Nr. 09/2009 vom 26.02.2009

Bücher lesen statt Autos kaufen

Warum nicht mal ein Konjunkturprogramm zur Buchförderung? Heinz Nigg hat einen Vorschlag.

Von Heinz Nigg

17. Februar 2009. Einladung zur Limmat-Runde, dem jährlichen Treffen des Limmat-Verlags Zürich zwecks Austausch und Diskussion mit seinen Aktionären und allen Autorinnen, Herausgebern und Übersetzerinnen, Fotografen, Illustratorinnen und Lektorinnen, die für den Limmat-Verlag tätig sind. Thema dieses Jahres war das «geförderte Buch». Zu Gast aus der Buchbranche waren Marianne Sax, Präsidentin vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV), und SP-Nationalrat Hans-Jürg Fehr, Mitbegründer des Limmat-Verlags. Die beiden stellten sich den Fragen der Anwesenden. Es ging dabei um die Konzentration im Buchhandel, um die wachsende Zahl von Neuerscheinungen bei gleichzeitig sinkenden Auflagen, um Verlagssterben und Buchförderung.

Alle waren sich einig, dass die Lobby für das Buch im Parlament verstärkt werden muss, wenn das Buch aus seinem Schattendasein in der Kulturförderung heraustreten soll. Von der Filmbranche können die Büchermacher nur lernen: Die hat es geschafft, sich in Szene zu setzen und die PolitikerInnen von der Notwendigkeit ihrer Arbeit zu überzeugen. Der Film gehört heute zur Schweiz wie die Landwirtschaft. Die Filmfinanzierung beträgt mit 159 Millionen Franken fünf Prozent des Kulturhaushaltes von Bund, Kantonen und Gemeinden. Sie umfasst nicht nur die Filmförderung, sondern unter anderem auch die Vertriebs- und Kinoförderung.

Die Buchbranche hingegen wird als Kunstsparte kaum wahrgenommen - wenigstens, was das finanzielle Engagement der Kulturförderung betrifft. Die Buchförderung wird in der Finanzstatistik der Eidgenössischen Finanzverwaltung als eigener Posten nicht einmal aufgeführt. Nach groben Schätzungen belief sie sich 2007 auf etwa sechzehn Millionen Franken.

Die Randexistenz des Buches in der Kulturförderung ist einfach zu erklären: Das geschriebene Wort ist so selbstverständlich in den Alltag integriert wie Leitungswasser aus dem Hahn. Warum dafür bezahlen? Ein Leben ohne Bücher ist wie ein Leben ohne Wasser: Literatur und Sachbücher, Kinder- und Jugendbücher bewahren unser Wissen darüber, wo wir herkommen, und fördern die Lust, neugierig vorauszuschauen. Ohne Bücher kein Aufarbeiten der Gegenwart, keine Debatten über brennende Gesellschafts- und Wirtschaftsfragen.

Bücher aus Schweizer Verlagen werden oft nur in einer der vier Landessprachen in wenigen hundert Exemplaren gedruckt. Darum wird ihre Bedeutung und Aktualität leicht übersehen. Zahl und Vielfalt der Bücher, die in der Schweiz entstehen, sind jedoch ein Gradmesser der Beweglichkeit und der Vitalität der Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes, sich in die Gesellschaft einzubringen, einzumischen. Das Buch braucht deshalb viel Aufmerksamkeit und eine durchdachte Förderung - eine Politik zugunsten des Buches und des Lesens.

Deshalb mein Vorschlag - gleichsam als Kommentar zur diesjährigen Limmat-Runde: Beim Schnüren der Konjunkturpakete zur Bewältigung der Wirtschaftskrise sollen nicht nur die Bauwirtschaft, die Technologieentwicklung und die Forschung berücksichtigt werden, sondern auch die Kultur - und vor allem die Buchkultur. Die Schubladen der Verlage und AutorInnen sind voll von guten Ideen, die nur darauf warten, umgesetzt zu werden. Und die Lagerbestände der Verlage sind mit vielen Juwelen bestückt.

Wenn jeder Privathaushalt der Schweiz vom Bund zehn Bücher aus Schweizer Verlagen gratis erhalten würde, gingen im Maximum 32 Millionen Exemplare weg. Kauft der Staat Bücher im Wert von 1,6 Milliarden Franken und verteilt sie an die 3,2 Millionen Haushalte, hat er mehr davon als von giftigen Bankpapieren, die wir SteuerzahlerInnen möglicherweise für immer abschreiben müssen. Bücher sind eine Investition in die Zukunft. Haushalte, die keine Gratisbücher erhalten wollen, fördern die Lesekultur auf andere Weise: Ihre Gutschrift verfällt und kommt Leseprojekten in Schulen, Bibliotheken, Medien und Forschung zugute.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch