Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

Ein Lob den einfachen Freuden

Etrit Hasler mag Sportarten, die aufs Fernsehen zugeschnitten sind

Es ist die wahrscheinlich grösste Errungenschaft der USA (neben der Demokratie natürlich), den Sport fernsehtauglich gemacht zu haben. Nun gut, nicht ganz alle Sportarten sind diesem Trend gefolgt – Golf zum Beispiel ist auch am Fernsehen unerträglich. Und auch im Fussball warten wir bis heute auf den Videobeweis. Aber immerhin: Wenn die Schiedsrichter schon nicht sehen, ob das jetzt Foul / Abseits / Tor war, können wir das wenigstens.

Diese Tauglichkeit ist bei den US-Sportarten natürlich noch ein bisschen ausgeprägter. Mit den konstanten Unterbrechungen ist zum Beispiel American Football eine perfekte Sonntagnachmittagsablenkung: Man sitzt mit der Familie oder mit Freunden vor dem Fernseher und hat alle drei Minuten Zeit, sich entweder ein Bier und Knabberzeug zu holen oder die Nachwirkungen davon aufs Klo zu tragen. Das ist wahrscheinlich auch viel attraktiver, als in einem überfüllten Stadion zu hocken, wo das Bier zu teuer, die Hotdogs zu trocken und der Weg aufs Klo viel zu weit ist – da bleibt einem denn in den Unterbrechungen auch nur gerade der Blick auf die Cheerleader, sofern man denn so veranlagt ist, und auch das wird schnell langweilig.

Doch noch viel perfekter fürs Fernsehen ist jene uramerikanischste aller Sportarten, der Stolz jedes rechtschaffen arbeitenden Amerikaners: Baseball. Während beim Football wenigstens zwischen den Werbeunterbrechungen die Spielzüge schnell und actiongeladen daherkommen, passiert beim Baseball meist gar nichts. Das ewige Duell zwischen Pitcher (Werfer) und Batter (Schlagmann) wird selten vor dem dritten Wurf wirklich spannend, und auch das Spielchen um gestohlene Bases hinter dem Rücken des Werfers macht das Spiel eher länger als spannender. Und natürlich, nach jedem Batterwechsel gibt es eine Werbeunterbrechung. Kommt hinzu, dass die Länge des Spiels nicht per se begrenzt ist – wenn nach zehn Innings (Spielzeiten) noch kein Sieger gefunden ist, wird weitergespielt, bis eine Mannschaft den Sieg erringen kann, und das kann eine Weile dauern – das längste Spiel in der Geschichte des professionellen Baseballs dauerte 8 Stunden und 25 Minuten. Es wurde nach 8 Stunden abgebrochen und zwei Monate später fertig gespielt.

Es gibt folgerichtig nur einen Ort, wo man sich Baseball anschauen kann, und das ist eine Sportbar. Bloss nicht in einem Stadion, den Fehler habe ich persönlich einmal gemacht – als man mich weckte, war das Spiel im zwölften Inning angelangt und stand immer noch 0:0, was dann sogar meine amerikanischen Gastgeber davon überzeugte, es sei jetzt Zeit zu gehen. In einer Sportbar hingegen entwickelt Baseball ein wahnwitziges Potenzial als perfekte Abendunterhaltung: Der wahre Fan kommt hier auf seine Kosten, immerhin laufen meist mindestens fünf Spiele gleichzeitig, was die Chancen, dass auf irgendeinem Bildschirm gerade irgendetwas Spannendes vor sich geht, doch erheblich steigen lässt. Und für den Gelegenheitszuschauer ist es das perfekte Setting für einen Männerabend bei Bier und laufendem Fernseher – die Pausen zwischen den Momenten, wo sich im Spiel tatsächlich etwas tut, haben exakt die Länge der belanglosen Gespräche, die Mann in einer Bar bei Bier und laufendem Fernseher so führt.

Für Multitasker besteht meist sogar die Möglichkeit, dazu noch ein typisches Barspiel wie Dart oder Jassen zu betreiben, und nicht einmal dabei verpasst man viel vom Spiel. Und falls doch einmal der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass ohne Vorwarnung der Spielzug des Tages passiert, während man gerade nicht hingesehen hat, kriegt man die Szene noch fünfzehnmal im Replay angetan.

Das mag jetzt ein wenig despektierlich klingen, ist aber gar nicht so gemeint. Ich mag einfache Freuden wie Männerabende mit Bier und belanglosen Gesprächen. Was haben Sie denn erwartet? Immerhin schreibe ich Sportkolumnen.

Etrit Hasler hat leider das extrem spannende sechste Spiel in der World Series zwischen 
den St. Louis Cardinals und den Texas Rangers verpasst – man hat ihm erzählt, es sei ein wahrer Nagelbeisser gewesen.

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