Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Ospel! Wuffli! Tapner?

Die ehemaligen UBS-Chefs sollen ihre millionenschweren Boni zurückzahlen, wird einhellig gefordert. Doch damit wird das eigentliche Problem nicht gelöst.

Von Rachel Vogt

So einig waren sie noch nie: die SP, Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die FDP, der «Blick». Sie alle einigten sich auf Empörung über die Millionenboni der Banker. Und im Speziellen über die Boni der ehemaligen UBS-Bosse Marcel Ospel und Peter Wuffli. Die beiden sollen sie zurückzahlen. Selbst Gerold Bührer, Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse, der letzte Woche noch vom «gefährlichen Gift» der Subventionen geschrieben hatte, nuschelte: «Wenn Leute aus Eigenverantwortung einen Beitrag zur psychologischen Entspannung leisten würden, würde ich das sicher begrüssen.»

Auch die UBS würde sich über eine «psychologische Entspannung» freuen. Eine Rückforderung der Boni ist rechtlich nicht möglich. In der «NZZ am Sonntag» fordert UBS-Präsident Peter Kurer ehemalige Topbanker auf, ihre Boni zurückzuzahlen, das sei eine «moralische Frage». Und dann äussert er einen wichtigen Satz: «Nicht das System, die Höhe der Boni war ein Problem.» Seine Begründung: Weil die Boni rund zur Hälfte in Aktien und Optionen ausbezahlt worden seien, hätten deren Empfänger, die Verwaltungsräte und die Konzernleitung, seit Ausbruch der Krise etwa 300 Millionen Franken verloren: «Das System hat also durchaus funktioniert.»

Doch viel sind 300 Millionen nicht: Im Krisenjahr 2007 hat die UBS rund zwölf Milliarden Franken an Boni ausbezahlt, im Katastrophenjahr 2008 sollen es sieben Milliarden sein. Dabei erhalten Tausende von Angestellten im unteren Kader ein bis drei Monatslöhne. Die Topleute erhalten ein Mehrfaches des Jahreslohnes (und HändlerInnen bisweilen mehr als die CEOs). Wer hat beispielsweise schon einmal von Rory Tapner gehört? Der Asienchef der UBS verdient über zehn Millionen Franken. Eine ganze Menge Geld.

Und so funktionierts

Was aber ist schuld? Ist es bloss die persönliche Gier von ein paar GamblerInnen? Ist das Anreizsystem die «Hauptursache der Krise», wie FDP-Nationalrat Johann Schneider-Ammann sagt? Oder liegt das Problem tiefer, im System?

Das Anreizsystem der Boni ist einfach: BankerInnen sind direkt am Gewinn ihrer Geschäfte beteiligt, nicht jedoch am Misserfolg. Und nie ist man waghalsiger, als wenn keine Gefahr droht. Grosse Risiken schreckten deshalb nicht ab, sondern wurden gesucht. Denn grosse Risiken bedeuten grossen Gewinn und damit hohe Boni. Das Spielkapital der BankerInnen war nicht ihres, nicht mal ihrer Bank gehörte es, es war nur geliehen. Und weil Geld und Kredite, auch risikoreiche, so günstig waren wie nie zuvor, wurde sehr viel Geld geborgt. Die Eigenkapitaldeckung sank. Und sank.

Zu den wildesten Zeiten spekulierte die UBS pro Franken Eigenkapital mit fünfzig Franken Fremdkapital. Die Party war rauschend, und eine Menge Menschen kamen, um ein klein wenig mitzufeiern, indem sie investierten. Je länger die Banken Geld in mehr Geld verwandelten, desto weniger wollte jemand der Partyschreck sein. Das Problem am System: Wenn man mit Unmengen geliehenem Geld Verluste macht, selbst prozentual kleine, dann ist das Eigenkapital blitzschnell verschwunden. Doch das Bonussystem ist nicht alleine schuld. Die USA pumpten jahrelang billiges Geld ins System. Die Computerisierung ermöglichte hochkomplexe Transaktionen. Die neuen Finanzprodukte waren perfekte Spielzeuge: extrem undurchsichtig, extrem lukrativ.

Einkommen driften auseinander

Die Kürzung der Boni nützt also nur begrenzt. Am System, dass ein paar wenige verflucht viel verdienen und der Rest wenig, ändert sie nichts. Der Treibstoff hinter der aktuellen Empörung ist: das Auseinanderdriften von Oberschicht und Mittelklasse. Die CEOs und Verwaltungsräte gönnten sich letztes Jahr Lohnerhöhungen von bis zu 140 Prozent; bei den Beschäftigten stiegen die Löhne durchschnittlich um 0,9 Prozent. Innerhalb der letzten sechs Jahre ist der Unterschied zwischen dem Gehalt eines Geschäftsleitungsmitglieds und dem Tiefstlohn um 80 Prozent gewachsen. Und immer mehr verdienen immer weniger. Denn nicht nur die Ungleichheit der Einkommen, sondern auch die Armutsquote hat in den letzten zwanzig Jahren in den Industrieländern zugenommen, wie eine aktuelle OECD-Studie zeigt.

Die Idee der Neoliberalen, die Mittelklasse durch mehr Superreiche zu stärken, funktioniert also nicht. Denn nicht die Gewinne sickern durch die Gesellschaftsschichten nach unten, sondern die Verluste. Es geht um eine andere Politik. Auch wenn Marcel Ospel, Peter Wuffli oder der unbekannte Rory Tapner ein paar Millionen zurückzahlen: Damit ist nichts gewonnen. Denn die Umverteilung nach oben geht weiter. Letzte Woche kündigten die Kantone Schwyz und Luzern die radikale Senkung der Gewinnsteuern für Firmen an. Auch Zug und Zürich wollen ihre Gewinnsteuern senken. Es sind dies Kantone, in welchen sich die Finanzwirtschaft niedergelassen hat. Mitten in der lauten Empörung über die Banken verteilt man leise Geschenke an sie.

PS: Als 2001 Börse und Internetblase zusammenkrachten, richtete sich der Zorn ebenfalls gegen die ManagerInnen. Und gegen Lukas Mühlemann, den Chef der Credit Suisse. Als der Gewinn der Bank um über siebzig Prozent einbrach, forderte man seinen Rücktritt, die Rückgabe seiner Boni, neue Regulierungen und neue Moral. Als Mühlemann dann im Januar 2003 zurücktrat, investierten die ersten BankerInnen längst schon in die neueste Blase: den Markt für Hypothekenderivate. Ansonsten passierte nichts. Lukas Mühlemann wurde Berater für Superreiche.

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