Wankende Banken : Willkommen in Europa

Nr. 40 -

Verstaatlichungen und kein Ende


Zwei Wochen nach dem grossen Krach an der Wall Street ist die Pleitewelle in Europa angekommen. Eine Grossbank nach der anderen wankt, und die Regierungen springen nur so, um sie mit Milliarden an Steuergeldern vor dem Kollaps zu bewahren. Allein in den letzten Tagen sind vier europäische Grossbanken mit knapper Not und viel Geld vor dem Zusammenbruch gerettet worden: Alle vier hatten mit Hypothekengeschäften zu tun, alle hatten schwere Verluste erlitten - keineswegs nur im USA-Geschäft - und alle vier hatten ihren Börsenwert dahinschmelzen sehen. Aus Angst vor den Folgen eines Zusammenbruchs des Systems haben die Regierungen in allen Fällen eingegriffen.

B&B zum Schnäppchenpreis

In Britannien wurde die Hypothekenbank Bradford & Bingley (B&B) verstaatlicht. Der Staat übernahm 63 Milliarden Euro an Verbindlichkeiten, darunter mindestens 52 Milliarden aus hoch riskanten Hypotheken. Innerhalb eines Jahres hatte die Bank neunzig Prozent ihres Börsenwerts verloren. Ein privater Käufer liess sich nicht finden. Erst als die Verluste verstaatlicht waren, war die spanische Grossbank Santander bereit, zum Schnäppchenpreis von 770 Millionen Euro das gesamte Filialnetz der B&B und 2,7 Millionen KundInnen zu übernehmen.

In Deutschland wurde der Hypothekenfinanzierer Hypo Real Estate gerettet - in einer Gemeinschaftsaktion von Bundesregierung und Banken, wobei die sich winden, um jeden Anschein von Verstaatlichung zu vermeiden. Das Rettungspaket soll von den Banken getragen werden, allerdings bürgt der Staat für 26,6 Milliarden Euro. Es soll Zeit gewonnen werden. Die Bank soll nun Stück für Stück verkauft werden, mit enormen Verlusten. Hier geht es nur noch darum, Dominoeffekte im Bankensektor zu vermeiden.

Die Beneluxstaaten haben in einer Gemeinschaftsaktion in letzter Minute die Fortis Bank vor dem Untergang gerettet. Fortis hatte durch Tochtergesellschaften im US-amerikanischen Hypothekengeschäft Milliardenverluste erlitten. Zusammen haben die Beneluxländer 11,2 Milliarden Euro in den Konzern gepumpt, was nichts anderes als eine halbe Verstaatlichung der Bank bedeutet. Die belgische Regierung hat sich zudem dazu verpflichtet, sämtliche Spareinlagen bei Fortis zu garantieren.

Die Regierungen Frankreichs, Belgiens und Luxemburgs haben zusammen mit 6,4 Milliarden Euro dem angeschlagenen Finanzkonzern Dexia aus der Patsche geholfen. Dexia ist der grösste Finanzierer von Immobilienkrediten für Gemeinden weltweit. Verluste von offiziell 326 Millionen Dollar, die die Konzerntochter Financial Security Assurance im Geschäft mit Hypothekenausfallversicherungen in den USA in den letzten Monaten erlitten hatte, und drohende Verluste in Höhe von fast einer Milliarde Dollar in diesem Geschäft, haben Gewinn und Aktienkurs des Konzerns dramatisch einbrechen lassen.

Ungebremst

Langsam gewöhnen wir uns daran: Eine Bank nach der anderen kommt ins Straucheln. Keine Bank ist mehr sicher. Dexia stand noch vor wenigen Wochen als Nummer 8 auf der Liste der «zehn sichersten Banken der Welt», die die amerikanische Zeitschrift «Global Finance» publizierte. In Europa wie in den USA sind bekennende Neoliberale an der Regierung. Die Praxis, notleidende Banken mit Steuermilliarden zu retten und die Verluste zu verstaatlichen, ist ihnen zuwider. Aber die Finanzkrise geht weiter. Sobald sie auch die ganz normalen Geschäftsbanken und damit die Millionen der Sparer trifft, wird die Verstaatlichungswelle auch in Europa ungebremst weiterrollen.