Nr. 52/2009 vom 24.12.2009

Späte Erkenntnis

Von Sonja Wenger

Die Ursachen, aber auch die Folgen der aktuellen Weltwirtschaftskrise haben deutlich gemacht, wie stark wirtschaftliche Faktoren mit sozialen und politischen Entwicklungen verbunden sind. Der schnelle Reichtum einiger weniger bedingt die Ausdehnung der Armut und des Elends in weiten Teilen der Bevölkerung. Das trifft auch für den lateinamerikanischen Kontinent zu.

Der inzwischen emeritierte deutsche Soziologieprofessor Dieter Boris hatte bereits 2001 eine Analyse der politischen Ökonomie Lateinamerikas vorgelegt. Um die Jahrtausendwende befand sich der Kontinent nach einigen tiefgreifenden Krisen in einer Phase des Aufschwungs. Der daraus resultierende wirtschaftliche und politische Wandel hat auch eine Reihe von Links- oder Mitte-links-Regierungen an die Macht gebracht, von denen sich einige zum Teil deutlich gegen die bis heute in Lateinamerika vorherrschende neoliberale Orientierung ausgesprochen haben.

Dies und die Frage, weshalb Lateinamerika wesentlich weniger stark von der aktuellen Weltwirtschaftskrise betroffen ist, haben den Autor dazu bewegt, eine aktualisierte und erweiterte Neuauflage herauszugeben. «Lateinamerikas politische Ökonomie – Aufbruch aus historischen Abhängigkeiten im 21. Jahrhundert?» bietet eine kluge Einordnung und solide Analyse der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der letzten 140 Jahre.

Boris, dessen wissenschaftliche Schwerpunkte die sozioökonomischen Prozesse und sozialen Bewegungen in Lateinamerika, die weltwirtschaftliche Entwicklung und der Nord-Süd-Konflikt sind, kritisiert den Neoliberalismus harsch. Die sozialen Folgen von Privatisierungen und Deregulierung haben sich gerade in den vergangenen zehn Jahren derart verschärft, dass laut Boris sogar bei den BefürworterInnen des Neoliberalismus ein gewisses Umdenken erkennbar wird.

Einziger Wermutstropfen in diesem fundierten Überblick ist die Sprache. Komplizierte, langatmige Schachtelsätze und ein ausufernder Gebrauch von Fremdwörtern erschweren den Einstieg und den Lesefluss. Der Autor setzt zudem ein breites Wissen über Wirtschaftszusammenhänge sowie die Geschichte und Politik des Kontinents voraus.

Doch wem es gelingt, die anfänglichen stilistischen Hürden des Buches zu überwinden, wird mit packenden Einsichten in komplexe Mechanismen belohnt: sei es bei der Begründung, weshalb es in Lateinamerika immer wieder zu Militärregimes kam, bei der Formulierung von wirtschaftspolitischen Alternativen oder bei der Darstellung der schweren Schuldenkrise der achtziger Jahre.

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