Nr. 34/2008 vom 21.08.2008

Kongress der Säufer

Die mit Gratiszeitungen und der Handyindustrie sozialisierten Teenies lösen eine Angstwelle aus. Die Städte werden das Massenbesäufnis bald institutionalisieren.

Von Ruedi Widmer

Der 17-jährige Lehrling Jan Fröhlich aus Nänikon hatte eine Idee: Ein Massenbesäufnis. Beim Zürcher Chinagarten, am rechten Seeufer. Quasi als Abschluss der Olympischen Spiele in Beijing. Bereits 5000 Jugendliche werden erwartet, mobilisiert über Facebook und SMS.

Fröhlich hat es nicht erfunden, aber gefunden. Auf YouTube gibt es Bilder der Botellones genannten pinguinartigen Sit-ins in Spanien. Dort wurde das Massentrinken erfunden, es erreichte seinen Höhepunkt bereits 2004: Sevilla, 80 000. Der Trend ist in Genf und Lausanne angelangt. Biel, Bern und Schaffhausen wollen folgen.

Die mit Gratiszeitungen und Handyindustrie sozialisierten Teenies schlagen die Waren- und Gewinnwelt nun mit ihren eigenen Waffen - wohl unbewusst. Ihre Instrumente wie MySpace oder Facebook sind eng verwandt mit den Hooligandatenbanken oder den Überwachungskameras des Staates, der damit den Konsumfluss optimiert. Die Jugendlichen haben bemerkt, dass man die blinkenden Internetbanner der Wirtschaftswelt im Kopf rausfiltern und die zentrale Idee solcher Kennenlern-Sites ganz nüchtern benützen kann. Was Jan Fröhlich tat, ist nichts anderes als MySpace eins zu eins: möglichst viele Freunde finden.

Überstellige junge Menschen

Fröhlich hat ungewollt eine Angstwelle ausgelöst. Die Behörden sind auf solche Eruptionen aus der digitalen Welt völlig unvorbereitet. Das Bundesamt für Gesundheit. Esther Maurer, Polizeivorsteherin Zürich. Alle sind alarmiert. Jetzt heisst es: Ordnungsstadt gegen Eventstadt. Wohnstadt gegen Dreckstadt. Es ist keine einfache Frage. Immerhin: Wie es sich die Stadt gewünscht hat, finden Kongresse am See statt. Und erst noch ohne teure Hülle vom Architekten Rafael Moneo.

Einige Linke sehen womöglich in einem Botellón einen antikapitalistischen Protest: Weil dort Alkohol zu teuer ist, verweigern sich die jungen Leute den Kneipen, Bars und Clubs und eröffnen gleich selber einen Club. Das erinnert an Hausbesetzungen, an Selbstverwaltung, verbunden mit dem politischen Ruf nach Freiraum und günstigem Wohnen. Nur erfüllt dieser masslose Konsum einzig die kapitalistischen Träume der Getränkeindustrie.

Es geht um Individualismus, um jugendlichen Spass. Man holt sich allenfalls das Recht ein, betrunken zu sein - jetzt, wo man nicht mehr rauchen darf. Man will es lustig haben, ohne lauten Techno oder laute Gitarren. Die lenken nur ab vom Saufen, Quatschen und den Mädels. Man wird auch Scharmützel mit Ordnungskräften sehen; überstellige junge Menschen, die zum ersten Mal vom Einfamilienhausquartier in Neerach, Birmensdorf, Seuzach nach Zürich fahren, um den Polizisten tiefblau ihre Alkvergiftung auf die Uniform zu sabbern. Es wird für einige die Flucht aus ihren Dörfern sein, wo Ausgangssperren verhängt wurden und der Treffpunkt beim Dorfbrunnen ungemütlich geworden ist. Auch die ganze Uni kommt angeschwankt. PolitikerInnen entsetzen sich über das Niveau des geistigen Nachwuchses. Dabei trägt der einfach keine Käppi und Bändel wie die Kampftrinker der Studentenverbindungen.Quatsch machen, das ist die Losung der Botellonistas. Das Ferienfeeling von Lloret de Mar mit easyJet mitnehmen an die Gestade des Zürichsees. Massentourismus, nicht Wohnungsnot.

«Grossartig, dieses Fest zu haben»

Aus diesem Quatsch kann aber schnell heiliger Ernst werden, wenn nämlich die Politik von SP bis SVP so reagiert, wie das zu erwarten ist: mit Polizei, Rayonverboten, PsychologInnen. Jan Fröhlich ist schon zur Einsicht gelangt, dass das alles grösser wird, als er gedacht hat. Andere springen sofort in die Lücke. Solche, die es vielleicht nicht so lustig meinen, solche, die Sauflieder grölen und Gruppendynamiken lieben.

Kevin und Tabea sind dort. Leila auch. Wenn es aber mit Polizei und so wird, dann ist es für die meisten nicht mehr easy. Vor allem für jene, die bei der UBS eine Lehre machen. Und der Müll und die Kotze im Rasen machen die Kleider kaputt und schmutzig. Und Deborah, «he, si so voll inen Scherbe trampet, hey, das hät so krass usgsee». Deborahs Eltern haben einen Anwalt, die Wiese gehört der Stadt ... Aber vielleicht erkennt man behördlicherseits plötzlich, wie die Flucht nach vorne angetreten werden kann: einbinden. Das Gespräch suchen. In geordnete Bahnen lenken.

Ob das die Schluckspechte wollen oder nicht: Menschenansammlungen, wofür sie auch immer einstehen oder welchen Quatsch sie zelebrieren mögen, bilden jene Begleiterscheinungen, die den anfänglichen Sympathisantinnen bald peinlich sein werden. Was heute noch beschwingt durchgeknallt ist und an einen Bubenstreich erinnert, kann in zwei Jahren bereits ein weiterer fester Termin im Festkalender sein. Mit Rummelplatz und Riesenrad, mit Heineken und Carlsberg. Jan Fröhlich wird vergessen sein. Internationale Promis werden sich in VIP-Zelten die Kante geben. Plötzlich spielt es eine Rolle, was für Kleider man zum Saufen trägt. Der Werbeclaim «Oktoberfest, aber ohne Tische und Bänke!» wird aufs Grossmünster projiziert. «Es ist grossartig für Zürich, dieses Fest zu haben», wird sich der Stadtpräsident beim Zusammenkippen von Red Bull und Wodka mit dem OK-Präsi verlauten lassen, und ganz viele werden ihm glauben.

Im Netz lauern weitere Trends.

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