Nr. 19/2009 vom 07.05.2009

Von Auschwitz ins Yankee Stadium

Zwei frisch erschienene Bücher von Alan Scott Haft und A. J. Liebling berichten über eine der dunkelsten Epochen des Boxsports und erzählen Geschichten über KZs und die Mafia, über ungeschlagene Champions und zerbrochene Jugendlieben.

Von Knud Kohr

Boxen, so schreibt der Sportessayist Michael Kohtes, «belehrt die moderne Zivilisation über sich selbst. Jeder Faustkampf markiert eine Grenzerfahrung, die das zivilisierte Bewusstsein zutiefst erschüttert: Zwei Männer kämpfen um ihr Leben.»

Tatsächlich wird kein anderer Sport so oft als Metapher des Überlebenskampfes verwendet wie das Boxen. Im Ring gekämpft wird aber auch dann, wenn das Leben ausserhalb der Seile noch gefährlicher ist als innerhalb: In den deutschen KZs boxten Häftlinge zur Unterhaltung der Wächter, und in den USA verloren wenige Jahre später Boxer ihr Leben durch gedungene Killer, wenn sie sich den Anweisungen der Mafia widersetzten. Über diese düstere Phase des Profiboxens zwischen dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und 1955 sind nun zwei bemerkenswerte Bücher erschienen.

«Eines Tages werde ich alles erzählen» - Hertzko Haft, ein Obsthändler aus Brooklyn, sagte diese Worte oft zu seinem Sohn Alan, für den sie wie eine Drohung klangen. Sein Vater, ein traumatisierter, verschlossener Mann, drohte regelmässig mit seinem Selbstmord und verprügelte seine Kinder aus nichtigstem Anlass. «Im September 2003, im Alter von 78 Jahren, setzte sich mein Vater zu mir und erzählte mir seine Lebensgeschichte», erklärt Alan Scott Haft heute. Mittlerweile war er Anwalt geworden und bereit, das Buch zu schreiben, das als Titel die Drohung seines Vaters trägt. «Die Brutalität, die Gewalt und das Leid zu hören, das mein Vater erlebt hat, war mehr, als ein Sohn ertragen konnte.»

Sonderration oder Todesurteil

Hertzko Haft hatte als junger Mann in Jaworzno, einem Aussenlager von Auschwitz, um sein Leben kämpfen müssen. Von SS-Offizieren wurden kräftig aussehende Häftlinge in ein mörderisches Spiel getrieben: Jeden Sonntag fanden Boxkämpfe statt. Wer gewann, bekam eine Sonderration. Wer nicht mehr aufstehen konnte, wurde mit dem nächsten Transport zur Gaskammer gebracht. Hertzko Haft schlug 75 Männer k. o. So blieb er am Leben. Die Wachmannschaften gaben ihm den Kampfnamen «Das jüdische Biest», und Hertzko Haft wurde über Auschwitz hinaus bekannt. Für einen der letzten Kämpfe brachten Generäle eines anderen Lagers den ehemaligen französischen Meister im Schwergewicht als Gegner. Auch den besiegte Hertzko in einer blutigen Ringschlacht, bei der die Generäle mit ihren Freundinnen Whiskyflaschen und Zigarren kreisen liessen. Noch während der Jubelschreie seiner Fans hörte Hertzko die Schüsse, mit denen sein Gegner ermordet wurde.

Hertzko Haft kam 1925 in Belchatow zur Welt, einer kleinen polnischen Stadt südlich von Lodz. Die Familie lebte in bitterer Armut, das Einkommen des Vaters als Obsthändler reichte kaum zum Leben. Seine Mutter bemerkte erst wenige Minuten vor der Geburt, dass sie mit ihrem bereits achten Kind schwanger war. Gewalt gehörte zum täglichen Leben. Als die anderen Kinder ihre jüdischen Mitschüler immer schlimmer drangsalierten, begann Hertzko so lange zurückzuschlagen, bis er der Schule verwiesen wurde. Er war sechzehn Jahre alt, als die Nazis die Juden von Belchatow in Zwangsarbeiterlager verschleppten. Dabei wurde nicht nur die Familie zerrissen - Hertzko wurde auch von seiner Jugendliebe Leah getrennt, die er in wenigen Wochen hatte heiraten wollen. Über verschiedene Arbeitslager kam Hertzko nach Jaworzno.

