Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Leben retten, ganz illegal

Den Anstoss gegeben hat ihre Mutter. Ina Boesch legt ein Buch mit Porträts von FluchthelferInnen aus Europa vor - vom Zweiten Weltkrieg bis heute.

Von Paul L. Walser

«Fluchthelfer sind Grenzgänger: im eigentlichen Sinn des Wortes, da sie reale Grenzen überwinden, und im übertragenen Sinn, da sie Angst oder Gleichgültigkeit überwinden, die ihrem Handeln Grenzen setzen», schreibt Ina Boesch im letzten Kapitel ihres Buches. «Die Grenze, die hier interessiert, ist jedoch weder die innere noch die äussere, sondern der schmale Grat zwischen Legalität und Illegalität. Das ist die Grenze, die Fluchthelfer selbst zu Grenzfällen macht: Sie widersetzen sich der Begrenzung und nehmen sich den Raum, autonom zu entscheiden; sie halten sich nicht an Gesetze, sondern machen sich ihre eigenen Gedanken, was ethisch ist.»

Tarifa, Berlin, Jura

Die in Zürich lebende Historikerin und Ethnologin ging auf intensive Spurensuche. Den Anstoss gab die Information, dass ihre niederländische Mutter Reina im Zweiten Weltkrieg zwei jüdische Frauen in ihrem Heim in Haarlem versteckt und damit gerettet hatte. Es gelang der Tochter, im Lauf von hartnäckigen Recherchen noch lebende FluchthilfeaktivistInnen ausfindig zu machen, zu befragen und das Ergebnis in Form von persönlichen Reportagen und Interviews zwischen zwei Buchdeckel zu bringen. «Grenzfälle» heisst der Band, der anhand von fünf wahren Geschichten die letzten sieben Jahrzehnte beleuchtet.

Zunächst gelangen wir zur Südgrenze Europas: Im südspanischen Tarifa kümmert sich Nieves Garcia Benito, Tochter eines spanischen Offiziers, um die Flüchtlinge, die über die Meerenge von Gibraltar aus Afrika kommen: «Tatsächlich führe ich einen politischen Diskurs gegen die Einwanderungspolitik Europas.»

In der zweiten Geschichte geht es ins östliche Mitteleuropa, zur tschechisch-polnischen Grenze, und zurück ins Jahr 1939: Der junge jüdische Tscheche Artur Tüberger, der sich später Radvansky nannte, lotste so lange gefährdete Menschen durch einen Tunnel einer Kohlengrube, bis er selber zum Flüchtling wurde. Von der Gestapo verhaftet, überlebte er einen regelrechten KZ-Marathon, von Buchenwald bis Auschwitz. Es brauchte viel Überzeugungskraft der Autorin, bis der alte Mann zu erzählen begann.

Andere Gründe, gleiche Folgen

Der nächste Schauplatz ist die stille Vallée de Joux im Jura, wo die nunmehr ebenfalls hochbetagte Waadtländerin Anne-Marie Im Hof-Piguet 1942/43 zahlreichen verfolgten Menschen aus dem besetzten Frankreich über die Schweizer Grenze half und dabei einen hartnäckigen Widerstandskampf gegen einen stramm antisemitischen Grenzwachtkommandanten führte. Später gründete sie die Stiftung Swisscontact, ihr Ziel ist eine «Akademie der Menschenrechte».

Konsequenten Widerstand gegen die Behörden in der DDR leisteten im gespaltenen Berlin unmittelbar nach dem Mauerbau (1961/62) die Berliner Studenten Dieter Thieme und Detlef Girrmann. An ihrem ausgeklügelten Fluchthilfeunternehmen waren auch SchweizerInnen beteiligt - nicht zuletzt als PasslieferantInnen und -fälscherInnen. Ende Juni 1962 kam es in Ostberlin zu einem Schauprozess gegen die beiden.

Es folgt als letzte Geschichte die Begegnung mit Anni Lanz, die in den achtziger und neunziger Jahren im Basler Grenzgebiet vorab KurdInnen und TamilInnen Hilfe und Zuflucht bot. In ihrem Kampf gegen die immer restriktivere Asylpolitik nahm und nimmt sie sich der neuen Flüchtlinge, der Sans-Papiers, an.

Im Schlusskapitel setzt sich Boesch mit dem Phänomen «Grenze» und verschiedenen Aspekten der Flüchtlingsproblematik auseinander: «Tatsächlich sind die Ursachen, die Menschen vor siebzig Jahren in die Flucht getrieben haben, nicht dieselben wie heute, doch die Folgen sind die gleichen: Ein Flüchtling, der ertrinkt, ist ein Flüchtling, der ertrinkt, schreibt der Schriftsteller Navid Kermani.» Im vorliegenden Buch werden uns ein paar mutige, uneigennützige Menschen vorgestellt, stellvertretend für viele andere anonyme HelferInnen: ZeitgenossInnen, die sich nicht ärgern, wenn sie von der schweigenden Mehrheit als «Gutmenschen» belächelt werden.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch