Nr. 10/2008 vom 06.03.2008

Ein Saufbefehl im Schienenverkehr

Von Pascal Claude

Die Schlinge zieht sich immer enger um den Flaschenhals. Nachdem dem Nikotin eine ordentliche Abreibung verpasst worden ist und für das absichtliche Überfahren von rauchenden FussgängerInnen Steuererleichterungen in Aussicht gestellt werden (sofern es sich beim Auto um einen Geländewagen handelt), ist jetzt der Alkohol an der Reihe. Chur macht es vor: Lautes Trinken nach Mitternacht wird in Zukunft mit Busse bestraft. Mindestens. Wer das Getrunkene zudem öffentlich durch eine beliebige Körperöffnung wieder von sich gibt, hat die Polizei am Hals. Denn alles hat Grenzen, so viel steht fest. Auch wenn, wie es die «NZZ am Sonntag» in einem fast köppelschen Bild beschreibt, Leute «aus kuschelpädagogischen Bedenken im schallgedämpften Theater-Café nach der Abendvorstellung für mehr Prävention statt Repression bei der Alkoholismus-Bekämpfung plädieren».

Ich habe auch langsam genug von der Prävention. Zudem zeigt ein kurzer Blick auf die Repressionslandkarte: je härter die Hand, desto glücklicher die Menschen. Burma, let’s party! Trotzdem bleiben ein paar Fragen. Ich stelle sie mir unter anderem deshalb, weil ich auch schon frühmorgens in Chur unterwegs war, auf der Gasse, mit einem Fläschchen. Einmal sogar mit einem batteriebetriebenen Plattenspieler, auf dem sich Rudi Carrells Klassiker «Trink doch einen mit» drehte. So ein Fehlverhalten kann heute direkt ins Kittchen führen, also mach ich mir lieber mal ein paar Gedanken. Zum Beispiel zum Carlsberg-Tram.

Das Carlsberg-Fussballtram fährt seit ein paar Monaten durch Zürich, auf der Linie 3. Dabei kreuzt es das Swiss-Fussballtram, das Coca-Cola-Fussballtram, das CS-Fussballtram. Alle Fussballtrams sind mega gestaltet und fahren jeden Tag kilometerlange Euphoriespuren durch die Stadt. Leute, an denen eines der Fussballtrams vorbeifährt, fallen aus lauter Vorfreude auf die EM normalerweise in Ohnmacht. Das Carlsberg-Tram ist das beste von allen. Grün wie ein Carlsberg-Fläschchen zieht es seine Runden und hat dabei nur eine Botschaft: Saufen! Ein Freund von mir hat mal gezählt, wie viele Biere in so einem Carlsberg-Tram zu sehen sind. Über 120! Und sie werden von echten Schweizer Nationalspielern gesoffen! Leute von der Spurensicherung haben zwar herausgefunden, dass irgendwo auf dem Tram «non alcoholic» steht; das mussten die Leute von Carlsberg halt anbringen wegen der Zürcher Verkehrsbetrieben Es spielt aber keine Rolle, denn im Coop zum Beispiel, wo man die Fläschchen, nach denen man auf der Tramfahrt so gelechzt hat, endlich kaufen kann, ist es vorbei mit alkoholfrei. Da stehen die Tenpacks mit richtiger Füllung, zu Türmen gestapelt, und zuoberst der Spycher Christoph, der Cabanas Ricardo und der Barnetta Tranquillo, wie sie wahnsinnig jubeln, weil sie es eben auch so geil finden, das Saufen.

Es hat ja nur kurz ein scheues Hüsteln gegeben, als der Schweizerische Fussballverband vor ein paar Jahren Carlsberg als neuen Nati-Sponsor vorstellte. Da grunzten wieder ein paar Kuschelpädagogen (wahrscheinlich waren es sogar -pädagoginnen) aus dem schallgedämpften Theater-Café, das sei vom Präventionsgedanken her heikel. Aber heikel ist ja noch vieles. 2006, als der Deutsche Fussballbund darauf hingewiesen wurde, seine Kicker würden da auf die WM hin nur für Produkte werben, die der Jugend schadeten (Fastfood, Alkohol), hat man das auch ausgestanden. Heute lachen wir darüber. Die Prävention, die kannst du rauchen.

Der Barnetta Tranquillo übrigens, der gegenwärtig auf schätzungsweise 400000 Bierkartons Jung und Alt zum Ölen animiert, hat noch ein paar andere lässige Sponsoren: EA Sports zum Beispiel oder McDonald's oder Nestlé-Frisco. Jetzt stell ich mir vor, ich wär so ein Jugendlicher, sagen wir aus Chur. Ich möchte so sein wie Tranquillo, er ist mein Vorbild. Also saufe ich Carlsberg, so viel wie möglich, game mir einen ab, fress dazu täglich ein Big-Mac-Menü und gönn mir zum Dessert ein Cornet. Ob ichs beim FC Chur in die erste Mannschaft schaffe?

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