30.09.2004

Dicht neben der Lüge

Von Bettina Spoerri

«Ein Kapitel aus meinem Leben» nannte Barbara Ho­nigmanns Mutter «Lizzy» Kohlmann verharm­losend die Jahre,

in denen sie mit ­einem englischen «Gentleman» und «Upperclass-Jüngling», dem «Jahrhundertspion» Kim Philby, der für den KGB arbeitete, verheiratet war. Lange verbarg sie diese zwölf Jahre ihres Lebens vor ihrer Tochter aus zweiter Ehe; erst 80-jährig, ein Jahr vor ihrem Tod 1991, erzählte sie ihr mehr über ihre geheimen Aktivitäten. Dabei schaffte sie es allerdings, immer noch ebenso viel zu verbergen. «Meine Mutter», schreibt Barbara Honigmann, «war eine Meisterin der Konversation, also der Kunst, das Gespräch von der einen in eine andere Richtung zu wenden.»

Die Tochter und Autorin hat nun aber nicht einen autobiografisch fundierten Spionageroman über jene Lebensphase ihrer Mutter geschrieben, sondern vielmehr eine Art Pendant zu ihrem «Vaterroman» («Eine Liebe aus Nichts»). Sie spinnt damit die Poetologie des Erinnerns konsequent weiter. Ihrer impulsiven, widersprüchlichen und auch chaotischen Mutter nähert sich Honigmann virtuos, mit einem humorvollen, aber auch melancholischen Blick aus der Perspektive der Tochter, die immer nur Bruchstücke erhaschen kann. So hat sie ihre Erinnerungen an eine Mutter zusammengetragen, die selber wenig von Erinnerungsarbeit hielt und gerne mit ihrer Identität spielte, indem sie beispielsweise ihren Vor­namen immer wieder anders schrieb oder wichtige Lebensdaten – «geradezu zwanghaft» – im Ungefähren beliess. «Sie hat mich geboren», resümiert Barbara Honigmann im letzten Kapitel ihres «Mutterbuches», «und nun setze ich sie wieder als Legende in die Welt. Kurz hinter der Wahrheit und dicht neben der Lüge, so wie es ihr Credo war.» Das Buch ist eine kleine, intelligente, aber auch augenzwinkernd Rache der Tochter an der Mutter – und gleichzeitig ein Text über das Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern ganz allgemein. Und einmal mehr ein wichtiger Beitrag zum komplexen Verhältnis zwischen Erinnerung und Fiktion.

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