Nr. 44/2008 vom 30.10.2008

Ein Ich im Paradies

Barbara Honigmanns neuer Roman liest sich wie ein grosser Stadtspaziergang: Die Autorin entdeckt das jüdische New York. Und darin sich selbst.

Von Michèle Wannaz

Andere mögen gerne Marmelade einkochen. Barbara Honigmann lieber Sätze. Und, keine Frage, das lohnt sich: Selten liest man Dinge, so klug und präzis, so sehr auf den Punkt gebracht.

Dabei ist der Inhalt ihres neuen Bändchens eigentlich ganz unspektakulär: Barbara Honigmann entdeckt New York. Dank eines Stipendiums kann sie sich hier treiben lassen, alte FreundInnen und entfernte Verwandte besuchen, tagelang faulenzen und durch die Gegend streifen.

Auch «Das überirdische Licht» könnte wie eigentlich alle ihre Bücher den Titel tragen, den Robert Gernhardt einst einem seiner Romane gab: «Ich Ich Ich». Immer ist ihr Schreiben autobiografisch, erinnerungssüchtig beinah, stets geht es um die Erforschung der - allerdings eng ans Weltgeschehen gekoppelten - Familiengeschichte, um die der eigenen Identität. Und die ist vor allem: jüdisch.

Absprung ohne Netz

Honigmann wuchs als Tochter deutsch-jüdischer SozialistInnen in der DDR auf. Der Vater lebte zeit seines Lebens vorwiegend in Hotels, als müsste er stets bereit sein zur Flucht. Der Ehe ihrer verschwiegenheitssüchtigen Mutter mit dem Meisterspion Kim Philby widmete Honigmann vor kurzem ein wundervolles Porträt. Verwandte schienen nicht zu existieren, weder real noch in Erzählungen: alles wie abgeschnitten.

In der Pubertät begann dann die Auflehnung, ein Suchen nach den Wurzeln auf eigene Faust. 1984 folgte schliesslich Honigmanns, wie sie es selber nennt, «dreifacher Todessprung ohne Netz: vom Osten in den Westen, von Deutschland nach Frankreich und aus der Assimilation mitten hinein ins Thora-Judentum».

In Strassburg, wo sie seither mit ihrem Mann und den beiden Kindern lebt, stahl sie sich dann irgendwann einmal ein paar halbe Stunden zusammen, wie sie sagt, um ihren ersten Roman zu schreiben. Seither ist sie aus der deutschen Literaturszene kaum mehr wegzudenken. Gemeinsam mit Maxim Biller, Rafael Seligmann, Esther Dischereit oder Robert Schindel zählt sie zur viel beachteten «zweiten Generation» deutsch-jüdischer AutorInnen, deren Familien den Holocaust überlebt haben - und die das Jüdischsein, in welcher Form auch immer, ins Zentrum ihres Werks rücken.

Dass New York Honigmann so paradiesisch erscheint, in ein so überirdisch klares Licht getaucht, liegt denn auch nicht allein an den klimatischen Bedingungen. Sondern besonders daran, dass es sich hier so selbstverständlich jüdisch leben lässt. Im Supermarkt gibt es überall koschere Lebensmittel, und an jeder Ecke trifft man auf hippe «heebs» (ein früheres Schimpfwort für JüdInnen, das heute gerne selbstironisch verwendet wird). Vor allem aber: Selbst in weniger säkularen Kreisen wird die eigene Identität nicht wie in Europa primär negativ über die historische Opferrolle, sondern positiv über Kultur, Religion und Lebensalltag definiert. Eigentlich nicht erstaunlich: JedeR zehnte BürgerIn ist hier jüdisch.

Betörender Klatsch

Für viele ist die Stadt inzwischen zur Heimat gewordenes Exil. Zum Beispiel für die alte Tante aus gutbürgerlich-schlesischem Elternhaus, deren Erinnerungen an Honigmanns rüpelhaften Vater zu den schrecklichsten ihrer Kindheit gehören: «Wie er sich anzog, wie er dasass, wie er sprach, so etwas hatte ich noch nie gesehen, gehört, erlebt. Das Allerschockierendste aber war, dass er aus meinem Zahnputzbecher getrunken hat, etwas Grauenhafteres konnte ich mir damals überhaupt nicht vorstellen.» Honigmann lacht. Die Tante auch. «Mein Gott, setzte sie dann hinzu, ich konnte ja nicht ahnen, zu was für grauenhaften Dingen wir noch ausersehen waren.»

So schön wie verstörend ist auch der Klatsch mit ein paar hochbetagten Damen, alle «child survivors» des Holocaust, die Honigmann auf einen Kaffee trifft. Und die sich standhaft weigern, deutsch zu sprechen. Auch sonst lassen sie Honigmann sich nicht sehr willkommen fühlen. Als diese in ihrer Verzweiflung zur «Allzwecklösung» greift, der Erkundigung nach den Kindern, stellt sie erschüttert fest, dass es hier gar keine Kinder gibt. Ob diese Frauen in ihrem Leben einfach unisono andere Pläne hatten (was bei dieser Generation kaum anzunehmen ist), ob sie - wie man das von vielen KZ-Überlebenden weiss - die physische Nähe zu anderen nie wieder ertrugen oder keine Kinder in eine Welt setzen wollten, in der ein solcher Schmerz möglich ist: Man weiss es nicht und muss es auch gar nicht wissen. Die kurze Szene brennt sich dennoch deutlicher ein als so vieles, was man über den Holocaust gelesen hat. Eine Miniatur, eine Skizze nur, doch jeder Satz ein Hammer.

Die meiste Zeit jedoch streift Honigmann einfach durch die Strassen. Dabei reflektiert sie stets ausgiebig die eigene Befindlichkeit. Doch immer, beinahe jedes Mal, wenn das Geschriebene gerade wieder in das allzu Belanglose, das Privatistische zu kippen droht, nimmt es eine wunderbare Wendung. Ganz unspektakulär auf den ersten Blick, vermeintlich als Nebensatz nur, der sich dann aber hochschraubt zu einer hochpräzisen, allgemeingültigen Beobachtung.

Das ist die grosse Kunst Barbara Honigmanns: ganz beiläufig Sätze aus dem Ärmel zu schütteln, die haften bleiben. Und komplexe Stimmungen zu kondensieren, sodass man denkt: «Ja. Genau so fühlt sich das jeweils an!» So liest sich dieses Bändchen wie ein Spaziergang mit einer Bekannten, die mit einem eine Stadt entdeckt, dabei auch mal etwas plapperig wird, einen aber immer wieder überrascht, erfreut und neugierig macht auf mehr. Auf mehr New York, und vor allem: auf mehr Honigmann.

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