Nr. 50/2008 vom 11.12.2008

Die Macht der Solidarität

Von Sonja Wenger

Vielleicht überrascht beim Lesen der Biografie «Monika Hauser - nicht aufhören anzufangen» am meisten, in welchem Ausmass Gewalt gegen Frauen noch heute als Kavaliersdelikt gilt. Es scheint nach wie vor nicht wichtig genug - oder politisch nicht opportun genug -, um dagegen mit allen Mitteln vorzugehen. Noch immer sind Frauen in sämtlichen Konflikten dieser Welt «Kriegsbeute», noch immer ist das Geschlecht ein Verfolgungsgrund, und mehr denn je wird Vergewaltigung gezielt als Kriegswaffe eingesetzt.

Es ist mit ein grosses Verdienst der Schweizer Gynäkologin Monika Hauser, dass es im Kampf gegen diese gravierenden Menschenrechtsverletzungen in den vergangenen fünfzehn Jahren Erfolgserlebnisse zu verzeichnen gibt. Hauser hatte 1992 einen Artikel über systematische Vergewaltigungen von Frauen im Bosnienkrieg gelesen und reiste daraufhin ins Kriegsgebiet. Innerhalb weniger Monate baute Hauser in Zenica das weltweit erste Therapiezentrum für kriegstraumatisierte Frauen auf - viele sollten danach folgen: im Kosovo, in Afghanistan, Liberia und Indonesien. Die von Hauser gegründete Organisation Medica mondiale leistet seither viel Grundlagenarbeit bei der Traumabewältigung und im Bereich Menschenrechte. Für ihr Engagement bekam Hauser Anfang dieser Woche den Alternativen Nobelpreis 2008 verliehen.

Die deutsche Journalistin Chantal Louis hat nun eine Biografie über Hauser geschrieben, die gleichzeitig historisches Dokument, Sachbuch und Porträt ist. Dabei gelingt Louis eine interessante Gratwanderung zwischen pathetischen Momenten, kritischen Fragen und einer sensiblen und ausserordentlich offenen Darstellung von Hausers Charakter mit allen Stärken und Schwächen. Ihre scharfe Beobachtungsgabe vermittelt die Erfahrungen der traumatisierten Frauen, als würde man ihnen selbst zuhören, ohne aber in Voyeurismus oder Hilflosigkeit zu verfallen.

In dem Buch geht es trotz klar feministischen Grundtons nicht um «feministische Prinzipienreiterei», sondern einfach um Frauen, die ihre Geschichte erzählen, und um jene Person, die ihnen das ermöglicht hat. Die Aussagen im Buch könnten aktueller nicht sein, das zeigen die Gewaltexzesse im Krieg gegen die Frauen im Kongo. Das Grundproblem, die Missachtung der Frauen in patriarchalischen Gesellschaften und durch chauvinistisches Denken, ist bis heute nicht gelöst. Aber auch dank Medica mondiale gibt es immerhin Ansätze zu einem Umdenken:

So wird sexualisierte Gewalt inzwischen als schwerste Menschenrechtsverletzung mit teilweise lebenslangen physischen und psychischen Verletzungen wahrgenommen.

Der Zusammenhang zwischen zutiefst verletzter Seele, fehlender Therapie und physischen Krankheiten hat Einzug in Medizin, Psychologie und Alterspflege gehalten, da die Traumata der Frauen oftmals über Generationen weitergegeben werden.

Frauenorganisationen können im Kampf um mehr Würde und Sicherheit der Zeuginnen bei den Kriegsverbrechertribunalen in Den Haag gewisse Erfolge vorweisen.

Seit Juli 2006 existiert in Bosnien ein Gesetz, das es im Krieg vergewaltigten Frauen ermöglicht, als Kriegsopfer anerkannt zu werden.

Das Buch ist entsprechend keine leichte Kost - doch es führt einem unmissverständlich vor Augen, dass endlich Schluss sein muss mit dem Wegsehen und mit der Tabuisierung der Taten und der Stigmatisierung der Opfer. Der erste Schritt zur Verbesserung der Situation und zur Heilung ist das Sprechen und das Dokumentieren. Sich als LeserIn dem Thema zu stellen, hat also auch etwas mit Solidarität zu tun.

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