Nr. 01/2008 vom 10.01.2008

Inniges vom Inn

Von Jürg Fischer

Oscar Peer, rätoromanischer Autor von Rang, geboren 1928, ist im Herbst seines Lebens zurückgekehrt an die Schauplätze seiner Kindheit, zur Bahnwärterstation Carolina, nach Zernez und nach Lavin im Unterengadin, um sich zu erinnern, obwohl er weiss: «Wiedersehen kann enttäuschen, weil unterdessen so vieles geändert hat, die Gegend aussen und die Gegend innen. Die Kindheit, die noch ein Versprechen war, liegt schon weit zurück, eine verdämmernde Traumwelt. Und was nachher kam - ein Leben mehr oder weniger fragwürdig, eine Kette von Widersprüchen, Niederlagen und Versäumnissen, fragmentarisch wie alles. Hat man sich überhaupt gekannt? Weiss man, wer man gewesen ist, wer man hätte sein können?» Peer fügt in «Das Raunen des Flusses» das Fragmentarische zusammen zu einem Mosaik; unprätentiös lässt er ein farbiges Bild der Landschaft und der Menschen seiner Kindheit entstehen.

Das Unterengadin war und ist eine Welt für sich und doch stets verbunden mit der Aussenwelt. Sinnbild dafür sind etwa die Rhätische Bahn oder die in Italien zu Reichtum gekommenen Bündner Zuckerbäcker, die sich, zurückgekehrt, in Zernez palazzoartige Häuser bauen liessen. Peer erzählt von seiner Familie, von MitschülerInnen, Bauern, TouristInnen, Knechten und Mägden aus Tirol, AussenseiterInnen und Spinnern. Alle zusammen bilden sie das Personal der Gesellschaft von einst. Nicht dass dies eine heile Welt gewesen wäre. Die zeitliche und geistige Distanz ermöglicht es Peer, einen lakonischen Blick auf damals zu werfen, ein Grundton von feiner Ironie und Selbstzweifel begleitet die Erzählung: «Oft bin ich nicht sicher, ob etwas Erinnerung ist oder blosse Imagination.» Für uns ist wichtiger, dass es so hätte sein können, dass aus der Erinnerung wunderbare Prosa geworden ist.

Das Buch ist 1999 zunächst auf rätoromanisch erschienen. Obwohl «La rumur dal flüm» eine der erfolgreichsten romanischen Veröffentlichungen war, ist es in der Originalsprache nicht mehr greifbar. Der Autor hat es ins Deutsche übertragen.

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