Nr. 14/2014 vom 03.04.2014

Wrackteile rausfiltern

Ruedi Widmer spricht sich für Filter im Internet aus

Von Ruedi Widmer

Die Uni Zürich sperrt mit einem Filter Pornoseiten auf dem Internet (vgl. Seite 3). Dabei werden auch Angebote gesperrt, die nichts mit Pornografie zu tun haben, sondern sonstwie aufgehalten werden. Grundsätzlich aber ist nun Schluss mit den Pornopartys an der Uni Zürich und dem Drang nach dem Erasmus.

Auch der türkische Premier Tayyip Erdogan entdeckt den Filter. Er sperrte Twitter und Youtube, angeblich weil damit ein paar zu intime Details zu seiner Person verbreitet wurden. Doch die Filterei und Sperrerei hat einen ganz profanen Grund.

Erdogan und andere Sperrseitenkonsumenten geilen sich nämlich an solchen Pornofiltern auf. «Seit der Zürcher Filter online ist, bin ich nur noch auf diesen Filterseiten. Man sieht fast nichts, es ist jungfräulich weiss – das macht mich ungemein an, das ist wie eine Burka. Das beflügelt erotische Fantasien», sagt ein Sperrseitenfetischist.

Der Chaos Computer Club, eine fortschrittsfeindliche Zürcher Studentenvereinigung, die in ihrer Radikalität nur mit dem katholischen Opus Dei vergleichbar ist, droht allen Ernstes: «Wir sind erst dann zufrieden, wenn der Webfilter vollständig verschwunden ist.» Also ein digitales Burkaverbot. Wo bleibt der Aufschrei?

Darf man die private Lust von Erdogan und Gesinnungsgenossen behindern? Ist ein Verbot solcher Filter nicht gegen die Menschenrechte? Natürlich. Und nicht nur das: die Filtertechnologie ist eine grosse Chance.

Zum Beispiel für die neue Google-Brille, die bald zum Topmodegadget werden wird. Es gibt Menschen, die Angst haben, dass man damit durch die Kleider hindurchschauen kann. Doch die Implementierung der Filtertechnologie wird das Gegenteil ermöglichen. Für Tayyip Erdogans Türkei wird es für die Google-Brille Apps geben, die auf alle dem Betrachter entgegenkommenden Frauen die Vollverschleierung ins Bild hineinrechnen. Umgekehrt könnten Burkaträgerinnen für säkulare Muslime digital entburkasiert werden. Mit diesem individualistischen Modell wäre gerade in der muslimischen Welt eine Befriedung möglich. Die Strenggläubigen sehen die Welt, wie sie sie sehen wollen, die Fortschrittlichen ebenso. 

Der digitale Filter ist also nicht einfach etwas Schlechtes, sondern das wichtigste Tool der zukünftigen Weltgestaltung. Geschiedene Paare mit Kindern können einander dank der Google-Filterbrille aus dem Bild rechnen lassen und zum Wohle der Kinder weiterhin zusammenleben, ohne sich sehen zu müssen. Die unbebrillten Kinder hingegen sehen beide Elternteile.

AusländerhasserInnen sehen statt Ausländer in Realtime hineingerechnete Naziglatzen. NarzisstInnen können alle anderen Menschen durch sich selber ersetzen lassen. Dem Ecopopper filtert die Brille ganze Städte raus und ersetzt sie durch Einfamilienhausquartiere mit grünen Rasen. Trümmerspäher sehen überall Wrackteile von Flugzeugen und können so persönlich ihre Malaysiamaschine finden. 

Die Uni Zürich ist also nicht zu kritisieren, sondern zu unterstützen in ihrer Forschung an der Filtertechnologie.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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