Nr. 06/2009 vom 05.02.2009

Nation ohne Boden

Kein Ereignis steht so sehr für die US-amerikanische Inszenierungswut wie das Meisterschaftsfinale des American Football - die Super Bowl. Eine Reportage aus dem Land der Underdogs.

Von Tom Kummer

Es war das aufregendste Finale in der Geschichte der National Football League, behaupten alle im Nachhinein: Präsident Barack Obama, die «New York Times», Angelina Jolie - und natürlich wir, die Super-Bowl-Partypeople, Gefangene eines drei Meter breiten Flachbildschirms. Super Bowl XLIII war ein perfektes Fernsehereignis in einem Land, das sich nur noch nach guten Nachrichten sehnt. Die dramatische Entscheidung fiel eine halbe Minute vor Schluss, was den Fernsehmachern ideale Bedingungen für operettenhafte Bilder und schwülstige Reporterrhetorik lieferte: Fragen nach «Gut und Böse» tauchten auf, «Himmel und Hölle» - warum nicht Hybrid oder Wasserstoff, Staatsanleihe oder Aktien? -, Springsteen oder Bono und wie überhaupt alles im krisenerschütterten Land weitergehen soll.

Zwar feierten deutlich weniger Fans mit als im Vorjahr - und setzten mit 150 Millionen US-Dollar auch fast ein Viertel weniger um -, am Ende dominierte aber doch der Bilderrausch über die Depressionen. Sequenzen voller Schmerz und Lust wie aus einem Film von Ridley Scott: Sportler als Aliens. Weinende Männer, völlig erledigt. Kriechende Krieger, auf allen vieren wie Babys. Ihre Ehefrauen stürzen nach Spielschluss aufs Schlachtfeld, von Bodyguards flankiert. Hünenhafte Verteidiger tragen Kinder auf ihren Schulterrüstungen. Ein Fass voller Eis und Gatorade ergiesst sich über den Kopf des jüngsten Coaches der Liga. Die Steelers aus Pittsburgh im Rausch des Sieges. Die Cardinals aus Arizona am Boden zerstört.

Es war die beste, emotionalste Football-Show aller Zeiten, bestätigte auch Steven Spielberg in der «Los Angeles Times». Eine Show mit selbstzerstörerischen Helden und solchen, deren Namen plötzlich gottesfürchtige Dimensionen annahmen: zum Beispiel James Harrison, der Defensivspieler des Jahres, der den Ball die ganzen hundert Yards von der eigenen Endzone zur gegnerischen trug - obwohl sein Job eigentlich das Blockieren von Angreifern und er sich das Sprinten kaum gewohnt ist. In der Endzone brach der Steeler halb bewusstlos zusammen, bevor er wenige Minuten später durch die Sauerstoffmaske in die Kamera grinste. Noch nie gab es an einer Super Bowl eine grossartigere Aktion, noch nie einen weiteren Lauf.

Wo waren die Bierfässer?

Und das war erst der Anfang. Zwischenzeitlich sorgte Rastamann Larry Fitzgerald für Furore, als er die Cardinals zwei Minuten vor Ende der Partie noch in Führung brachte. Es war der Moment der Underdogs. Ein Moment, in dem man hoffen durfte, dass die Diktatur der statistischen Wahrscheinlichkeit umgestürzt werden könne, bevor die Verteidigung der Steelers, der sogenannte Stahlvorhang, die Alltagsweisheit bestätigte, dass die Offensive Spiele gewinnt, aber die Defensive die Meisterschaft. Wenigstens etwas, das noch Bestand hat im neuen Amerika.

