Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

Der böse Wirt bleibt ohne Beute

Oscar Peers eindrückliche Einsamkeitsstudie ist eine unzeitgemäss einfache Erzählung aus den Unterengadiner Bergen – in zwei Sprachen.

Von Paul L. Walser

«Das Haus duftete geradezu nach Einsamkeit.» Das ist ein Schlüsselsatz im neuen Buch von Oscar Peer. Der Titel klingt schlicht: «Das alte Haus» – «La chasa veglia». Wie die 2005 veröffentlichte Erzählung «Akkord» – «Il retuorn» erscheint auch das neue Werk in der romanischen (linke Seiten) und der deutschen Fassung (rechts). Der aus dem Unterengadin stammende Autor ist ein Sprachkünstler auf zwei Seilen.

Ohne protzige Kurven

Seine Geschichte ist auch noch aus einem andern Grund ein Hochseilakt. Sie spielt in einer alten ländlichen Welt, die es selbst in entlegenen Bündner Tälern nicht mehr gibt. Doch Peer entgeht der Gefahr, dass sie in eine mehr oder weniger kitschige Bergerzählung alter Prägung abgleitet – dank seiner Stilsicherheit. Gelassen folgt er seinem künstlerischen Weg, der ganz gerade ist und keinerlei protzige oder künstliche Kurven kennt.

Der 1928 in Lavin geborene Schriftsteller, gelernter Romanist, hat mit dem 2007 auf Deutsch erschienenen Erinnerungswerk «Das Raunen des Flusses» ein grosses Stück eigenständiger Dichtung vorgelegt, das der Unterengadiner Welt ein stilles Denkmal setzt. Diese ganz besondere Stimmung erreicht Peer in der neuen Novelle nicht. Aber auch hier begegnen wir seinem persönlichen Ton. Landschaft und Natur beschreibt Peer abseits jeglicher Schablone. Da ist einer am Werk, der sich wirklich auskennt und dies auf unprätentiöse, nüchtern-poetische Weise unter Beweis stellt.

«Es ist Ende September, die Gegend, im Herbstlicht, schimmert bräunlich und weit. Irgendwo weiden Schafe und Ziegen, man hört etwas Geblöke, etwas Schellengetön. Auf einem Acker brennen Kartoffelstauden, eine Rauchfahne neigt sich darüber. Er mag den Geruch, der ihn an Vergangenes erinnert. (...) Chaspers Haus, drei Jahrhunderte alt, ist eines der eigenartigsten in der Gegend. Teils Mauerwerk, teils dunkle Balken und Rundholz; in der Mitte eine Laube, die Fenster alle von verschiedener Grösse, von Symmetrie keine Spur. Man weiss auch nicht, warum dieses Haus in der Mitte einen leichten Knick macht ... Stein und Holz haben bisher der Zeit standgehalten, obwohl die Zeit dauernd umhergeistert, mit unsichtbaren Händen.»

Peer schenkt uns eine eindrückliche Studie der Einsamkeit. Wie bereits in «Akkord» geht es im «Alten Haus» um das Schicksal eines Einzelgängers, der am Rand eines abgelegenen Bergdorfs und seiner kargen Gesellschaft lebt. Er heisst Chasper Fluri. Nach dem Tod des Vaters hat er keine Angehörigen mehr und nur noch Schulden. Das alte Haus, in dem er lebt, will ihm der Gemeindepräsident entreissen, der auch der Besitzer des örtlichen Restaurants ist.

Mit allen Kräften sucht der Vereinsamte das Geld zusammenzutreiben, das für die Schuldentilgung nötig wäre. Alle Versuche erweisen sich als vergebliche Anstrengung, sodass der in jeder Hinsicht in die Enge getriebene Chasper schliesslich doch den Verkaufsvertrag unterschreibt. Er gibt aber nicht klein bei, sondern sorgt auf elementare Weise dafür, dass der gierige Wirt nicht zu seiner Beute kommt. Chasper bindet die Kuh los, öffnet ihr und dem Kleinvieh die Stalltür, zündet das alte Haus an und geht – befreit – davon.

Über die Sprachgrenze

Ein einziger Dörfler, der Stotterer Christian, hätte Chasper zur Seite stehen wollen. Wie Peer das Stottern dieses unglücklichen Mannes darstellt, offenbart nicht nur eine meisterhafte Sprachkunst, sondern auch eine verblüffende Sachkenntnis. Reizvoll ist während der Lektüre auch das gelegentliche Hinüberschielen zum romanischen (Original-)Text, wo man zum Beispiel entdeckt, dass der im Bündnerland so beliebte Ausdruck «tipptopp» an der deutschschweizerischen Sprachgrenze nicht haltmacht. Der Authentizität zuliebe müsste die Dorfbeiz in der deutschen Fassung nicht «Stern», sondern «Staila» heissen, weil es sich ja um einen rätoromanischen Ort handelt. Aber das ist natürlich eine Nebensächlichkeit.

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