Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

«Du siehst ja gar nicht so aus!»

Antisemitische Symbolik bei den Coronademos, Eskalation im Nahen Osten, stereotype Zuschreibungen: Was bedeutet es in der Schweiz, in politisch aufgeladenen Zeiten wie den jetzigen jüdisch zu sein? Drei junge Menschen erzählen.

Von Anna JikharevaMail an Autor:in (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Das riesige Banner auf dem Bahnhofplatz ist kaum zu übersehen. «Anne Frank», steht darauf, «ihre Eltern haben die Grausamkeit der damaligen Politik unterschätzt». Dazu ein Bild des deutsch-niederländischen Mädchens, das mit seinen Eltern vor den Nazis floh und später im Konzentrationslager ermordet wurde. Das Plakat, gesichtet auf einer Demo gegen die Coronamassnahmen in Luzern vor ein paar Wochen, vergleicht die Pandemiebekämpfungsstrategie des Bundesrats mit dem Holocaust – und gibt Franks Eltern eine Mitschuld an ihrem Tod. So weit, so abstrus.

Hier ein Plakat mit Judenstern auf gelbem Hintergrund und dem Slogan «Ungeimpft», dort eines mit dem Spruch «Die Impfung macht frei» in Anlehnung an die Aufschrift auf dem Torbogen von Auschwitz: Ähnliche Symbolik wie an jenem Tag in Luzern, die die Vernichtung von sechs Millionen europäischen JüdInnen mit den Massnahmen gegen Covid-19 vergleicht und das historische Verbrechen damit verharmlost, war in den letzten Monaten immer wieder zu sehen: auf den Kundgebungen und in den Telegram-Chats der Querdenkerinnen und Coronaleugner. In der Schweiz ebenso wie in den Nachbarländern. Hinzu kommt die antisemitische Verschwörungserzählung, wonach die Pandemie von einer «mächtigen Elite» oder dem Unternehmer Bill Gates geplant worden sei, um sich zu bereichern. Jahrhundertealte Stereotype in neuem Gewand.

Enge familiäre Bande

Fragt man Jonas Levy, was solche Bilder und Erzählungen in ihm auslösen, winkt er ab. «Himmeltraurig» seien sie, aber auch «irgendwie ziemlich lustig». «Es ist doch krass, dass die so viel von uns halten: Wir sind so ein kleines Volk, haben aber in ihren Augen so viel Macht.» Levy, der aus Sorge vor negativen Reaktionen seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat vor zwei Jahren sein Informatikstudium abgeschlossen, dann bei einem Start-up gearbeitet. Mitten in der Pandemie wechselte er zu einer grösseren IT-Firma. Nun sitzt er auf dem Sofa seiner WG-Stube in einer Blocksiedlung in der Nähe von Bern. Ein paar Freunde und die Mitbewohner trinken auf dem Balkon ihr Feierabendbier, während der 26-Jährige davon erzählt, wie es in politisch aufgeheizten Zeiten ist, als junger Mensch jüdisch zu sein.

Etwas mehr als 18 000 JüdInnen leben in der Schweiz, die meisten von ihnen in den Städten, vor allem in Zürich, Genf und Basel. Rund zwei Drittel sind Teil einer sogenannten Einheitsgemeinde, die orthodoxe, traditionelle und säkulare Mitglieder unter religiös orthodoxer Führung vereint. Die meisten Schweizer JüdInnen gehörten eher der Mittelschicht an, erklärt die Zürcher Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus, die verschiedentlich zur Komplexität jüdischer Identitäten publiziert hat. Sie betont: «Das Zugehörigkeitsgefühl zur Gemeinschaft geht bei vielen weit über die Religion hinaus.»

Die Identitäten bilden sich heute denn auch oft nicht primär aus der Religion, sondern aus den kulturellen Traditionen, die diese hervorgebracht hat. Und aus einem ständigen Ausloten und Erkunden, was diese für das eigene Leben bedeuten. Levy zum Beispiel bezeichnet sich selbst als «jüdischen Atheisten». Zwar ist auch er Gemeindemitglied und hat als Jugendlicher am dort angebotenen Religionsunterricht teilgenommen. Stark geprägt sei er davon aber nicht, eher interessiere auch ihn die Kultur drumherum. «Für eine jüdische Beerdigung braucht es zehn Männer, da mache ich manchmal mit.»

