hält, akzeptiert seine Rolle in der Nahrungskette der Liga und spielt nicht um den Meistertitel, sondern in erster Linie gegen den Abstieg. Musterschüler ist dabei seit jeher der FC Thun. Seit Jahren überlebt er vor allem deshalb in der Super League, weil er regelmässig seine besten Spieler an die Konkurrenz verscherbelt. Aber auch beim FC Luzern und beim FC St. Gallen, deren Vereinsführungen immer wieder für Chaos sorgten, scheint aktuell zumindest finanzielle Stabilität zu herrschen – im Fall von Luzern jedenfalls so lange, wie die Investoren nicht verlangen, dass der FCL ihre Darlehen zurückzahlt. Und die Klubleitung von Neuchâtel Xamax hat verkündet, diesen Sommer erst gar kein Geld auf dem Transfermarkt auszugeben.

Andere Klubs gehen hingegen beträchtliche finanzielle Risiken ein, um zumindest davon träumen zu können, vorne mitzuspielen und an den Uefa-Millionen mitzuverdienen: neben dem abgestiegenen GC und dem FC Lugano auch der FC Zürich und der FC Sion, deren jährlicher Kostenaufwand mit dem Kerngeschäft nicht annähernd zu decken ist. Die Vereine brauchen GönnerInnen, die über Jahre kräftig investieren, und zwar ohne realistische Aussicht darauf, das eingeschossene Geld jemals wiederzusehen. So haben es einst auch die Pharmamilliardärin Gigi Oeri beim FC Basel und die Hörgerätemilliardäre Andy und Hans-Ueli Rihs beim BSC Young Boys gemacht, die ihren Vereinen mit jeweils Dutzenden Millionen den Sprung an die Ligaspitze ermöglichten. Rückblickend lässt sich ihr Engagement als Anschubfinanzierung betrachten.

Mit Geld allein ist der Erfolg jedoch auch in der Super League nicht zu haben. Die Canepas – mutmasslich vor allem Ehefrau Heliane, die ihr Vermögen mit Medizinaltechnik gemacht hat – haben schon viele Millionen in den FC Zürich gesteckt, mit überschaubarem Erfolg. Umso ausgelieferter müssen sich die Fans jener Vereine fühlen, bei denen die GeldgeberInnen weniger mit Sachverstand als vielmehr durch Geltungsdrang und Machtgelüste auffallen. Bei manchen Klubs sind es vor allem Leute aus dem Bau- und Immobiliengewerbe, die sich als Mitinhaber in den Verwaltungsräten tummeln. Zum Beispiel in St. Gallen und Luzern, wo sich manch ein Investor versprechen dürfte, durch einen Platz in der VIP-Loge seinen Einfluss in den lokalen Gewerblernetzwerken etwas auszuweiten.

Was sich hingegen jene Millionäre erhofften, die sich über die Jahre Machtpositionen bei GC erkauften, lässt sich nur erahnen. Die Intrigen, die Misswirtschaft, der offenkundige Dilettantismus im vermeintlichen Nobelklub: Vielleicht sind das logische Begleiterscheinungen in einem Betrieb, der am Leben erhalten wird, obwohl er weit an der Realität vorbeiwirtschaftet. Das Zürcher Publikum will GC schon lange nicht mehr beim Fussballspielen zuschauen. Im Schnitt etwa 6000 BesucherInnen kamen in den letzten fünf Jahren an die Heimspiele, und wenn nicht gerade Stadtderby war und auch der Gast nicht viele Fans mitbrachte, fanden sich oft bloss um die 4000 ZuschauerInnen auf den weitläufigen Rängen des Letzigrunds.