Relativ gut genährt von den Sonderrationen der Wachmänner, überlebte Haft die Todesmärsche der letzten Kriegswochen. Und war stark genug, sich im Lager Flossenbürg gegen die Angriffe anderer Häftlinge zu wehren, die im Kannibalismus ihre letzte Überlebenschance sahen: «Sie verwendeten ein Stück Seil, um ihr Opfer zu Tode zu strangulieren. Mit selbst gemachten Messern stachen sie ihm in sein Hinterteil und schnitten dort Fleischbrocken heraus.» Auf dem letzten Marsch gelang ihm die Flucht, auf der er aus Angst vor Entdeckung und Verrat selbst mehrere Menschen tötete, die ihn zuvor versteckt hatten. Für die US-amerikanischen Besatzungstruppen leitete Haft ein halblegales Bordell, schmuggelte Zigaretten und gewann bei einem der ersten Boxturniere nach dem Krieg den Titel «Jüdischer deutscher Schwergewichtsmeister».

Auf der Suche nach Liebe

1946 übersiedelte er auf Einladung eines Onkels nach New York. Zu den Freunden der Familie zählte ein zweitklassiger Boxmanager, der dem arbeitslosen Hertzko aufgrund seines entsetzlichen KZ-«Kampfrekords» Profikämpfe vermitteln konnte. Mit der ungestümen Wucht des Mannes, der um sein Leben zu kämpfen gewohnt war, brachte Haft in wenigen Monaten zehn Siege gegen unterklassige Gegner auf sein Konto. Ausserdem hatte er eine weit stärkere Motivation als seine Gegner: «Er hatte Leah niemals vergessen. Wenn sein Name deutlich in den Zeitungen auftauchte, würde Leah ihn finden.»

Als die Kontrahenten stärker wurden, reichte dieser Antrieb nicht mehr aus. Nach nur einem Jahr und 22 Kämpfen beendete Haft seine Karriere, nachdem der aufstrebende spätere Weltmeister Rocky Marciano ihn k. o. geschlagen hatte. Allerdings behauptet Haft, vor dem Kampf von der Mafia zu einer Niederlage gedrängt worden zu sein und sich deshalb in Runde vier einfach «hingelegt» zu haben. Wahrscheinlich wäre Marciano auch ohne diese Hilfe stärker gewesen als Hertzko. Tatsache - und von Hafts Trainer bezeugt - ist zumindest, dass die Mafiosi in der Kabine von Hertzko den Tod eines Weltergewichtlers namens Vince Foster voraussagten. Der hatte kurze Zeit zuvor gegen den Willen der Mafia einen eigentlich geschobenen Kampf gewonnen. Haft verlor wie bestellt und erfuhr am Morgen nach dem Kampf, dass Foster tatsächlich in derselben Nacht bei einem Autounfall gestorben war. In einem Sport, bei dem die Mafia die Regeln diktierte, mochte Hertzko Haft nicht mehr aktiv sein. Nach diesem letzten Kampf wurde er Obsthändler wie sein Vater und gründete eine Familie. 1963 fand er schliesslich Leah in Florida. Auch sie war mittlerweile verheiratet. Und ausserdem an Krebs im Endstadium erkrankt. Wenige Wochen nach dem Treffen mit ihrem einstigen Geliebten starb sie.

Über die Gosse schreiben

Rocky Marciano ist der Name, der die Brücke zu einem zweiten Buch schlägt:Der Autor A. J. Liebling (1904-1963) gilt als einer der grossen US-amerikanischen Journalisten des 20. Jahrhunderts. Als Sohn eines in die Staaten ausgewanderten österreichischen Kürschners studierte er Mitte der Zwanziger ein Jahr lang an der Pariser Sorbonne, um danach bei verschiedenen Tageszeitungen über Lowlife-Themen zu arbeiten, wie einer seiner Verleger es nannte, also «über die Gosse und so», wie Liebling selbst es formulierte. 1935 begann Liebling für den «New Yorker» zu schreiben, das Blatt, dem er bis zu seinem Tod verbunden bleiben sollte. Die neun Essays über das Boxen, die in «Die artige Kunst - Joe Louis, Rocky Marciano und die klassische Ära des amerikanischen Boxkampfs» versammelt sind, entstanden alle zwischen 1951 und 1956. Liebling hatte schon vor dem Krieg zuweilen darüber geschrieben, es dann aber gelassen. «Es gab keinen besonderen Grund, dass ich mich wieder dem Boxen zuwandte. Es war so, wie einem einfällt, dass man eine alte Flamme gern wieder besuchen würde - nicht unbedingt die Art Einfall, der man immer folgen sollte.»

Für das Auftauchen eines brillanten Boxanalytikers konnte es allerdings kaum einen besseren Zeitpunkt geben. 1951 befand sich das US-amerikanische Schwergewichtsboxen, das damals gleichzeitig den Gipfel des Weltboxens bildete, in einer seltsamen Erstarrung. Im Jahr zuvor hatte Joe Louis nach sechzehn Jahren seinen Titel verloren, an Ezzard Charles, der ihn wenige Monate später an Jersey Joe Walcott abgeben musste. Zwei ziemlich schwache, ziemlich alte Champions, die das Boxen vor dem Krieg gelernt hatten. Neue Talente waren kaum auszumachen.

Die Boxwelt wartete auf eine neue Kraft. Diese kam 1950 aus Brockton, Massachusetts: Rocky Marciano - jung, ziemlich klein, technisch limitiert, aber ausgestattet mit einem unbändigen Siegeswillen. Marciano schaffte es bis 1955, alle drei Vorgänger k. o. zu schlagen und mit Archie Moore den ernsthaftesten Konkurrenten seiner Generation zu besiegen. Als er danach als bis heute einziger Schwergewichtsweltmeister ungeschlagen abtrat, war das Boxen in der Nachkriegsära angekommen. Folgerichtig lässt der Autor sein Buch auch mit dem Kampf Marciano vs. Moore enden.

400 Runden Schuhputz

Wer die Texte von Liebling liest, stellt nach wenigen Seiten erstaunt fest, dass die eigentlichen Kampfbeschreibungen recht kurz sind - zusammengenommen machen sie kaum mehr als ein Zehntel des Buches aus, und nicht selten finden sich Formulierungen wie «über den Ausgang des Kampfes haben sie vielleicht schon in der Tagespresse gelesen». Liebling interessiert sich für andere Dinge: Die Taxifahrten durch die Menge, die sich zum Madison Square Garden oder zum Yankee Stadium drängen. Er berichtet darüber, wie die Champions im Trainingslager durch endlose Kartenspiele oder gar das Tragen alberner Kopfbedeckungen von übermässiger Konzentration auf den Kampf abgehalten werden. Und er leidet mit einem Schuhputzer, der pro Paar 25 Cent verdient und gerade 100 Dollar auf Jersey Joe Walcott bei dessen Titelfight gegen Rocky Marciano gesetzt hat. «‹Wenn der Gong am Ende der zwölften Runde kommt, kassier ich›, hatte der Mann gesagt. Mir schien es, als würde er eher 400 Runden Schuhputz verlieren.»

Liebling ist sich bewusst, in welcher Tradition er steht: So beruft er sich wiederholt auf den frühen britischen Boxhistoriker Pierce Egan (zirka 1772-1849), der ebenso mit London verwachsen war wie Liebling mit New York. Von 1812 bis 1831 berichtete Egan in einer Sammlung von letztlich fünf Bänden unter dem Titel «Boxania» nicht nur über die grossen Kämpfe seiner Zeit, sondern auch über das Publikum, das zum Teil tagelang zu Fuss zu den oft verbotenen Kämpfen anmarschierte, über die Auseinandersetzung und Saufereien um den und die manchmal stundenlangen Schlagwechsel im Ring.

Wer sich die Zeit nimmt, die beiden Bücher von Haft und Liebling hintereinander zu lesen, bekommt also nicht nur eine Schilderung der schlimmsten Epoche, durch die das Boxen jemals ging, bis zu der Zeit, als es in den Arenen der USA zu neuer, halbseidener Grösse heranwuchs. Sondern sozusagen als Zugabe noch einen selten gemachten Blick auf den Boxsport des frühen 19. Jahrhunderts.

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