Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Alles völlig jenseits?

Das Museum für Kommunikation in Bern thematisiert in seiner neuen Ausstellung den Dialog mit dem Jenseits. Und bleibt dabei ziemlich geerdet.

Von Silvia Süess

Es war wohl eines der sonderbarsten Schachturniere der Geschichte: Der russische Grossmeister Viktor Kortschnoi spielte gegen Geza Maroczy, den ungarischen Schachmeister. Die Partie fand zwischen 1985 und 1993 statt, Maroczy war jedoch bereits 1951 verstorben. Organisiert wurde der Anlass vom St. Galler Ökonomen Wolfgang Eisenbeiss, Kontakt mit dem Toten hatte das Medium Robert Rollans aufgenommen. Im Rahmen von «Goodbye & Hello: Im Dialog mit dem Jenseits» im Museum für Kommunikation in Bern ist ein Schachbrett mit der Endaufstellung und das Originalprotokoll der Partie ausgestellt - Maroczy hatte das Spiel im 48. Zug 1993 verloren gegeben.

«Es geht uns in dieser Ausstellung nicht darum zu zeigen, was das Jenseits ist, sondern darum, möglichst viele Facetten der Kommunikation mit dem Jenseits aufzuzeigen», sagt Kurt Stadelmann, der die Ausstellung mit Beat Gugger kuratiert hat. Ihnen sei von Anfang an klar gewesen, dass sie nicht eine esoterische Show kreieren, sondern eine seriöse Ausstellung organisieren wollten, die hauptsächlich auf Zeugenberichten basiere. So haben die beiden eine Menge Material gesammelt, Geschichten, Erlebnisberichte, Bilder, Zitate, Videoausschnitte oder Tonaufnahmen, die von Begegnungen mit dem Jenseits der unterschiedlichsten Art erzählen.

Telefonate mit Geisterwesen

Die Ausstellung ist in verschiedene Themenbereiche gegliedert: Zu Beginn trifft man noch auf Fassbares. Unter dem Titel «Im Gespräch mit Verstorbenen» sind Tonaufnahmen von Lebenden zu hören, die erzählen, wie sie am Grab zu Verstorbenen reden. Der mit «Ein Blick ins Jenseits» überschriebene Ausstellungsteil präsentiert Filmausschnitte und Texte mit Berichten von Menschen mit einer so genannten Nahtoderfahrung, die also schon mit einem Bein im Jenseits standen.

Je weiter man in die Ausstellung vordringt, umso irrationaler werden die Themen, die sie anschneidet: «Spuk», «Botschaften aus dem Jenseits», «Spiritismus» oder «Diktate aus dem Jenseits». Unter Letzterem erfährt man zum Beispiel von Rosemary Brown, die von verstorbenen Komponisten Werke diktiert erhielt. Eine Platte von ihr ist ausgestellt, auch zwei Tonbeispiele sind zu hören.

Manfred Boden schalteten sich während Telefongesprächen ihm unbekannte Stimmen ein, von denen er überzeugt war, dass diese von Geistern seien. Er begann, ihnen Fragen zu stellen, und die Stimmen wussten immer die richtigen Antworten. Die Gespräche zeichnete er auf, Museumsbesuchende können die Aufnahmen hören. Alles nur Lug und Trug? Schwindel? Hochstapelei? Jenseits? «Ich versuche, die Geschichten der Leute ernst zu nehmen. Als Ausstellungsmacher kann ich sie weder bejahen noch verneinen - ich stehe zwischendrin», erklärt Kurt Stadelmann seine Haltung zum Thema. «Die Erlebnisse dieser Menschen sind nicht gesellschaftsfähig, weil sie individuell geprägt sind und man sie nicht im Labor simulieren kann.» Doch was nicht beweisbar sei, sei nicht zwingend gelogen.

Schwarz-weisse Welt

Die Absicht, nicht über die Glaubwürdigkeit der Erlebnisse urteilen zu wollen, betonen die Kuratoren gleich zu Beginn der Ausstellung, in Lebensgrösse auf zwei Leinwände projiziert. «Weil das Thema so komplex ist, machen wir eine Einführung in die Ausstellung, und zwar auf eine Art, die in der Schweiz noch sehr unüblich ist: Indem wir uns als Kuratoren zeigen», sagt Stadelmann. Leider wirken die beiden Herren etwas steif, und ihre Ausführungen erscheinen krampfhaft pädagogisch.

Überraschend und gelungen ist die Gestaltung der Ausstellung: Mit einem «Goodbye»-Schild werden die Besuchenden im Jenseits empfangen. Es ist leuchtend weiss mit schwarzen Streifen durchzogen. Diese zweifarbige Gestaltung zieht sich durch die ganze Ausstellung und gibt ihr ein irritierendes Raumgefühl. Doch trotz der originellen Gestaltung des Berliner Gestaltungsbüros gewerk ist die Ausstellung sehr konventionell, obwohl sie eigentlich ein ausgefallenes Thema behandelt. Vielleicht waren die Kuratoren doch zu sehr um Objektivität bemüht und wollten es allen recht machen: jenen, die an ein Jenseits glauben, jenen, die nicht daran glauben, und sogar jenen, denen sowieso alles egal ist.

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