Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Völlig vernebelt

Ruedi Widmer bedauert den «Nebelspalter»

Von Ruedi Widmer

Der ehemalige Chefredaktor der «Basler Zeitung», Markus Somm, und eine Investorengruppe, der unter anderem Konrad Hummler (Bankier) und Walter Frey (Emil Frey, Autoimport, SVP-Geldgeber) angehören, übernehmen die Satirezeitschrift «Nebelspalter». Das immer gleiche Konzept der Rechtsbürgerlichen ist es, einen bestehenden Namen zu übernehmen, um von dessen Ruf zu zehren. Der «Nebelspalter» ist hier keine Ausnahme. Somm war im «Echo der Zeit» hörbar stolz, einen Medientitel mit ruhmreicher Vergangenheit erworben zu haben. Als Historiker weiss er um die Vergangenheit dieser Zeitung, und ihm ist sicher nicht entgangen, wie der «Nebelspalter» unter Carl «Bö» Böckli (zufällig mein Stiefurgrossvater) in den dreissiger Jahren und während des Zweiten Weltkriegs klar gegen Faschismus in Deutschland wie auch gegen die Fröntler in der Schweiz Position bezog. Freilich wohnte diesem Kampf keine besonders linke Kraft inne, sondern eine eher liberale (der damalige Verlagsbesitzer Ernst Löpfe-Benz war Freisinniger). Trotzdem war die Zeitung aus Rorschach nicht in den bundesrätlichen Fahrplan der geistigen Landesverteidigung eingebunden, spürte der «Nebelspalter» doch dauernd den Ärger sowohl Deutschlands als auch des Bundesrats, weil er mit seinen Cartoons regelmässig diplomatische Verstimmung zwischen Bern und Berlin auslöste. In Deutschland war der «Nebelspalter» seit 1933 verboten. Nach dem Krieg wandte sich der «Nebi» konsequenterweise auch gegen den moskautreuen Sozialismus und wurde wiederum in der Tschechoslowakei verboten.

Was Somm, Hummler und Frey dazu bewog, hier einzusteigen, hat nichts mit Leidenschaft für Satire zu tun (zum Beispiel Bankier- oder Autowitze). Es ging darum, an dieses «Kampfblatt»-Image heranzukommen. Somm sagt von sich selbst, er sei nicht lustig. Ich spüre es im Urin, dass diese reichen Männer eine Stimme gegen das Rahmenabkommen mit der EU aufbauen wollen und glauben, die «Widerstands»-Romantik aufleben lassen zu können, wenn auch völlig verquer (Deutschland 1933 gleich EU/Merkel).

Doch die «Bö»-Zeit ist zu lange her, als dass sich noch irgendjemand damit ködern liesse (selbst online). Der «Nebelspalter» hatte jahrzehntelang den Ruf eines Wartezimmerhumorblatts (aber mit einigen Höhepunkten). 1995 versuchte Iwan Raschle, den «Titanic»-Kurs für die Schweiz zu adaptieren, was ganz lustig, aber zu hart für die Schweiz war, und die Auflage sank in den Keller (8000 Exemplare). Später hat sich Marco Ratschiller mit grossem Engagement wieder einen beachtlichen Abostamm von 20 000 aufgebaut, mit durchaus guten ZeichnerInnen und SchreiberInnen.

Worauf ich hinauswill: Wie SVP, «Weltwoche», «Basler Zeitung», Basler Läckerli, NZZ, EMS-Chemie ist auch der «Nebelspalter» ein gemachtes Nest, in das sich die ewig gleichen Leute hineinsetzen. Sie werden die jetzige Leserschaft vergraulen und versuchen, eine neue aufzubauen. Ebenso werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch «völlig neue Leute» ersetzt (Somm im Interview mit persoenlich.com). Erfahrungsgemäss ist dann die neue Leserschaft anzahlmässig nur noch die Hälfte der alten. Sie können sich dieses unwirtschaftliche, kräftezehrende Vorgehen leisten, weil es um Macht und Deutungshoheit geht und sie endlos viel Geld haben, um das durchzusetzen.

Vielleicht ist das alles auch nicht wahr, und sie suchten lediglich ein satirisch glaubwürdiges Gefäss, um endlich ungestraft das N-Wort schreiben zu dürfen. Aber schade bleibt es: Der «Nebelspalter» hat gerade auch mit seiner jährlichen Ausstellung «Gezeichnet» in Bern mit den besten Zeichnungen von fünfzig Schweizer PressezeichnerInnen eine wichtige Rolle in der gezeichneten Satire gespielt.* Lässig finden den neuen Kurs die wenigsten von ihnen.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur (und veröffentlicht nicht im «Nebelspalter»).

«Gezeichnet», Museum für Kommunikation Bern, ab 11. Dezember 2020. Die Vernissage findet am 10. Dezember 2020 um 19 Uhr online auf www.mfk.ch/vernissage statt.

* Korrigendum vom 6. Januar 2021: In der Kolumne steht fälschlicherweise, die Cartoonausstellung «Gezeichnet» im Museum für Kommunikation Bern werde vom «Nebelspalter» veranstaltet. Tatsächlich ist der «Nebelspalter» aber nur «Presenting Sponsor» der Ausstellung. Veranstalter ist der unabhängige Verein Gezeichnet. Wir bitten für das Versehen um Entschuldigung.

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