Aber beginnen wir von vorne: Ich stand an diesem historischen 1. Februar vor einem Flachbildschirm, der so viel Strom frisst wie ein Kühlschrank. Ich hatte in der zweistündigen Vorberichterstattung bereits vierzig Werbespots, ein Dutzend Spieleranalysen, einen Smalltalk mit Obama, einen Cheeseburger und eine Tüte Tortilla-Chips verschlungen - beim Umsehen in der Villa in den Hügeln von Hollywood, wo ich zu einer der überall stattfindenden Super-Bowl-Partys eingeladen war, hatte ich unterdessen festgestellt, dass es meinen reichen Freunden nicht mehr so gut ging: Der Swimmingpool hinter dem Haus war abgelassen und voller Schutt. An der Wand, wo ein Nebelbild des Popkünstlers Ed Ruscha gehangen hatte, war jetzt bloss noch Leere. Wo waren die Bierfässer, die riesigen Schalen, gefüllt mit Guacamole und Chilisauce, die Berge von Hot Chicken Wings, die Pizzas von Pizza Hut? Meine Güte, war das Land vielleicht tatsächlich am Arsch? Keine Extravaganzen, nichts. Es fehlte sogar die partyübliche Kindertrampolinlandschaft im Garten, die es für 200 Dollar zu mieten gibt.

Am Ende einer langen Theke stand eine Männergruppe und murmelte über Bruce Springsteen. Gerade hatte der «Boss» seine Halbzeitshow beendet mit den Worten: «Wir sehen uns in Disneyland!» Wie viel er für diese Peinlichkeit kassiert hatte, ist nicht bekannt. Jedenfalls waren sich die Leute an der Teakholztheke einig, dass er damit das Ende seines Status als Held der Arbeiterklasse endgültig besiegelt hatte.

«Tom, hast du je Football gespielt?», fragte mich Walter plötzlich, während wir einen Werbespot von Exxon studierten, worin der Ölriese die Entwicklung einer Hybridbatterie versprach, die den Treibhauseffekt um vierzig Prozent reduzieren soll. «Ich war immer nur ein Fan», sagte ich und grinste, um ihm die Befangenheit zu nehmen. Walter hatte, wie viele Amerikaner in diesen Tagen, offensichtlich etwas auf dem Herzen. Er klimperte mit den Eiswürfeln in seinem Drink, als sei er auf einem Kongress und wolle zusammenfassen. «Weisst du, genau jetzt und heute ist das amerikanische Leben perfekt. Und dabei sind wir doch auch ein bisschen Underdog geworden in der Welt, findest du nicht? Damit kommen viele hier nicht klar. Wir denken bescheidener, und das bekommt uns ganz gut, nur akzeptieren können wir es noch nicht ...»

Die letzte amerikanische Story

Ich hatte das Gefühl, dass Walter (wie auch der Rest des neuen Amerika) gerade versuchte, er selbst zu sein, aber ich wünschte mir, er würde sich damit beeilen. Denn gleich würden auf dem Bildschirm die verrücktesten fünfzehn Minuten in der Geschichte der Super Bowl beginnen. Zuerst aber noch ein Werbespot aus fünfzig Jahren Popkultur mit dem Slogan «Jede Generation erfrischt die Welt» und einem Song von Velvet Underground aus der Ära Nico. Und dann sagte Walter in die Menge: «Ich garantiere euch: Das hier ist die letzte verdammte amerikanische Story, die ihr erleben werdet! Weil es so was wie die Super Bowl nie mehr geben wird!»

Und dann die letzte Viertelstunde: Der Fernsehsender NBC wirft jetzt in Florida sein ganzes technisches Arsenal in die Schlacht. Ein teuflisch-schöner Endspurt, wie er jedes Jahr zur Super Bowl erwartet wird, aber nur selten wirklich passiert. Der 37-jährige Quarterback der Arizona Cardinals, Kurt Warner, wird mitten im Spiel in einem Spot eingeblendet, wie er in seiner eigenen kleinen Privatkapelle betet  - überzeugt, dank Jesus zu siegen und damit dem Paradies näher zu kommen. Die Bilder von leidendem Fleisch steigern sich zum Trommelfeuer, wie von Dante erdacht und vom Medienkünstler Matthew Barney inszeniert. NBC liefert ein Gesamtkunstwerk aus Ballett, Mode, Videoclip, Musik, Film, Grafik, Bildhauerei, Architektur und Design. Die letzte authentische amerikanische Kunstform - Liveübertragung!

7 Minuten und 33 Sekunden sind noch zu spielen: «Ein-Yard-Touchdown-Pass auf Larry Fitzgerald. Sechs Punkte für die Cardinals!» Pittsburgh führt nur noch 20 zu 14. Cardinals-Spielmacher Kurt Warner peitscht sein Team unermüdlich nach vorne. 2 Minuten 37 vor Schluss bringt Wide Receiver Larry Fitzgerald, der ein bisschen wie Ronaldinho aussieht - nur gut -, die Aussenseiter sogar erstmals in Führung. Die Sensation ist zum Greifen nahe. Die fünffachen Super-Bowl-Sieger Pittsburgh Steelers, die Lieblinge aus dem Stahlgürtel Amerikas (ein Schalke 04 des American Football), vermeintlich am Boden gegen die Peinlichkeit aus der Wüste, die Arizona Cardinals (eine Mannschaft ohne Erfolg, Mythos oder landesweiter Gefolgschaft) - das perfekte Drama zwischen Folter und Sühne.

Walter warf mir einen verschlagenen Blick zu. Er war unglücklich über die Art, wie Pittsburgh sein Glück verspielt hatte. Und jetzt wollte er mir unbedingt nochmals erklären, worauf es ankam: «Verstehst du, wenn man sich, wie ich, viel mit Sportlern und Trainern unterhält, dann bekommt man das ständig zu hören. Jeder hat eine Rolle zu spielen, und für den, der seine Rolle nicht spielen will, ist in den Plänen des Teams kein Platz. Genau so steht es um unser Land.» Walter verstand noch nicht, dass Amerika unter Selbstzweifeln und Bodenlosigkeit anziehender wirkte als jemals zuvor. Wie auch? Eine idiotische Veranstaltung wie die Super Bowl drang unter diesen Umständen bis tief ins Herz der Finsternis vor.

Ein Moment totaler Klarheit

Ich starrte für einen Augenblick auf die Zeitlupenbilder. Vier Arme strecken sich einem braunen Ei entgegen. Die Sequenz wird aus fünf unterschiedlichen Perspektiven gezeigt. Das Menschliche lässt sich in diesem Land nur schwer vom Technischen trennen. Das war mein letzter Gedanke. Dann wurde der Bildschirm immer kleiner und irgendwie grün verwischt, und alles glitt weg, wurde winzig - als sähe ich es durch das falsche Ende eines Teleskops. Es schien, als ob das krisengeschüttelte Amerika sich in solchen Bildern selbst ein letztes Mal feierte. Noch waren sechzig Sekunden zu spielen. Die Cardinals sahen jetzt wie die sicheren Sieger aus. Diese Vision der Verwischung lieferte mir einen Moment totaler Klarheit, wie die High-Definition-Bilder vom TV. Es war ein befriedigender Moment für eine ganze Nation von Underdogs. Bis «Big Ben» Roethlisberger, der stahlharte Quarterback der Steelers mit Wurzeln im Berner Emmental, mit einem Pass auf Wide Receiver Santonio Holmes 35 Sekunden vor Spielende den Match drehte.

Und Holmes, der Mann des Abends, dieser posthumane Ex-Drogendealer aus Belle Glade, Florida, ohne Gewissen und mit sagenhaften Händen, die immer das Leder im Nichts finden, mit Fussspitzen, die einfach in der Endzone festkleben, bewies sein feines Gespür für Zeitgeschichte: «Wir haben gewusst, dass dies ein grosser Moment ist für Amerika, für Pittsburgh, für mich. Es war auch klar, dass ich den Fernsehzuschauern was bieten muss. Ich habe Ben Röthlisberger gesagt, dass ich den Ball will. 35 Sekunden waren noch zu spielen. Ich wusste schon im Voraus, dass ich ihn fangen würde. Es war unsere letzte Chance. Ich habe sie gepackt. Mir war das klar, und Ben war es klar. Es herrschte totale Klarheit in unseren Köpfen. Und jetzt ist es auch der Welt klar geworden.» Den Pass zum 27-zu-23-Sieg der Pittsburgh Steelers gabs aus sechs Perspektiven zu sehen. Das war alles.

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