Ähnlich wenig Publikumsinteresse ziehen in der Liga der FC Thun und Neuchâtel Xamax auf sich; deren Jahresbudgets sind aber über 10 Millionen Franken kleiner als jenes, das sich GC über Jahre hinweg gönnte. Hätte der Verein die Gesamtausgaben der letzten Saison allein mit dem Ticketverkauf finanziert, hätte ein Stadioneintritt fast 190 Franken kosten müssen. Und auch auf dem Transfermarkt macht der Klub nicht das grosse Geld, obwohl er kräftig mitmischt: Über 150 Transfers hat GC in den letzten fünf Jahren getätigt und dabei gemäss Schätzungen sogar etwas über 20 Millionen Franken Gewinn gemacht. Gelohnt hat sich diese Transferpolitik dennoch nicht, denn die Löhne der zeitweise fast vierzig Spieler im Kader dürften den Profit rasch wieder aufgefressen haben. War es der naive Glaube, die Spieler mit gewaltigem Profit weiterverkaufen zu können? Oder hat tatsächlich jemand unredlich daran verdient? Jedenfalls wurde GC seit dem letzten Meistertitel im Jahr 2003 von einer ganzen Reihe von Präsidenten und Geldgebern geführt, die Aberdutzende Millionen einschossen. Das Geld kam aus dem Bankenwesen, der Pharma- und Nahrungsmittelindustrie, der Luftfahrt, dem Autohandel, der Bau- und Immobilienbranche. Erfolgreich eingesetzt wurde es selten.

Mittlerweile fällt es offensichtlich nicht mehr so leicht wie einst, das Defizit zu decken. Als der Verein in den achtziger und neunziger Jahren die grössten Erfolge feierte, habe man beim elitären Unterstützerverein «Donnerstags-Club» jeweils ein Geldkörbchen herumgehen lassen, wenn GC einen neuen Spieler verpflichten wollte – so der Mythos. Seit der Erfolg ausbleibt und die Strukturen im und um den Verein bröckeln, lässt sich das Image des Edelvereins nicht mehr glaubwürdig verkaufen. Insider beklagen, dass kaum mehr jemand Geld springen lasse, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.

Risikokapital

Aufzugehen scheint die Rechnung hingegen bei Christian Constantin, Präsident des FC Sion. Er ist nicht nur Alleinherrscher über seinen Klub, sondern nutzt diesen auch dafür, ausserhalb des Stadions Einfluss zu gewinnen. «CC» ist ein Gambler, der schon ungezählte Millionen in die Transfergeschäfte seines Klubs gesteckt hat, als wäre es eine Lotterie. Sein letzter Coup heisst Matheus Cunha: Der mittlerweile zwanzigjährige Brasilianer spielte nur eine Saison lang für den FC Sion, dann verkaufte ihn Constantin für geschätzt knapp 17 Millionen Franken an den Red-Bull-Verein von Leipzig – womit Cunha der fünftteuerste je getätigte Transfer aus der Super League wäre. CC hatte den damals völlig unbekannten Stürmer aus dem Nachwuchs eines brasilianischen Zweitligaklubs geholt. Das Kader des FC Sion umfasst stets zwischen dreissig und vierzig Fussballer. Constantin verpflichtet sie für vier, fünf Jahre, weil das bei einem allfälligen Verkauf höhere Ablösesummen einbringt. Die Nieten sind einkalkuliert.

Diese Strategie kann Constantin verfolgen, weil er bereit ist, sehr viel Risikokapital einzuschiessen. Die «Bilanz» schätzt sein Vermögen auf 275 Millionen Franken, er selbst beziffert es auf 1,6 Milliarden. Sein Imperium ist auf einer unschönen Geschichte gebaut, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Sie beginnt mit dem ersten Bauprojekt, das der damals 25-jährige ehemalige Goalie nach seiner Lehre als Hochbauzeichner verwirklichte, auf einem Grundstück an der Autobahnausfahrt von Martigny. Dort steht heute die Porte d’Octodure, ein Komplex mit Hotel, Restaurant, Wellnesseinrichtungen und Kongressräumen.

