Nr. 16/2010 vom 22.04.2010

Lauter gute Nachrichten

NZZ und Tamedia haben ihre Reviere abgesteckt.

Von Hanspeter Spoerri

In besonderen Fällen sehen sich ChefredaktorInnen in der Pflicht, ihr eigenes Unternehmen ins beste Licht zu rücken und gute Nachrichten zu verbreiten. Das tun sie, wenn Sparmassnahmen verordnet, Zeitungen fusioniert, Versprechen gebrochen werden – die Medienkrise also neue Opfer fordert, Kündigungen ausgesprochen werden, ein weiterer traditioneller Zeitungstitel verschwindet oder zum Kopfblatt degradiert wird.

Vor einer Woche ist der Tauschhandel von NZZ und Tamedia bekannt geworden, durch welchen die Zürcher Landzeitungen an Tamedia gehen und im Gegenzug die «Thurgauer Zeitung» in den Besitz der NZZ kommt und in das Kopfblattsystem des «St. Galler Tagblatts» integriert wird. «Im Thurgau beginnt 2011 eine neue mediale Zeitrechnung», schreibt Philipp Landmark, Chefredaktor des «St. Galler Tagblatts»: «Die jahrzehntelange Geschichte von Zeitungsübernahmen findet ihr zwar logisches, aber lange Zeit nicht mehr für möglich gehaltenes Ende: Die beiden verbliebenen grossen Titel wachsen zusammen.» Es werde zu einem wohl unvermeidlichen Abbau von Arbeitsplätzen kommen. Trotzdem  – unter dem Strich sei es eine gute Nachricht für den Kanton. Nun werde aus der «Thurgauer Zeitung» und der Thurgauer Ausgabe des «Tagblatts» eine einzige Zeitung gebildet, die als eigentliche publizistische Klammer den Zusammenhalt im Kanton fördere.

Auch Markus Eisenhut, Ko-Chefredaktor des Tamedia-Flaggschiffs «Tages-Anzeiger», zeigt sich erfreut: «Mit der Marktbereinigung im wichtigsten Wirtschaftsraum der Schweiz hat nun Tamedia die Chance, die Reichweite ihrer Zürcher Regionalzeitungen von 31 auf konkurrenzfähige 48 Prozent zu steigern. Nur Konkurrenzfähigkeit ermöglicht Unabhängigkeit und publizistische Qualität.» Ziele der Bündelung seien zweifellos auch Umsatzsteigerung und Kosteneinsparung, räumt Eisenhut ein. Doch Tamedia sei willens, die Landzeitungen als eigenständige Blätter weiterzuführen. – Genau dies sicherte Tamedia im Herbst 2005 auch der «Thurgauer Zeitung» zu. Mit deren Übernahme wollte sie laut damaligem Communiqué «die langfristige Unabhängigkeit der ‹Thurgauer Zeitung› und die Medienvielfalt im Kanton Thurgau» sichern. Geschwätz von gestern.

Dass Chefredaktoren als publizistische Anwälte ihrer Konzerne auftreten, zeigt, dass es schon darauf ankommt, wer Zeitungen besitzt. Diese sind auf ganz natürliche Weise Sprachrohre ihrer Konzerne. Das bedeutet nicht, dass die Redaktionen gleichgeschaltet sind. Aber gegenüber dem eigenen Haus wird Loyalität verlangt, eine Loyalität, welche die Unternehmen oft nicht erwidern. Unter den angestellten JournalistInnen macht sich Existenzangst breit. Sie sehen, wie KollegInnen schlecht behandelt werden, erfahren am eigenen Leib, dass sie austauschbar geworden sind.

Das hat Auswirkungen auf die Publizistik. Die Redaktionen funktionieren immer weniger als Teams, sondern bestehen aus Stars und Fussvolk. Die Hierarchien werden nicht flacher, was die Flexibilität erhöhen würde, sondern akzentuierter. Die Angst, Fehler zu machen, ist gross. Häufig wird deshalb reflexartig auf die Nachrichtenlage reagiert. Vogelgrippe und Schweinegrippe, die beiden Scheinpandemien der letzten Jahre, gewannen ihre Wirksamkeit dank aufgeregt-ratloser Berichterstattung. Je verzweifelter die ökonomische Lage der Zeitungen wird, desto mehr setzen BlattmacherInnen auf Emotionen, bewirtschaften Empörung und Angst und vergessen ihre Pflicht zu aufgeklärter Skepsis und Zurückhaltung.

Was Medien schon immer waren, sind sie heute vermehrt: Stimmungsverstärker. Was sie in schwierigen Zeiten auch sein sollten, sind sie hingegen immer weniger: Anwälte der Differenzierung, Deuter – und nicht Vereinfacher – der Komplexität. So kommt selbst den besten Zeitungen nach und nach die Seele und die Glaubwürdigkeit abhanden. Und so lernt das Publikum schrittweise, ohne sie auszukommen – das logische, aber lange Zeit nicht für möglich gehaltene Ende der Zeitungen.

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