Levy feiert mit seiner Familie jüdische Feiertage wie das Lichterfest Chanukka. Er ernährt sich nicht koscher, lebt also nicht nach den jüdischen Speisegesetzen, isst aber «mehr aus Gewohnheit» wenig Schweinefleisch. «Jeder macht es so, wie es ihm oder ihr passt, nur eine Minderheit ist wirklich religiös, dafür sind vielen enge familiäre Bande wichtig.»

«Ein ständiger Aushandlungsprozess»

Zentral ist die Familie auch für Ilana Bloch. Die Zwanzigjährige sitzt mit einem Kaffeebecher in der Hand auf dem Boden der Bundeshausterrasse und erzählt davon, was Jüdischsein für sie bedeutet. Wo sich Levy als «jüdisch atheistisch» charakterisiert, sieht sie sich als «traditionell jüdisch». «Auf einer Skala von 1 bis 10 steht für mich die Religion bei 6,5. Ich glaube nicht an Gott, muss nicht beten, um mich jüdisch zu fühlen.» Traditionell, das bedeutet für sie etwa, kein Schweinefleisch zu essen, sich aber ansonsten nicht strikt koscher zu ernähren.

Auch Bloch betont die Werte und Traditionen, die in ihre Erziehung eingeflossen sind, in ihrer Familie geht ausser den Grosseltern aber niemand in die Synagoge. «Wichtig sind mir Toleranz und Offenheit, die ich auch zu leben versuche. Egal, ob verwandt oder nicht: An Schabbat steht unsere Tür immer offen.» Jeden Donnerstag kocht ihre Mutter die Mahlzeiten vor, am wöchentlichen Ruhetag kommen Verwandte zu Besuch, es wird zusammen gegessen und diskutiert. Für die junge Frau, die zurzeit noch Biologie studiert, bald aber zu Zahnmedizin wechseln will, ist das ein wichtiges Ritual. «Später am Abend könnte ich in den Ausgang, aber das will ich meistens gar nicht.»

Wie religiöses jüdisches Leben in der Schweiz aussehen kann, davon weiss hingegen Dorit Kohn (33) zu berichten. Kohn ist vor bald fünf Jahren aus beruflichen Gründen mit ihrem Mann aus Israel in die Schweiz gezogen. Seit zwei Jahren amtet er als Rabbiner der Einheitsgemeinde Bern/Biel, der auch Ilana Bloch und Jonas Levy angehören. Inzwischen haben die Kohns drei Kinder, die sie nach den jüdischen Regeln grossziehen. «Das Judentum ist unser Leben, es ist ‹almost always present›.» Wenn Kohn spricht, macht sie zwischendurch lange Pausen, wählt ihre Worte mit Bedacht, zuweilen mischen sich englische Wörter in ihr Hochdeutsch, je mehr ein Thema sie emotional berührt, desto mehr werden es.

Sich selbst sieht Kohn als «modern orthodox»: Sie versucht, liberale Ideen in eine orthodoxe Tradition zu bringen. «Man muss mit dem Widerspruch und den potenziellen Konflikten umgehen können, es ist ein ständiger Aushandlungsprozess», sagt sie beim Treffen in einem Café im Berner Monbijouquartier. Wenn die Tochter am Schabbat, an dem orthodox lebende JüdInnen keinerlei Arbeiten verrichten, an ein Geburtstagsfest wolle, dürften die Eltern das nicht verbieten, da das Kind den traditionellen Ruhetag sonst hasse. Ihr Mann habe das Geschenk für die beste Freundin auch schon mal freitags in dem Park versteckt, in dem am nächsten Tag die Feier stattfand. «Es bedarf einfach einer besseren Organisation.»

In Bern fühlt sich die Familie sehr wohl, es sei «langsamer und ruhiger» als in Jerusalem, die Leute seien sehr freundlich. Weil es in der Stadt – im Gegensatz zu Zürich – keine jüdische Schule gibt, übernehmen die Eltern die religiöse Erziehung: Kindergottesdienst am Morgen, koscheres Essen für Schule und Kindergarten, Geschichten aus der Thora und gemeinsames Singen. «Wir müssen die Balance zwischen Lehrer- und Elternsein finden», sagt Kohn, die in der Gemeinde Religion unterrichtet und Mädchen auf die religiöse Mündigkeit Bat Mizwa vorbereitet. Den Alltag mache das nicht einfacher. «Im Gegensatz zu Israel, wo alles auf die jüdischen Gesetze ausgelegt ist, musst du hier mehr über die eigene Identität nachdenken, mehr Zeit investieren.» Ein weiterer Unterschied, der sie beschäftigt: «Die Schweiz könnte wirklich mehr ‹working mother friendly› sein.» Der Frauenstreik habe sie sehr beeindruckt, sagt Kohn. «Es gibt noch viel zu tun.»

Antisemitismus im Alltag

Während ihres Politikstudiums hat sich Kohn in einer Seminararbeit mit der Geschichte des Schächtverbots beschäftigt. «Mit Erstaunen erfuhr ich, dass die Schweiz das Verbot als erstes Land in Europa einführte.» 1893 nahm eine Mehrheit der Schweizer die allererste Initiative an, die je zur Abstimmung kam – und sich gleich gegen eine Minderheit richtete. Der Abstimmungskampf war damals stark von Antisemitismus geprägt. Erst wenige Jahre zuvor war den Schweizer JüdInnen nach langen politischen Auseinandersetzungen das Bürgerrecht gewährt worden, was ihnen ermöglichte, den Wohnort und den Beruf frei zu wählen.

Auch später prägte der Antisemitismus politische Entscheide massgeblich. Im Zweiten Weltkrieg schloss die neutrale Schweiz ihre Grenzen für jüdische Flüchtende – und schickte damit Zehntausende Menschen in den Tod.

Wirkmächtig ist der Antisemitismus auch heute noch. Der Bericht der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) und der Dachorganisation Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund (SIG) zählt 2020 für die Deutschschweiz 532 antisemitische Vorfälle. Für die Westschweiz verzeichnet die Organisation Coordination intercommunautaire contre l’antisémitisme et la diffamation (CICAD) mit 147 Fällen einen «deutlichen Anstieg». Weil sich längst nicht alle Betroffenen bei den Fachstellen melden, ist die Dunkelziffer hoch. Und anders als die Nachbarländer führt die Schweiz keine Statistik zu antisemitisch motivierten Straftaten, die Polizei ist nicht dazu verpflichtet, das Motiv zu notieren.

Dina Wyler ist Geschäftsführerin der GRA. Sie sagt: «Anfang Jahr konnten wir beobachten, wie zum gängigen Alltagsantisemitismus vermehrt Vorfälle kamen, die für die Schweiz sehr gravierend sind.» Zweimal wurden bei sogenannten Zoom-Bombings, bei denen unbekannte Personen in Videokonferenzen eindrangen, gezielt jüdische Räume angegriffen. Hinzu kamen Schweineköpfe vor den Synagogen in Genf und Lausanne, ein Hakenkreuz an der Tür zur Synagoge in Biel. Wyler erklärt sich das auch mit der aufgeheizten Stimmung: «Eine allgemeine Verunsicherung und Unzufriedenheit entlädt sich auf Kosten einer Minderheit – wieder einmal.» Der Antisemitismus sei in der Gesellschaft immer vorhanden, aber je nach Trigger komme er stärker oder weniger stark zum Vorschein.

Christina Späti erforscht den Antisemitismus seit Jahrzehnten. In der Schweiz sei dieser zurückhaltender als in anderen Ländern, sagt sie, werde dafür aber auch kaum diskutiert. «Viele haben ihn schon immer eher als Problem des Auslands wahrgenommen, das mit der Schweiz nur wenig zu tun hat.» Späti, die an der Universität Fribourg Professorin für Zeitgeschichte ist, unterscheidet mehrere Betätigungsfelder: den traditionellen Antisemitismus, der teils schon jahrhundertealte Stereotype und verschwörungstheoretische Ansätze beinhalte und aktiviert werde, wenn man nach einfachen Erklärungen suche. Nach 1945 seien zwei weitere dazugekommen: die Kritik an Israel – die aus Spätis Sicht jeweils dann antisemitisch ist, wenn es nicht um die Politik der Regierung geht, sondern um die Verantwortung der JüdInnen für diese Politik – sowie der Umgang mit dem Holocaust.

Die geschichtsvergessenen Vergleiche an den Coronademos erklärt sich die Historikerin so: «Der Holocaust gilt weithin als Inbegriff des Bösen. Wenn sich jemand darüber beklagen will, dass der Staat in seine Privatsphäre eingreift, sucht man nach einem möglichst überzeugenden Vergleich. Wenn man sagt, man sei so arm dran wie die Juden damals, geht man davon aus, dass alle verstehen, wie schlimm die Situation ist.»

«Der Antisemitismus ist ein Verwandlungskünstler», sagt auch Dina Wyler. Ein Narrativ ziehe sich aber durch die gesamte Geschichte: dass die JüdInnen als nicht zugehörig gälten und deshalb ausgegrenzt würden – auch in der Schweiz. Späti formuliert es so: «Wenn man früher etwas nicht erklären konnte, musste jemand schuld sein – und das waren dann die Juden, weil ihnen seit Jahrhunderten die Rolle der klassischen Aussenseiter zugeschrieben wurde, die als anders galten.»

Bloss nicht auffallen

Dass sich der Antisemitismus Bahn bricht, wenn die Verunsicherung gross ist oder im Nahen Osten der Konflikt eskaliert, berichten auch Bloch, Levy und Kohn. Besonders in Erinnerung ist dem heutigen IT-Fachmann Levy eine Episode aus seinen Teenagerjahren: Auf einer Busfahrt erzählte er zwei Freunden von einem jüdischen Fest, das er mit seiner Familie gerade gefeiert hatte. Eine Frau hörte mit und fing an zu schreien. «Ah, euch Juden sollte man vergasen.» Levy stieg früher als beabsichtigt aus dem Bus aus und lief nach Hause. «Der grösste Schock für mich war, dass in dem vollen Bus niemand etwas sagte», erinnert er sich.

Gerade ist Levy von einer Hochzeit aus Israel zurückgekehrt. Und hat sich gefragt, ob er den ArbeitskollegInnen davon erzählen soll. Dass er jüdisch ist, wissen sie nicht. Vermeidungsverhalten nennt sich in der Psychologie diese Unsicherheit, vielen Mitgliedern einer Minderheit dürften solche Gedanken bekannt vorkommen: Lieber nicht auffallen. «Aber das», so Levy, «kann es doch irgendwie auch nicht sein.» Ob er das Gefühl habe, dass der Antisemitismus zunehme? Eigentlich sei es in der Schweiz nicht so schlimm wie in anderen Ländern, Anschläge wie jener eines Rechtsextremen auf die Synagoge von Halle könnten hier nicht passieren, glaubt er. «Aber dann finde ich mich naiv.»

Studentin Ilana Bloch sagt, sie habe «eigentlich nie etwas Böses gespürt». Einmal, erinnert sie sich, habe ein Mitschüler einen blöden Spruch gemacht – und sei vom Lehrer zurechtgewiesen worden. «Dass der Antisemitismus seit Beginn der Pandemie zugenommen hat, merke ich aber daran, dass die Synagoge mehr Schutz benötigt.» Auch der Nahostkonflikt spiele jeweils eine Rolle. «Die Kommentare auf Social Media, wenn in Israel Krieg herrscht, finde ich schrecklich, ich muss jedes Mal leer schlucken bei dem ganzen Hass.»

Dorit Kohn sagt, sie habe – im Gegensatz zu ihrem Mann, der in der Öffentlichkeit Kippa trägt – kaum Antisemitismus erlebt. Einmal habe ihn jemand aus einem fahrenden Auto angeschrien und den Hitlergruss gezeigt. «Als europäischer Jude ist er daran gewöhnt», sagt sie, «vor allem, wenn im Nahen Osten die Gewalt eskaliert.» Besonders zu schaffen gemacht hat dem Paar die Schändung der Bieler Synagoge, für die ihr Mann zuständig ist. «Da kam die Gefahr schon sehr nah.»

2020 hat die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften erstmals Schweizer JüdInnen zu ihrer Wahrnehmung von Antisemitismus befragt. «Die Studie bestätigt, was wir schon immer gesagt haben: JedeR Zweite hat in den letzten fünf Jahren Antisemitismus erlebt», sagt GRA-Geschäftsführerin Wyler. Ihre Erfahrungen könne man den JüdInnen nun nicht mehr absprechen. Ein Drittel der Befragten gab an, gewisse Orte wegen Sicherheitsbedenken zu meiden, jedeR Siebte hatte Angst vor einem Angriff. Gerade bei Jüngeren und Menschen, die aufgrund ihrer Kleidung als jüdisch erkennbar sind, ist diese Angst besonders gross.