Constantins damaliger Projektpartner, der Bauingenieur André Couturier, hatte noch vor der Fertigstellung Selbstmord begangen. Steigende Projektkosten brachten den jungen Baulöwen Constantin zu diesem Zeitpunkt enorm unter Druck, weshalb er Demeter Couturier, die Ehefrau des Verstorbenen, davon überzeugte, ihm als Darlehen die Lebensversicherung ihres Mannes wie auch dessen Parzelle des Baulands zu überlassen. Das Geld – insgesamt eine Million Franken – hat er aber nie zurückbezahlt. Sein Kniff: Er liess die Witwe einen Vertrag unterschreiben, der eine Zurückzahlung bei «positiver Entwicklung» des Hotels garantierte. Offiziell schreibt das Hotel bis heute rote Zahlen, Gewinn wirft nur der Rest der Porte d’Octodure ab.

Die Journalistin Camille Krafft, die für ein preisgekröntes Porträt des Walliser Fussballkönigs mit den Töchtern der mittlerweile ebenfalls verstorbenen Witwe sprach, sagt: «Ich habe bei meiner Recherche Constantins zweites Gesicht kennengelernt.» Zuvor habe sie nur CC den Clown gekannt. Den Unterhalter, der einmal im Jahr die gesamte Walliser Prominenz zu seiner Sauerkrautgala lädt. Dort tritt er jeweils verkleidet auf, mal als Elvis, mal als Napoleon. Regierungsrätinnen, Journalisten, Gérard Depardieu: Alle zeigen sich an der «Choucroute» gerne an der Seite des Fussballpräsidenten. Und nirgends wird deutlicher, welchen Status und welchen Einfluss Constantin im Wallis tatsächlich hat. CC ist der Boss. Seine Baufirma und der Klub sind nicht voneinander zu trennen. Zahlreiche Geschichten kursieren über seine Härte, über dubiose Geschäftspraktiken und seine Nähe zur Politik. Offshorekonten, Gegengeschäfte für Sponsoring in Form von Bauaufträgen, nicht bezahlte Löhne, ein enormer Leistungsdruck auf MitarbeiterInnen – vieles hat Krafft aus anonymen Quellen erfahren. Manche sagten vereinbarte Treffen mit der Journalistin wieder ab, weil sie zu viel Furcht vor dem Mann hatten, der von sich selbst sagt, er presse die Leute um ihn herum aus wie Zitronen.

Nicht unter der Oberfläche bleibt, dass CC seinen Promistatus dafür nutzt, mit seiner Baufirma das gesamte Rhonetal zuzubetonieren. Den an die Autobahn angeschlossenen Orten Collombey-Muraz, Aigle und Martigny versprach CC, ein neues Tourbillon – eine neue Heimstätte für den FC Sion – auf ihrem Boden zu bauen. Damit erreichte er, dass die Gemeinden rekordverdächtig schnell Industriegebiete in Gewerbe- und Tourismusgebiet umzonten. Aber Constantin baute kein Stadion, sondern Konsumtempel.

Der Fall Constantin versus Demeter Couturier wurde zweimal vor Walliser Gerichten verhandelt, zweimal gaben die Richter Constantin recht, zuletzt im April dieses Jahres. Anwalt Grégoire Rey zieht den Fall nun ans Bundesgericht weiter. Er sagt, die Witwe habe damals darauf vertraut, ihr Geld zurückzubekommen, sobald dies Constantin finanziell möglich sein würde. Dieser wiederum manipuliere seine Bilanzen, um dem Hotel den Anschein eines Verlustgeschäfts zu geben. Dass das Gericht den Vertrag von damals wörtlich auslege, anstatt den Willen der Witwe zu interpretieren, sei juristisch grob fahrlässig, argumentiert Rey: «Das Urteil wurde klar zugunsten von Christian Constantin gefällt. Man muss sich also fragen, ob seine Macht schon bis in die Köpfe der Richter reicht.»

