Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Kommt es wieder zum Kollaps?

Europa schlittert immer tiefer in die Wirtschaftskrise, bereits wanken die ersten Banken. Muss die UBS bald erneut vom Staat gerettet werden? Gut möglich. Kaum eine andere Grossbank steht punkto Eigenkapital derart schlecht da.

Von Yves Wegelin

Während sich letzte Woche rund um die Wall Street junge DemonstrantInnen Strassenkämpfe mit der Polizei lieferten, trat im Luxushotel Astoria Waldorf, ein paar Blöcke weiter unten in Manhattan, der neue UBS-Chef, Sergio Ermotti, ans Rednerpult: Die Schweizer Grossbank hatte zum «Tag der Investoren» geladen, um ihre künftige Konzernstrategie zu verkünden. Und Ermotti wiederholte auch in New York das Mantra, das der abtretende Verwaltungsratspräsident und ehemalige Bundesrat Kaspar Villiger auch hierzulande derzeit auf allen Kanälen verbreitet: Die UBS ist eine der bestkapitalisierten Grossbanken der Welt, die Risiken sind im Griff.

Eine Woche zuvor war Patrick Raaflaub, Direktor der Finanzmarktaufsicht (Finma), an einem Podium in Luzern aufgetreten. Und was er zu sagen hatte, tönte ganz anders: «Der Moment ist gekommen aufzuhören, sich auf die Schultern zu klopfen.» Die in der Herbstsession vom Parlament verabschiedete «Too big to fail»-Vorlage zwinge Grossbanken zwar dazu, mehr Eigenkapital zu halten, damit sie allfällige Verluste selbst tragen könnten. Damit sei ein «Fundament gelegt». Doch das reiche nicht aus: Geriete eine Schweizer Grossbank ins Wanken, warnt Raaflaub, wäre es nach wie vor unmöglich, die Bank aufzuspalten, um etwa das riskante Investmentbanking fallen zu lassen.

«We simply don’t know»

In der Finma ist man sichtlich nervös. Und man hat allen Grund dazu. Die Schweiz ist wieder einmal mit ihren eigenen Problemen beschäftigt: mit dem starken Franken und ausländischen Regierungen, die an das Schwarzgeld wollen, das in den hiesigen Tresoren liegt. Doch ausserhalb der Grenzen braut sich ein weit grösserer Sturm zusammen. Griechenland steht seit Monaten vor dem Kollaps, für Staaten wie Italien oder Spanien steigen die Zinsen und damit die Gefahr, dass sie in die Schuldenfalle geraten; und seit kurzem warnt Brüssel nun auch noch vor einer erneuten Rezession.

Europas Grossbanken sind unterkapitalisiert. Ginge ein Staat bankrott, riskieren sie, wie Dominosteine zu fallen. Auch die UBS – und Credit Suisse (CS).

Gut drei Jahre ist es her, seit die UBS vor dem Kollaps stand. Die Schweizer Grossbank hatte sich unter anderem auf dem US-amerikanischen Hypothekenmarkt verspekuliert. Am 15. Oktober 2008 beschloss der Bundesrat per Notrecht, 68 Milliarden Franken einzuwerfen, um zu verhindern, dass die Bank die gesamte Schweizer Wirtschaft mit in den Abgrund reisst. Seither wurden die Auflagen für Grossbanken international verschärft. Der sogenannte Basler Ausschuss empfiehlt den Staaten, ihre Banken zu 10,5 Prozent Eigenkapital auf ihren sogenannt risikogewichteten Aktiven zu verpflichten (Basel III): Risikoreiche Wertpapiere erfordern hohe Eigenmittel, risikoarme praktisch keine. Das neue Schweizer Gesetz verlangt von den beiden hiesigen Grossbanken 19 Prozent. Die Basel-III-Richtlinien gelten ab 2019, die Schweizer Auflagen dürften dieser Übergangsfrist folgen.

Es stellt sich die Frage: Hat die UBS in den letzten drei Jahren tatsächlich genug Eigenkapital angehäuft, um die sich abzeichnende Verschärfung der europäischen Wirtschaftskrise ohne Staatshilfe zu überstehen? Misst man die Grossbank an ihrer risikogewichteten Eigenkapitalquote, dann steht sie im internationalen Vergleich tatsächlich an der Spitze: Die Quote liegt bei 18,4 Prozent – jene der Credit Suisse bei 17,7. Unmittelbar vor der Krise lag sie bei 12,3 Prozent. Doch: Die Messung der risikogewichteten Eigenmittel setzt voraus, dass die entsprechende Bank in der Lage ist, die Risiken richtig zu berechnen. Und hier gibt es Zweifel. Auf die Frage, was uns die Zukunft bringe, meinte der 1946 verstorbene britische Ökonom John Maynard Keynes einst: «We simply don’t know.» Die Zukunft berge keine berechenbaren Risiken. Sondern schlicht Unsicherheit. Das gilt insbesondere für Krisenzeiten wie diese: Vor der letzten Finanzkrise genossen die US-Hypothekenpapiere das höchste Rating. Über Nacht wurden sie zu Ramsch.

Schlusslicht UBS und CS

Auch der ehemalige UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff sagt: «Entscheidend für die Stabilität einer Bank ist in allererster Linie die Leverage Ratio.» Die Leverage Ratio ist die Quote des Eigenkapitals an der gesamten Bilanzsumme der Bank, ohne dass die Papiere nach ihren Risiken gewichtet werden. Die Bankenlobby hatte die Forderung nach der Festsetzung einer entsprechenden Quote im Schweizer Gesetz erfolgreich bekämpft. An der Leverage Ratio gemessen stehen sowohl UBS als auch CS im internationalen Vergleich weit abgeschlagen auf den hintersten Rängen: Das Verhältnis des sogenannt verlustabsorbierenden Eigenkapitals zur Bilanz liegt laut Schweizer Nationalbank für beide Grossbanken «unter zwei Prozent» (Ende 2010). In der letzten Finanzkrise erlitt die UBS einen Verlust von 2,3 Prozent. Kurz: Eine Krise wie 2008 würde sie auch heute kaum überstehen.

Die Nationalbank warnte deshalb bereits im Sommer davor, zu stark auf die risikogewichtete Eigenkapitalquote zu vertrauen: «Die Folgen einer allfälligen Fehleinschätzung der Risiken wären entsprechend schwerwiegend.» Doch sie wurde kaum gehört.

Angesichts Europas sich zuspitzender Schuldenkrise, der wankenden Banken und der sich abzeichnenden Rezession sind sich fast sämtliche Finanzexperten einig: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine der beiden Schweizer Grossbanken in den kommenden Monaten erneut gerettet werden muss, ist beträchtlich. Diesen Schluss legen auch die Kurse für Credit Default Swaps (CDS) für die beiden Institute nahe – Kreditausfallversicherungen, die als Indikator für die Stabilität der Finanzinstitute gelten: Erstmals nach zwei Jahren haben sie in den letzten Wochen wieder Höhen erklommen wie kurz vor der UBS-Rettungsaktion 2008.

InvestorInnen bei Laune halten

UBS-CEO Sergio Ermotti muss die Werbetrommel rühren. Nach dem letzten Rückschlag vom September, als Kweku Adoboli, ein UBS-Investmentbanker in der Londoner City, zwei Milliarden US-Dollar in den Sand setzte, gilt es nun, erneut Vertrauen zu versprühen. Und die InvestorInnen bei Laune zu halten. So verkündete Ermotti letzte Woche gar, den AktionärInnen für das laufende Jahr eine bescheidene Dividende auszuzahlen. Und er versprach für das kommende Jahr gar Aktienrückkäufe – statt mit dem Geld das Eigenkapital zu erhöhen. Gleichzeitig will Ermotti das Vermögensgeschäft stärken und das riskante Investmentbanking herunterfahren. Die Zahl der Finanzjongleure soll von 18 000  auf 16 000  sinken. Die risikogewichteten Aktiven von rund 230 auf 150 Milliarden Franken. Und das alles bis 2016.

Ganz freiwillig erfolgt dieser Schritt nicht. Die UBS unternimmt damit gerade einmal das Nötigste, um die neuen gesetzlichen Auflagen zu erfüllen, und stösst jene Geschäftsbereiche ab, die damit nicht mehr rentieren. Das Investmentbanking ganz abschaffen, wie dies viele fordern, kommt für den ehemaligen Investmentbanker Ermotti nicht infrage. Doch so oder so: Die sich abzeichnende Krise wird nicht bis 2016 auf sich warten lassen.

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