Klar wird in allen Gesprächen: Unabhängig von persönlichen Erfahrungen mit Antisemitismus und Diskriminierung gibt es auch eine Art kollektive Identität als Leidensgemeinschaft. Deren wohl sichtbarster Ausdruck sind die Sicherheitsschleusen an jüdischen Schulen, die Wachleute vor den Synagogen. Erst seit 2019 unterstützt der Bund mit 500 000 Franken jährlich Schutzmassnahmen für bedrohte Minderheiten, einen zusätzlichen Beitrag leisten Kantone und Gemeinden. Der SIG schätzt die Kosten für den Schutz jüdischer Einrichtungen allerdings auf sieben Millionen, die Unterstützung des Bundes deckt also nur einen kleinen Teil ab – dabei gehört der Schutz der BürgerInnen zu den staatlichen Kernaufgaben.

Kein Problem der Minderheit

Was wohl am besten gegen Antisemitismus hilft, ist Aufklärung. Ilana Blochs Rezept für mehr Wissen ist ein Projekt namens «Likrat», was auf Hebräisch «aufeinander zugehen» bedeutet. Initiiert vom SIG, soll «Likrat» NichtjüdInnen das Judentum nahebringen und so Vorurteile abbauen. Entsprechende Projekte gibt es in Schulen, aber auch beim Militär oder in Tourismusregionen. Der Fokus auf den Antisemitismus könne den Blick auch verstellen, sagt die Studentin. «Ich verstehe das schon, aber es stellt uns auch als Opfer dar, dabei wollen wir doch handeln.»

Als Bloch im Teenageralter war, erzählte ihr ein Freund von Likrat, seither steht sie regelmässig vor Schulklassen und kämpft gegen Vorurteile. «Was, du bist jüdisch? Du siehst ja gar nicht so aus!», sei die häufigste Frage, die sie gehört habe, erzählt Bloch. «Was hast du erwartet, wie JüdInnen aussehen?», fragt sie dann jeweils zurück.

So wie die JüdInnen überwiegend selbst für ihre Sicherheit sorgen müssen, obliegt ihnen auch ein grosser Teil der Aufklärungsarbeit – als wären Antisemitismus und der Kampf dagegen nicht das Problem der gesamten Gesellschaft, sondern nur der bedrohten Minderheit. Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus beklagt denn auch das allgemeine Desinteresse am Thema. «Warum müssen die JüdInnen immer selbst um Verständnis werben? Es ist doch nicht allein ihre Aufgabe.»

Antisemitismus

Eine komplexe Debatte

Wer Antisemitismus bekämpfen will, braucht präzise Definitionen. Durchgesetzt hat sich jene der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), nach der sich diverse nichtstaatliche Organisationen und Dutzende Staaten, darunter auch die Schweiz, richten. Antisemitismus ist demnach «eine Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann». Er richte sich «gegen jüdische und nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen». Erscheinungsformen könnten sich auch «gegen den Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, richten». Allerdings könne Kritik an Israel, die mit der an anderen Ländern vergleichbar ist, nicht als antisemitisch betrachtet werden.

In den letzten Jahren ist gerade der letzte Teil zum Gegenstand heftiger Debatten geworden. Manche ExpertInnen kritisieren die IHRA-Definition als «schwammig und unklar»: Sie erlaube, jede Art von Kritik an der israelischen Politik als antisemitisch zu verunglimpfen.

Um die Diskussion über Israel von jener über Antisemitismus zu entkoppeln, lancierten 200 WissenschaftlerInnen Anfang Jahr die «Jerusalemer Erklärung» (JDA). Darin wird Antisemitismus als «Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen JüdInnen als JüdInnen (oder jüdische Institutionen als jüdische)» bestimmt – und in Leitlinien detaillierter definiert, in denen es etwa um die auch in der Schweiz aktive BDS-Bewegung geht, die zu Boykott, Desinvestition und Sanktionen gegen den israelischen Staat aufruft. Nach der Publikation gab es auch auf diesen Versuch teils heftige Reaktionen: Die JDA falle hinter den Stand der Forschung zurück und verharmlose antisemitische Formen der «Israelkritik», monierten die KritikerInnen.

Anna Jikhareva

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