Im Tessin noch etwas aggressiver

Während Constantin seine Transfercoups mittels halsbrecherischer Spekulation auf dem Spielermarkt zu landen versucht, setzen andere Vereine in erster Linie auf eine gezielte Förderung des Fussballnachwuchses. InvestorInnen weisen gerne darauf hin, dass sie mit der Finanzierung der klubeigenen Leistungszentren einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag leisteten. Tatsächlich ist es wohl übertrieben, wenn KritikerInnen die Nachwuchsförderung pauschal zur Ausbeutungsmaschinerie erklären, in der zwischen den Vereinen eine Art Kinderhandel betrieben werde. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) knüpft seine Verbandsbeiträge an gewisse Bedingungen, um den Jugendschutz zu gewährleisten. Und doch ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Klubs nicht zuletzt deswegen in «Humankapital» investieren, weil sie sich davon Gewinne versprechen.

Im Tessin passiert das noch etwas aggressiver als anderswo. Das Schreckgespenst heisst dort Leonid Nowoselski, laut dem US-Magazin «Forbes» einer der 200 einflussreichsten russischen UnternehmerInnen. Seine Vertriebsfirma Gradient mit Sitz im zugerischen Cham setzt jährlich 700 Millionen Franken um. Nowoselskis Familie zog ins Tessin, nachdem seine Frau dort in einer Klinik entbunden hatte. Bevor er sich 2016 zum Präsidenten der Nachwuchsabteilung des FC Lugano wählen liess, soll er zahlreiche Neumitglieder mitgebracht haben, um die Wahl zu gewinnen. Ende Juni dieses Jahres hätte Nowoselski beinahe den ganzen FC Lugano aufgekauft – er besitzt bereits vierzig Prozent der Aktien. Sechzig Prozent gehören dem Klubpräsidenten und Bauunternehmer Angelo Renzetti, der seit Monaten auf der Suche nach InvestorInnen ist, weil er das Risiko für den Klub mit den tiefsten ZuschauerInnenzahlen der Liga nicht länger alleine tragen will.

Renzetti betont immer wieder, dass er Tessiner InvestorInnen wolle. Nowoselski, der den FC Lugano erklärtermassen ganz übernehmen will, benutzt er quasi als Drohung. Dass der Russe den Klub vorerst nicht übernommen hat, liegt nach eigenen Aussagen daran, dass potenzielle Mitinvestoren aus den Vereinigten Arabischen Emiraten abgesprungen seien. Bis auf Weiteres bleiben Nowoselski und Renzetti also gemeinsame Besitzer, das Tauziehen um den FC Lugano geht weiter.

Renzetti dürfte gegenüber Nowoselski gemischte Gefühle hegen: Einerseits buttert dieser jährlich ein bis zwei Millionen Franken in den Nachwuchs, andererseits stösst seine Strategie im Tessin auch auf Widerstand. «Er handelt unverantwortlich», sagt Goalielegende Karl Engel, der bis 2016 den Tessiner Fussballklub FC Mendrisio präsidierte. «Nowoselski plant, schon Vierjährige viermal die Woche trainieren zu lassen.» Damit orientiere er sich an den Trainingsmethoden des russischen Klubs Krasnodar. «Das widerspricht den Empfehlungen aller aktuellen pädagogischen Entwicklungsstudien», sagt Engel.

Nowoselski fiel im Tessin zudem durch ein aggressives Scouting auf: Er rekrutierte im ganzen Kanton und im angrenzenden Italien bereits neunjährige Buben für den FC Lugano und verärgerte damit den SFV. Dieser fordert, dass die Topklubs die regionale Basisarbeit nicht torpedieren, indem sie alle Talente abziehen und Kinder früh aus ihrem Umfeld reissen. Nowoselski habe inzwischen eingelenkt, heisst es beim SFV. Doch der Investor hat nun die vereinsübergreifende Nachwuchsschmiede Team Ticino im Visier, wo Talente ab dem Alter von fünfzehn Jahren trainieren. Gemäss Experten will er das Team zum Lugano-Nachwuchskader umbauen. Um mehr Einfluss zu gewinnen, installierte er einen Geschäftspartner an der Spitze des FC Chiasso, der SFV musste schlichtend eingreifen.

Nowoselski hat ein hochgestecktes Ziel: Er will im Tessin die erfolgreichste Nachwuchsakademie der Schweiz aufbauen. Aus der ganzen Welt wolle er Talente importieren, sagt Karl Engel, «von Spanien bis Kenia». Auch die Konsequenzen für die jungen Spieler der Region, die dadurch aus der Nachwuchsförderung gedrängt zu werden drohen, würden ihn nicht kümmern, so Engel, «das hat er mir ins Gesicht gesagt». Auch dass der SFV dem Tessiner Nachwuchsfussball die Subventionen streichen würde, falls ihm die Machtübernahme bei Lugano doch noch gelänge, sei ihm egal. «Er braucht das Geld nicht.»

Immer bedeutungsloser

Die Super League ist ein Verlustgeschäft mit vielen schummrigen Nischen, das mancherorts nur deshalb funktioniert, weil Einzelpersonen Millionen darin versenken. Da Geld in diesem Land aber bekanntlich nicht stinken soll, sind Woche für Woche unzählige Leute darum bemüht, dem Treiben einen glamourösen Anschein zu geben. Etwa der Bezahlfernsehsender Teleclub, der seit 2006 Livespiele überträgt und seit 2016 für die Übertragungsrechte aller Spiele jedes Jahr 24 Millionen Franken an die Liga zahlt. Und natürlich das SRF: Jeden Sonntag überträgt das gebührenfinanzierte Fernsehen ein Spiel live, eingefangen von zehn Kameras, am Spielfeldrand ein Studio für Interviews mit Experten. Gleich im Anschluss werden in einer eigenen Super-League-Sendung Zusammenfassungen sämtlicher Partien des Wochenendes ausgestrahlt und diskutiert.

Die SportmoderatorInnen sehen sich natürlich in der Pflicht, Fragen zu stellen, die sie als «kritisch» erachten: Warum befindet sich ein Team in einer Negativspirale? Wird bald der Trainer entlassen, oder gewinnt der Sportchef den Machtkampf? Meist begnügt man sich jedoch mit der Rolle der HofberichterstatterInnen, insbesondere dann, wenn ein Schweizer Verein in der Champions League mittun darf. Wenn YB oder der FC Basel dort überraschend gut aufspielen, wird mit leuchtenden Augen und unübersehbarem Stolz konstatiert, dass hier mal wieder «beste Werbung für den Schweizer Fussball» gemacht werde. Als würde das Produkt, das beworben wird, in Europa jemanden wirklich interessieren.

Logisch, dass in der Fussballschweiz Aufregung über die geplanten Uefa-Reformen ausbricht. Denn es zeichnet sich ab, dass in der Champions League eines Tags keine Schweizer Klubs mehr spielen werden: Die Uefa dürfte den Topklubs entgegenkommen, die unter sich bleiben wollen, statt unattraktive Alibispiele gegen Teams aus der Fussballprovinz auszutragen. Im internationalen Ranking ist die Schweiz in letzter Zeit deutlich nach hinten gerutscht.

Ein Schreckensszenario für all jene, die den Fussball gerne als Produkt konsumieren oder ihn als solchen vermarkten wollen. Und die bereit sind, dafür über die Schattenseiten des Geschäfts hinwegzusehen. In einem Interview mit der «Schweiz am Wochenende» gab sich Claudius Schäfer, CEO der beiden höchsten Schweizer Fussballligen, besorgt. «Das europäische Geschäft ist sehr wichtig geworden», erklärte er, «und zwar nicht nur für die Teilnehmer, sondern auch für die restlichen Super-League-Klubs.» Schliesslich erhalte jeder Verein aus einem «Solidaritätstopf» jährlich über eine halbe Million Franken ausbezahlt, wenn ein Schweizer Team in der Champions League mitspiele.

Auch im Fussball ist der Trickle-down-Effekt ein hohles Versprechen. Die Ungleichheit wird nicht kleiner – ganz im Gegenteil. Ein Blick auf die Machtverhältnisse lässt stattdessen nur einen Schluss zu: In dieser Liga steckt nicht zu wenig, sondern zu viel Geld.

(grosse Ansicht der Infografik)Grafik: WOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch