Nr. 51/2008 vom 18.12.2008

Ligurische Winterfrischen

Vor hundert Jahren pilgerten Sonnenhungrige in der kalten Jahreszeit ans Mittelmeer. Winterwandernde wissen das auch heute noch zu schätzen.

Von Ursula Bauer und Jürg Frischknecht

Sie war eine Kulmianerin der ersten Stunde. Fünfzehn Jahre lang hatte die britische Fotografin und Alpinistin Elizabeth Main die Wintermonate im Kulmhotel St. Moritz verbracht.

Und dann dies. Im November 1900 meldete die auf Englisch erscheinende «Alpine Post», Leibblatt der britischen St. Moritzer Kolonie: «Ein anderer alter St. Moritzer Gast, der über viele Jahre unserem Ort die Treue hielt, Mrs Main, heute Mrs Aubrey Le Blond, kehrt diesen Winter nicht zurück. Sie will nämlich Gegenden bereisen, die sie noch nicht kennt.» Sie wolle mit ihrem neuen (dritten) Gatten im Mittelmeer segeln und plane anschliessend eine Fahrradtour entlang der Riviera, bevor sie dann im April nach England zurückkehre.

Die sportliche Dame stammte aus den besten Kreisen, ihr Ehemann immerhin aus den besseren. Wir unterschieben dem Paar ohne Gewissensbisse, dass es in diesem Winter nicht ganz zufällig an der Riviera radelte. Hatte sich doch auch Queen Victoria angekündigt und eines der angesagtesten Häuser, das Hotel Angst in Bordighera, für eine ganze Wintersaison gemietet.

Die Winterfrische Bordighera, ein Dörfchen nahe San Remo, war wenige Jahrzehnte zuvor durch die Schmonzette «Il Dottor Antonio», die Liebesgeschichte zwischen der Engländerin Lucy und ebenjenem einheimischen Dottore, zu Ruhm und Ehren gekommen und seither fest in englischer Hand. Man pilgerte dahin, wo Herz/Schmerz überm blauen Meer wabert und auch im Winter milde Lüftchen den Jasmin umschmeicheln. Wo in den Gärten rund um den Ort nicht nur Palmen in die Höhe wuchsen, sondern auch Villen.

Hier rührte der Hotelier Adolfo Angst, nachdem sein kleines Hotel Bordighera abgebrannt war, 1887 mit der grossen Kelle an. Das Grand Hotel Angst bot in 200 Zimmern allen Luxus jener Zeit, heisses Wasser rund um die Uhr, elektrisches Licht sowieso, eine Bibliothek mit Werken in allen europäischen Sprachen, Meersicht, Ruhe, Palmenhain und gediegene Nachbarn. Was später in St. Moritz in den goldenen 1970er Jahren der Dracula Club im Palace, war damals im Hotel Angst der Bridge Club, wo sich zu den Feten 500 bis 1000 Nachtschwärmer einfanden.

Es war eine Welt für die Gesunden, Kranke hatten, so stand es schon im Prospekt, keinen Zutritt. Die Queen kam schliesslich nicht, der Burenkrieg verhinderte das Wintermärchen; Bordighera, eben noch bis zum letzten Rattenloch ausgebucht, verfiel in eine kurze, heftige Winterstarre. Ob Mrs Aubrey Le Blond gewesene Main in jenem Winter in Bordighera abgestiegen ist, wissen wir nicht.

Schneehasenfreies Winterasyl

Fotografen, LiteratInnen, Theatermacher, alle erliegen sie noch heute dem Charme des ehemaligen Grandhotels, des Hotels Angst, das aus leeren Fenstern auf die paar FlaneurInnen hinunteräugt, die durch die schmiedeeisernen Gitter und profanen Abschrankungen in den verwilderten Park linsen. Die lang gezogene Fassade kränkelt stockfleckig in der bleichen Wintersonne. «Meine Grossmutter war Kindermädchen hier», sagt eine amerikanisch gefärbte Stimme neben uns. «Und der Herr Angst war Schweizer», sagen wir.

Darauf ein Prosecco unten am Lungomare, unter schwefelgelben Mimosenbäumchen, ein vorfrühlingshaft liebenswürdiges Mittelmeer zu Füssen. «Wieso kommen die Schweizer nicht jetzt, im Winter, hierher, jetzt ist es doch am schönsten.» Ja, nach ein paar Tagen Herumschlendern in den Hügeln, durch die aufblühenden Ginsterplantagen hinter Ventimiglia, durch immergrüne Wäldchen und Palmenhaine, entlang den Hotelpromenaden von San Remo, wo sich schon jetzt, im Januar, die englischen Reisebusse vor den Grandhotels, den trutzigen Hotelschlössern der ersten Stunde, aufreihen - ja, wieso nicht?

Wer sich die Riviera dei Fiori gönnen konnte, war Philanthrop, adlig oder - dank altem Geld oder neuem aus dem Casino in San Remo - einfach reich. Das gemeine Wandervolk kam schon früher nicht in Strömen hergerannt, nicht im Winter (und im Sommer schon gar nicht). Dem versuchte der deutsche Reiseschriftsteller Woldemar Kaden abzuhelfen. «Die Riviera - Wanderziele und Winterasyle der ligurischen Küste von Nizza bis Spezia», hiess sein 1885 erschienener Prachtband. Land und Leute, Pflanzen, Wind und Meer, Durchschnittstemperaturen und Anzahl Regentage bringt er seinen Landsleuten aufs Blumigste näher.

Seinen Winterasylen kann man hie und da noch begegnen, nicht immer sind es Ruinen. Unser Winterasyl hier in Bordighera heisst zwar «Aurora» und ist, wie könnte es anders sein, ein bisschen démodé, aber gut bestückt mit Lederfauteuils aus den fünfziger Jahren, zwei Salons und einer absolut zufriedenstellenden Heizung. Die Aussicht zeigt Meer, der Palmengarten liegt gleich nebenan.

Taufe in Nervi

Unsere ligurische Wintertaufe erhielten wir auf der anderen Seite von Genua, an der Levante, genauer: in Genuas Hotel- und Villenvorort Nervi. Ein prächtiger Wintersturm liess das Meer in hohen Wellen donnernd auf die Felsküste auflaufen, meterhohe Gischtfahnen schlugen über die Promenade. Ahnungslos waren wir an einem 24. Dezember angereist, um mit Christoph Hennigs Beschreibung (vgl. «Wandern in den 'Übergangsstationen'» weiter unten) Richtung Cinque Terre zu wandern. Ein Zimmer hatten wir nicht reserviert, wozu auch? Seither wissen wir, dass hier an Weihnachten kurz und heftig Höchstsaison ist und das Meer oft, aber nicht immer lächelt.

«Mio marito, Gott hab ihn selig, starb an einer Lungenentzündung.» - «Meiner, in den besten Jahren von uns gegangen, an einem entzündeten Bauchfell.» Die Damen zupfen sich ihre Fuchsstolen zurecht und gehen sogleich zu den eigenen Gebresten über. Man nippt am Frühstückskaffee und knabbert an den Brioches. Ein Hündchen sitzt erwartungsvoll, in eine Art englisches Plaid gezwängt, auf einem Stuhl neben seiner Herrin.

Es ist kein, alter pompöser Rivierakasten, in den wir geraten sind. Die Auswahl in Nervi ist nicht mehr gross. Aber noch gibt es sie, die Stammgäste aus den Zeiten, als man vor Weihnachten anreiste und bis Ostern blieb. Doch sie sterben weg. Bis es so weit ist, leben sie eine verblichene Eleganz, die auch der Villa Bonera, in die es uns glücklicherweise verschlagen hat, eigen ist.

Kulisse aus Schweizer Hand

Im Winter lässt sich sogar in den Cinque Terre in Ruhe und Frieden wandern. Die Wandermeile in den steilen Terrassenhängen über dem Meer ist mittlerweile weltberühmt und in der warmen Jahreszeit in jeder Hinsicht eine touristische Terra bruciata, die man am besten grossräumig meidet. Im Winter, ab Epifania (6. Januar), wenn es nach den Festtagen ruhig wird, ist auch ein Stella Maris in Levanto, dem Tor der Cinque Terre, noch nicht voller britischer, amerikanischer oder japanischer ItalienfahrerInnen.

Die Engländer liebten die Riviera dei Fiori bei San Remo drüben, Russinnen und Nordeuropäer suchten eher die gesunde Luft und machten Nervi zum bekannten Luftkurort. Und Schweizer sorgten für die Kulisse. Die Angst, die Fanconi aus Samedan, die Beeler aus Seewen, die Klainguti und die Kuoni - Saisonniers die meisten von ihnen: Im Winter führten sie ihre Hotels an der Riviera, im Sommer zu Hause in der Schweiz.

Das Grandhotel der Belle Epoque habe «im Zuge der progressiven Internationalisierung des Grossbürgertums mit nur geringen Variationen einen entschieden europäischen Geschmack zur Geltung gebracht - vielleicht auch gerade dank der schweizerischen Herkunft eines Grossteils seiner Gründer», interpretiert der Römer Architekturprofessor Paolo Portoghesi die Hotelarchitektur an der Riviera. «Aus dem Herzen Europas, obgleich von einem Kranz von Bergen abgeschirmt, entstand damals die Chance, diesen Stil des Komforts zu entwerfen, der den europäischen Einigungsprozess um ein Jahrhundert antizipieren sollte.» Das ist zwar hoffnungsvoll gedacht, verdrängt indessen zwei Weltkriege und die Überzeugung vieler, der Kranz von Bergen werde die Schweiz vor der europäischen Einigung schützen.

Blass wie Kartoffelkeime

An Genua führt kein Zug vorbei. Die Frage ist nur: aussteigen oder weiterfahren? Woldemar Kadens Urteil war dezidiert. «Nicht alles ist Orangenbaum, was in Italien grün ist», beginnt er seine Genuabeschimpfung. «Verwinkelt, finster, windig und kotig» sei es, die Genueser glichen «Kartoffelkeimen im Keller», und auf der Terrasse zwischen Stadt und Hafendamm rieche es «nach Theer, Thran, Maschinenfett und Kohlendampf».

Man kann auch anderes riechen oder sehen. Im Garten des Palazzo del Principe spielen Katz und Hund und Hahn und anderes aus Buchsen geschnittenes Getier miteinander, dazwischen ergehen sich ein paar Pfauendamen. Und in den trendig aufgemotzten Hafenanlagen riecht es nicht mehr nach Teer und Tran, sondern nach Billigkreuzfahrt, Jachthafen und neuer Architektur. Dazwischen die Stadtautobahn, die Herrn Kaden sicher in seinem Urteil bestätigt hätte.

Genua versinkt im Schnee. Es grüsst der Klimawandel.

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